„Auf anständige Weise handeln“ – Interview mit Prof. Dr. Claus Hipp

Wer als Mitarbeiter der HiPP-Gruppe morgens die Zentrale in Pfaffenhofen betritt, der wird schon bei der Zeiterfassung mit einem freundlichen „Grüß Gott“ im Display begrüßt. Was sich für den einen oder anderen wie eine traditionelle bayerische Floskel anhören mag, der wird im Gespräch mit dem Unternehmer und Künstler Prof. Dr. Claus Hipp schnell eines Besseren belehrt.

Impuls – Für Prof. Dr. Claus Hipp ist sein christlicher Glauben auch im unternehmerischen Alltag ein wichtiger Wertekompass und eine unverzichtbare Handlungsmaxime. „Ich bin kein Missionar“, gibt er im Gespräch allerdings zu Protokoll. „Schade“, denkt man da als Gegenüber. Denn viele seiner Überzeugungen und Erfahrungen präsentiert er beim Besuch nicht nur druckreif, sondern sie wären es auch zweifelsohne wert, von viel mehr Menschen gehört, diskutiert, verstanden und gelebt zu werden.

„Dafür stehe ich mit meinem Namen!“, wer kennt diesen Leitspruch aus der Werbung des bayerischen Familienunternehmens nicht? Aber wer ist der Mann, der – zuletzt mit seinem Sohn – im TV so offensiv für sein Unternehmen warb. Wer ist der Mann, der nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Gesicht für ein Produkt hergibt, mit dem viele Generationen aufgewachsen sind?

Der Mann ist mittlerweile über 80 Jahre alt. Und wer die Vita und Berichte über den Unternehmer Claus Hipp liest, der kommt schnell zu der Überzeugung, dass ein Leben für diesen Mann eigentlich viel zu wenig ist. Und 24 Stunden am Tag scheinen auch nicht zu reichen. Sein Sekretariat im obersten Stockwerk des Bürogebäudes ist stets ab 6 Uhr morgens besetzt. „Und wenn ich abends keine späten und langen Termine habe, dann bin ich auch heute noch so früh an meinem Tisch“, berichtet Hipp. Er habe dann meist morgens schon all das erledigt, mit dem sich manch anderer bis abends beschäftige. „Wer später anfängt, dem fehlt halt was“, stellt er überzeugt fest und bestätigt, dass ihm das frühe Aufstehen natürlich auch Zeit für Freiräume schaffe, in denen er seinen anderen Berufungen nachgehen könne.

Foto: HiPP

Man ist geneigt, stets das eigene Handeln auf den Prüfstein zu stellen, wenn Claus Hipp aus seinem Leben und Erfahrungsschatz berichtet. Wobei „berichtet“ eigentlich das falsche Verb ist. Seine Worte wählt er stets wohl bedacht. „Jedes Wort, was zu viel ist, lässt falsche Deutungen zu“, konstatiert er und fasst selbst diesen kurzen Satz nochmals zusammen: „Weniger reden – mehr sagen!“, schreibt er all denen ins Stammbuch, die sich gerne selbst reden hören.
Im Gespräch bietet sich nach diesem Satz natürlich ein Exkurs in die Politik an. „Was in der Politik geschieht, das kann ich mir in der Wirtschaft nicht leisten“, stellt er fest. Gerade von Familienunternehmen könne der Politiker noch viel lernen: „Ehrlichkeit, Offenheit, Zielstrebigkeit und Unbestechlichkeit“, fasst Hipp in seiner unnachahmlichen Art zusammen. Und wieder hört sich sein Resümee an wie eine Selbstverständlichkeit. Jeder Satz erscheint wie eine zitierte Lebensweisheit aus einer über Jahre entstandenen Biografie. Es beeindruckt, mit welcher Ruhe und doch zugleich mit welcher tiefen Überzeugung und Entschlossenheit dieser Mann redet, ohne sein Gegenüber bevormunden zu wollen.

Eine seiner wesentlichen Unternehmensmaximen sei, dass er keine Erfolge wolle, die nur auf „unanständige Art und Weise“ erreichbar seien. „In der Politik zählt oft der schnelle Erfolg mehr als der Weg.“ Und das sei es, was viele Menschen abschrecke. Worte, die sitzen und nachhallen. Aber nicht, weil Hipp sie laut verkündet, sondern eben weil sie durchdacht und pointiert formuliert sind und man ihm jedes Wort abnimmt.
„Was uns häufig fehlt, ist ein wenig mehr Demut“, stellt er fast schon nebenbei fest. Sowohl im Unternehmen wie auch in der Politik müsse man bereit sein, einmal getroffene Entscheidungen aufgrund neuer Fakten erneut zu überdenken. Man müsse eigene Fehler eingestehen und sich selbst korrigieren. „Das erfordert Demut – aber das ist heute leider nicht mehr modern“, bedauert er.

„Vielleicht ebenso unmodern wie manch einer die Themen ‚Werte‘ und ‚Kirche‘ sieht“, ist man geneigt, Claus Hipp im Gespräch ein wenig aus der Reserve zu locken. Doch auch diese Rechnung wurde ohne ihn gemacht. „Ich bin kein Missionar, aber jeder, der zu uns kommt, weiß wofür wir stehen“, erklärt er.
Vor einiger Zeit habe er begonnen, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einmal im Monat zu einer heiligen Messe in einer nahegelegenen Wallfahrtskirche einzuladen. „In den ersten Monaten war ich mit dem Pfarrer oft fast alleine. Mittlerweile feiern fast 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Messe mit“, berichtet er und fügt hinzu, dass es vor allem auch junge Menschen seien, die in die Kirche kommen.

