„Behörde sei über das Ziel hinausgeschossen“ – Verfahren gegen Willicher Naturschützer eingestellt

Bereits seit rund vierzehn Jahren engagiert sicher der Willicher Harry Abraham beim NABU Willich für den Greifvogel und Eulenschutz. In Sorge um junge Turmfalken beim Ausbleiben der Elterntiere beobachtete er den Nachwuchs einige Sekunden mit einer Kamera. Erleichterung stellte sich ein mit der Feststellung, dass es den Tieren gut geht – dafür allerdings flatterte ein unerwarteter Bußgeldbescheid der Unteren Naturschutzbehörde ins Haus.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Willich – Es war Frühling im Jahr 2020 als Harry Abraham einen ungewöhnlichen Brief der Unteren Naturschutzbehörde Kreis Viersen erhielt. Rund 250 Euro Bußgeld legte ihm die Behörde auf, weil er wildlebende Tiere mutwillig beunruhigt habe. Für den engagierten Naturschützer ein unfassbarer Sachverhalt, der nun vor dem Mönchengladbacher Gericht zu seinen Gunsten entschieden wurde.

Doch was war passiert? Abraham engagiert sich bereits seit 2007 beim NABU Willich für den Greifvogel und Eulenschutz auf dem Willicher Stadtgebiet. „Wir haben über mehrere Jahre ca. 50 Steinkauznistkästen und mehrere Turmfalken, sowie Wanderfalkenkästen gebaut und installiert“, so Harry Abraham. „Hierbei war es uns als ehrenamtliche Naturschützer immer eine Freude, wenn wir Bruterfolge in unseren Nisthilfen beobachten konnten.“ Hierzu gehört auch die Nisthilfen zu kontrollieren, zu reinigen und nach Bedarf wieder zu reparieren.

Seit mittlerweile fünf Jahren haben die Eheleute Abraham zudem an ihrem Haus in Willich in jedem Jahr einen Bruterfolg von jeweils vier bis fünf jungen Turmfalken. „Der Kampf um den Nistplatz fängt schon im Februar jeden Jahres an. Dohlen und das Turmfalkenpärchen streiten sich um diesen Nistplatz“, erklärt der Naturschützer. „Die Turmfalken konnten bislang diesen angestammten Nistplatz erfolgreich besetzen. Leider gibt es nicht genügend Nistmöglichkeiten für diese Vögel und so sind diese Plätze sehr begehrt.“
Gerade deshalb sei bei ihm im Haus während der Brutphase eine besondere Rücksichtnahme in Bezug auf Geräusche und Vorgartenarbeit selbstverständlich. Hierbei wird zudem immer ein Auge vom Garten aus, auf den Nistkasten geworfen, denn wenn das brütende Weibchen das Gelege verlässt sei die Gefahr groß, dass die Eier geräubert würden.

Foto: Harry Abraham

„Während der Brutzeit versorgt das Männchen das brütende Weibchen mit Nahrung, die hauptsächlich aus Feldmäusen besteht. Hierbei landet das Männchen erst immer auf dem Dach des Nachbarhauses um zu sehen, ob in Nestnähe alles ruhig und in Ordnung ist“, berichtet Harry Abraham und in seinen Augen lässt sich die Liebe zu den Tieren ablesen. Durch piepen macht das Männchen auf sich aufmerksam, woraufhin das Weibchen das Nest verlässt um die gefangene Beute zu übernehmen, führt er weiter aus. In diesem Moment übernimmt dann das Männchen kurze Zeit das Brutgeschäft, eine Situation, die der Naturschützer mit Freude von seinem Wohnzimmerfenster aus sehen kann, denn Ende Mai waren die kleinen Turmfalken geschlüpft.

Große Sorge bereitete den Eheleuten Abraham allerdings das Ausbleiben der Turmfalken auf dem Nachbarhaus. „Wenn die Jungfalken nicht mehr gefüttert werden besteht die Gefahr, dass sie schlicht und einfach verhungern. Deshalb entschloss ich mich mit einer kleinen Kamera kurz in das Nest zu schauen, ob alles in Ordnung ist.“ Auf dem Computer schaute er sich im Nachhinein das Ergebnis an, um erleichtert festzustellen, dass die Turmfalken quicklebendig waren. Nicht einmal 30 Sekunden dauerte die Aufnahme, die er aus Freude über den Bruterfolg und um andere Tierfreunde zu animieren selbst Nistplätze zu installieren auf Facebook setzte. Ein übliches Vorgehen – allerdings nicht in den Augen der Unteren Landschaftsbehörde Kreis Viersen, denn der Naturschützer habe mit der Veröffentlichung des Videos der Außenwelt ein irreleitendes Signal vermittelt und die Tiere mutwillig beunruhigt.

Foto: Harry Abraham

Der zuständige Artenschutzbeauftrage schickte kurzerhand einen Bußgeldbescheid ohne vorherige Kontaktaufnahme und obwohl der Willicher mit der Behörde im Bereich des Hornissenschutzes eng zusammenarbeitet. „Ich war doch sehr verwundert über diese Maßnahme, erwartet hätte ich ein persönliches Gespräch.“ Dieses allerdings blieb aus und auch die Versuche der BUND-Vorsitzenden Almut Grytzmann-Meister das Bußgeldverfahren einzustellen verlief im Sand. „Wir Naturschützer wollen alles andere als die Vögel zu stören. Leider wurde auf diese Eingabe nicht reagiert.“ Aufgrund dessen legte der Willicher Einspruch ein. „Über viele Jahre habe ich in Zusammenarbeit mit der Wanderfalkenschutz Arbeitsgemeinschaft NRW bei der Beringung von Wanderfalken praktisch mitgeholfen, diese aus dem Nest zu nehmen und zu beringen. Ich kann also schon einschätzen, was eine echte Störung ist.“

Ein Verfahren, welches sich nun mittlerweile bis in den Herbst 2021 zog, für den Willicher aber nun Mitte November nach drei verschobenen Gerichtsterminen erfolgreich ausging. Die Behörden sind manchmal übermotiviert dem Gesetzestext Folge zu leisten, so eine Aussage des Richters. Und der Schutz der Turmfalken? Hierfür wird sich Harry Abraham natürlich auch in Zukunft einsetzen. Es sei zu hoffen, dass die Behörden beim nächsten Mal genauer prüfen, bevor engagierten und ehrenamtlichen Tierschützern ein weiterer Bußgeldbescheid zugestellt wird. (nb)

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