Afghanistan: Jedes zweite Kind unter fünf Jahren akut mangelernährt

Die humanitäre Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger warnt vor einer drohenden Hungerkatastrophe in Afghanistan. Über 18 Millionen Menschen leben ohne sicheren Zugang zu Nahrungsmitteln, das ist fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Besonders prekär ist die Lage für Kinder. Aktion gegen den Hunger nimmt schrittweise erste Hilfsmaßnahmen wieder auf.

Afghanistan – Jedes zweite Kind unter fünf Jahren in Afghanistan leidet unter lebensgefährlicher akuter Mangelernährung und benötigt dringend medizinische Fürsorge. Das hat eine Erhebung der humanitären und entwicklungspolitischen Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger kurz vor der Machtübernahme der Taliban ergeben.

„Es ist dringend erforderlich, den Fokus wieder auf die Menschen im Land zu richten“, sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust, Geschäftsführer von Aktion gegen den Hunger. „Unsere Teams sind dabei, die Nothilfe in den Provinzen Helmand, Ghor, Daykundi und Badakhshan wiederaufzunehmen.“ Das Land spielt für die Organisation eine besondere Rolle: Aktion gegen den Hunger wurde 1979 als Reaktion auf die damalige Notlage in Afghanistan gegründet und führt seitdem humanitäre Hilfe und Programme zur Sicherung der Lebensgrundlagen durch. Auch in dieser Situation steht die Organisation an der Seite der Menschen, die dringend Unterstützung benötigen.

Foto: ArmyAmber

Das Land erlebt gerade multiple Krisen: Neben den politischen Unruhen kämpft es mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und den Folgen des Klimawandels. Fast 18,5 Millionen Menschen leben in akuter Ernährungsunsicherheit und benötigen humanitäre Unterstützung zum Überleben. Die weit verbreitete Mangelernährung zieht weitere Probleme nach sich, wie eine hohe Muttersterblichkeitsrate, ein niedriges Geburtsgewicht von Neugeborenen und Komplikationen bei Durchfallerkrankungen – neben Mangelernährung eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern.

Die Situation ist dramatisch: „Die kritische Grenze für die chronische Unterernährungsrate liegt bei 30 Prozent. In der Provinz Ghor liegt sie beispielsweise bereits bei über 45 Prozent“, so Mike Bonke, Landesdirektor von Aktion gegen den Hunger in Afghanistan. „Unser Arbeitsschwerpunkt in Afghanistan sind deshalb aktuell unsere Ernährungs- und Gesundheitsprogramme. Mit mobilen Kliniken erreichen wir die am stärksten gefährdeten Menschen in abgelegenen Gebieten“, so Bonke. „Wir versorgen die Menschen zudem mit sauberem Wasser und etablieren Hygienestandards, vermitteln neue landwirtschaftliche Techniken und beraten Schwangere und Mütter darin, wie sie Mangelernährung bei sich und ihren Kindern rechtzeitig erkennen und vermeiden können.“

Seit der Machtübernahme der Taliban haben viele internationale Geber ihre Unterstützung für Hilfsprojekte in Afghanistan eingestellt. Das erschwert die Arbeit von humanitären Organisationen. „Es ist essenziell, dass die internationale Gemeinschaft die Mittel für humanitäre Hilfe für schutzbedürftige Menschen in Afghanistan nicht nur weiterhin bereitstellt, sondern signifikant ausweitet“, betont Friedrich-Rust.

Dabei ist es besonders wichtig, dass die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Bevölkerung gewährleistet wird. „Wir bestehen auf einer klaren Unterscheidung zwischen humanitären Organisationen und anderen Akteuren wie privaten Einrichtungen oder Regierungen. Für uns gelten die humanitären Prinzipien wie Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit. Unser einziges Ziel ist es, Menschen in Not zu unterstützen und ihnen den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu ermöglichen. Wir dürfen die Millionen von Kindern, Frauen und Männern nicht im Stich lassen“, so Friedrich-Rust. (opm/paz)