Alt-Viersche tanzte sich mit der ersten Sitzungssause ins neue Narrenjahr

Wenn der Januar gerade erst aufgewacht ist und Viersche schon wieder im Takt der Pauken schunkelt, dann ist klar: Die KG Jrön-Wette Jonges 1953 e. V. hat gerufen. Und so öffnete am gestrigen Samstagabend das Evangelische Gemeindehaus nicht einfach eine Tür, sondern ein ganzes Tor zur fünften Jahreszeit.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und Martin Häming

Viersche – Grün schimmernde Lichter auf der Bühne, erwartungsvolles Murmeln … es war der Moment, in dem aus Winter Karneval wurde. Zum ersten Mal nicht als klassische Galasitzung, sondern als mutige, laute, lebensfrohe „1. Viersener Sitzungssause“, bei der das Sessellüften ausdrücklich erlaubt und das Herzklopfen Programm war. So war auch das Evangelische Gemeindehaus nicht vollständig mit Stühlen besetzt, wodurch an Stehttischen Platz zum Tanzen und Schunkeln blieb.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Schon der Beginn des Abends ließ keinen Zweifel daran, dass hier nicht geschniegelt repräsentiert, sondern ausgelassen gefeiert werden sollte. Auf der Bühne formte sich ein ungewöhnliches Bild mit Theke und Tisch … und Marina Willems, die „In unserem Veedel“ mit einer gefühl- und ebenso kraftvollen Stimme schmetterte.

Uniformen blitzten, Orden klimperten, und über allem lag dieser besondere Duft aus Vorfreude, Parfum und ein bisschen Lampenfieber. Mit einem dreifachen, kraftvollen „Alla die Jröne!“ sprang der Funke in den Saal, hüpfte von Tisch zu Tisch und setzte sich in den Beinen fest. Der Sitzungskarneval 2026 in Alt-Viersche war eröffnet.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Durch den Abend führten Marina Willems und Eric Frank, ein Duo, das nicht moderierte, sondern regierte. Wortgewandt, schlagfertig, mit perfektem Timing und dieser seltenen Mischung aus Herzlichkeit und Humor spannten sie einen roten Faden durch das Programm, der eher einer bunten Luftschlange glich: mal gespannt, mal verspielt geknotet, aber immer tragend. Ihre Dialoge wirkten wie improvisiert, waren aber messerscharf gesetzt, ihre Pointen fielen nicht, sie tanzten.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Bevor sich die Bühne ganz den Künstlern öffnete, rückte die Gesellschaft selbst ins Rampenlicht. Der Vorstand präsentierte sich als eingeschworenes Team mit Charakterköpfen und karnevalistischer Selbstironie übrigens bereits im Sessionsheft. Kassiererin Vanessa Klawun jongliert nicht nur souverän mit Zahlen, sondern auch mit Hundeleckerlis, Geschäftsführer Torsten Winkels löscht Brände, bevor sie lodern … im Verein, wie im Leben.

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Hans Christian Willems, der erste Vorsitzende, steht wie ein karnevalistischer Leuchtturm für Erfahrung und Gelassenheit, während Marina Willems als zweite Vorsitzende mit Organisationstalent, Wortwitz und Multitasking-Fähigkeiten gleich mehrere Zahnräder des Abends gleichzeitig drehte. Ergänzt wurde das Führungsteam durch Christof Sonneberg, der doppelte Buchführung zur Herzensangelegenheit macht, und Schriftführerin Mira Frank, die dem närrischen Chaos Struktur und dem Protokoll Grammatik verleiht. Ein Vorstand wie ein gut gemixter Cocktail: stark, ausgewogen und mit ordentlich Wumms.

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Dann wurde es majestätisch. Unter tosendem Applaus zog das Prinzenpaar der Narrenherrlichkeit Viersen gemeinsam mit dem Viersener Tambour Corps 1925 in passendem Rot ein: Prinz Wolfgang III. und Prinzessin Estefania I. Endlich raus aus der adventlichen Warteschleife, rein ins Rampenlicht. Begleitet von der Viersener Prinzengarde und natürlich ihrer schönen Regimentstochter eroberten sie die Bühne mit strahlenden Gesichtern, funkelnden Augen und einer Ausstrahlung, die den Saal augenblicklich auf Temperatur brachte. Musik, Marsch, Gardeformationen … hier verschmolzen Tradition und Stolz zu einem lebendigen Bild närrischer Regentschaft. Die Herzen schlugen höher und für einen Moment schien es, als hätte Viersche seinen eigenen kleinen Hofstaat.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Kaum hatte sich das jecke Feuer entzündet, wurde es magisch. Matthias Rauch betrat die Bühne – und mit ihm eine Welt zwischen Staunen und Lachen. Der Comedyzauberer verstand es meisterhaft, das Publikum dort abzuholen, wo es gerade stand: mitten im Hier und Jetzt, mit offenen Augen und neugierigen Seelen. Seine Kunststücke waren mehr als Tricks, sie waren kleine Geschichten, erzählt mit Fingerspitzengefühl, Humor und einer Wärme, die den ganzen Saal umarmte.