„Es ist sicherlich eine der wenigen vom Arbeitgeber bezahlten Messen. Aber wenn beim Beten ein wenig für das Unternehmen abfällt, dann nehmen wir das gerne in Kauf“, erzählt Hipp. Was sich im ersten Augenblick wie ein kleines humorvolles Augenzwinkern anhören mag, spiegelt jedoch seine Grundüberzeugung wider, dass der Mensch den Glauben und die Religiosität braucht. „Glauben fängt da an, wo das Wissen aufhört. Und deshalb ist mir ein gläubiger Mensch immer näher, als einer, der an nichts glaubt“, betont Claus Hipp. Wer gläubig ist, könne beten und hoffen. Einem Atheisten bleibe im Notfall nur die Angst vor der Zukunft.
Beten gehört für ihn zum Leben. „Nicht nur morgens komme ich dabei zur Ruhe, wenn ich die Wallfahrtskirche nahe meinem Wohnhause aufschließe“, berichtet er. Auch zwischendurch und im Büro nehme er sich bewusst die Zeit. Vor einigen Jahren war er längere Zeit schwer krank. „Da konnte ich nichts mehr machen. Aber ich konnte immer den Rosenkranz beten. Das ging und daran kann ich mich erinnern“, schildert er. „Das hat mir auch in dieser schweren Situation das Vertrauen geschenkt, dass alles wieder gut wird.“

Jeder Satz hört sich an wie ein Resümee, wie das Vermächtnis eines Mannes, der Vorbild für viele Menschen sein kann. Doch kommen diese Sätze nie überlegen oder überheblich daher. „Wer oben steht, der sollte Vorbild sein“, ist sich Claus Hipp seiner Rolle sehr wohl bewusst. Doch zugleich stellt er im selben Atemzug noch fest: „Wer oben steht und den Kopf immer hochträgt, der sieht nicht mehr, was unten passiert!“
Und das will Hipp auf keinen Fall. Er will keine klugen Ratschläge geben, aber er will durchaus zum Nachdenken anregen und bewusst als Vorbild eine Richtschnur seiner Werte, seiner Erfahrungen, seiner Überzeugungen und seines Glaubens vermitteln. Eine Rolle, die ihm auf dem Leib geschneidert scheint. Und vielleicht führt er auch deshalb als Maler und Kunstprofessor noch ein weiteres Leben. Kunst und Unternehmertum scheinen für ihn zwei Seiten derselben Medaille zu sein. Unternehmertum bedinge Kreativität und die Kunst brauche auch eine Portion Geschäftstüchtigkeit, erläutert er. Und doch seien für ihn die Reisen zu seinen Studenten in Georgien immer wieder etwas ganz Besonderes und sehr intensiv. „Das ist ein ganz anderes Leben.“

Und so verwundert es schon, dass Claus Hipp uns ausgerechnet in diesem Bereich auf eine Frage keine Antwort zu geben vermag. „Nein“, welches Motiv das Bild habe, das sein Leben widerspiegele, könne er nicht sagen. Seit dem Besuch in Pfaffenhofen sind einige Wochen vergangen und es würde nicht verwundern, wenn heute die Antwort auf diese Frage eine andere wäre und neben seinen Bildern im Flur vor seinem Büro ein neues Werk hängen würde. In prägnante Worte fassen konnte er seine Lebensphilosophie nämlich durchaus und ohne viel nachdenken zu müssen: „Auf anständige Weise handeln!“ Claus Hipp beeindruckt.

Es ist die Mischung aus Besonnenheit, Klarheit, Offenheit und einer inneren Ruhe und Zufriedenheit, die er ausstrahlt, und die doch irgendwie stets im offenen Widerspruch zum unbedingten Leistungswillen eines überaus erfolgreichen Unternehmers steht, der oftmals im offenen Widerstand zu großen gesellschaftlichen Schichten Visionen umgesetzt hat. Als Familienunternehmen hat sich die HiPP-Gruppe gegen große Konzerne als Marktführer in seinem Segment durchgesetzt und gehalten. Auch den Generationenwechsel hat er bereits vollzogen und überlässt voller Überzeugung seinen Kindern die unternehmerischen Entscheidungen – ohne sich mit seinem Wissen und Engagement ganz zurückzuziehen. Ihm scheint nahezu jeder Spagat in seinem Leben zu gelingen. Er ist Mensch und Unternehmer. Er ist Katholik und weltoffener Künstler. Er ist einfach Claus Hipp und sich selbst und seinen Überzeugungen gegen jeden Zeitgeist treu geblieben. Dafür steht er mit seinem Namen!

Prof. Dr. Claus Hipp

Der Unternehmer ist seit 1968 geschäftsführender Gesellschafter der HiPP-Gruppe. 1938 in München geboren, leitete er bereits neben dem Studium der Rechtswissenschaft den familieneigenen Landwirtschaftsbetrieb, der bis heute bewirtschaftet wird und mittlerweile ein Musterbetrieb für Biodiversität ist. 1963 trat er in die väterliche Firma für Säuglingsnahrungsmittel ein. Als Bio- Pionier setzt das Unternehmen seit über 60 Jahren biologisch erzeugte Rohwaren in seiner Babynahrung ein und sorgt mit seinem Netz von rund 8.000 Bio-Erzeugern für Umwelt-, Klima- und Wasserschutz. Claus Hipp ist unter seinem Geburtsnamen Nikolaus Hipp als freischaffender Künstler aktiv. Er ist Professor der Staatlichen Kunstakademie und der Staatlichen Universität in Tbilisi, Georgien. Zudem ist er georgischer Honorarkonsul für Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!