Karten verschwanden, Schuhe tauchten auf, Wirklichkeit und Illusion tanzten miteinander. Rauch spielte nicht über den Köpfen, sondern mitten in die Herzen hinein. Man spürte seine jahrzehntelange Erfahrung, seine Liebe zur Zauberkunst, seine Fähigkeit, Menschen für einen Augenblick glauben zu lassen, dass Wunder möglich sind … gerade im Karneval.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Nach dem Staunen kam das Beben. Die Feuervögel der Großen Karnevalsgesellschaft Krefeld 1878 stürmten die Bühne wie ein Flammenwurf aus Rhythmus und Muskelkraft. Das Männerballett, erst 2019 gegründet und doch schon mit beeindruckender Präsenz, brachte Energie pur. Ihre Choreografien waren kraftvoll und gleichzeitig augenzwinkernd. Jeder Sprung, jede Drehung wirkte wie ein Versprechen: Karneval darf wild sein, darf laut sein, darf Spaß machen. Das Publikum jubelte, pfiff, klatschte im Takt, während die Feuervögel mit Leidenschaft und Humor bewiesen, dass Tanz im Karneval längst keine reine Damendomäne mehr ist.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Musikalisch blieb Viersche anschließend fest in Krefelder Hand. Die Rhienstädter übernahmen das Kommando und verwandelten den Saal in eine brodelnde Partyzone. Sieben Musiker, dazu ein eingespieltes Technikteam, lieferten 111 Prozent Karnevalsgefühl … live, laut und leidenschaftlich. Alte Klassiker trafen auf neue Hits, Rock küsste Schlager, und der Refrain wurde schnell zur kollektiven Gesangseinlage. Die Band verstand es, den Saal zu lesen, Tempo aufzunehmen, Spannung zu halten und immer wieder diese magischen Momente zu erzeugen, in denen Fremde sich einhaken und Freunde sich in den Armen liegen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Der tänzerische Bogen spannte sich weiter mit der Tanzgarde der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß Vorst 1977 e. V., die mit präzisem Gardetanz, strahlenden Uniformen und disziplinierter Eleganz überzeugte. Traditioneller Tanz traf auf jugendliche Frische, und jeder Schritt saß wie ein Paukenschlag im Takt der Musik.

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Micky Brühl betrat die Bühne. Solo, aber mit der Wucht von vier Jahrzehnten kölscher Musikgeschichte im Gepäck. Seine Stimme, rau und herzlich zugleich, trug Lieder, die ganze Generationen verbinden. Klassiker und neue Songs flossen ineinander, Mitsingen war keine Option, sondern Pflicht. Brühl erzählte, sang, animierte, und der Saal folgte ihm bereitwillig auf jede emotionale Kurve. Ob „Ich hann de Musik bestellt“ oder „Zo Fooss noh Kölle jonn“ … jeder Titel traf ins Herz, jede Zeile wurde gelebt.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Ein besonders emotionaler Moment folgte mit dem ersten Solo-Tanz von Mariechen Kira aus den Reihen der Jrön-Wette Jonges. Eine gekonnte Premiere. Ihr Tanz war mehr als ein Programmpunkt … er war Bühne für Anerkennung, Stolz und Vereinsverbundenheit. Denn nur Sekunden zuvor war Frank Leurs zum neuen Ehrensenator ernannt worden, begleitet von Applaus, Musik und einer Atmosphäre, die deutlich machte: Hier wird nicht nur gefeiert, hier wird Gemeinschaft gelebt. Die Laudatio hielt Wolfgang Genenger, Leurs dankte in seiner Rede besonders seiner Frau.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Spätestens jetzt war aus der Sitzung endgültig eine Sause geworden. Während DJ Chris die Stimmung im Anschluss nahtlos hochhielt, Polonaisen samt Eisbär durch den Raum navigierte und selbst die Ehrungen der Senatoren zur Tanzfläche machte, setzte Knallblech dem Abend die schillernde Krone auf. Eine Brassband, die Grenzen sprengt: zehn Bläser, ein DJ, Beats wie Donner, Performance wie ein Rausch. Trompeten, Saxophone, Posaunen – alles verschmolz mit elektronischen Sounds zu einer Partyexplosion, die keinen Fuß stillstehen ließ.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Knallblech war nicht einfach ein Act, sondern ein Ereignis. Die Musiker wirbelten über die Bühne, die Energie schwappte ins Publikum, Licht und Rhythmus verbanden sich zu einem Finale, das eher an ein Festival als an einen klassischen Sitzungsabend erinnerte. So pulsierte das Evangelische Gemeindehaus bis tief in die Nacht, erfüllt von Musik, Lachen, Tanz und diesem besonderen Gefühl, das nur Karneval erzeugen kann: gemeinsam ausgelassen, gemeinsam jeck, gemeinsam mittendrin. Ja, es war das erste jecke Kapitel 2026 und es verspricht sensationell zu werden. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming