Buchtipp: Unterwegs im blauen Universum

Auf der Suche nach Schiffswracks in der Arktis, Nazi-Falschgeld in Alpenseen, antiken Stätten in der Wüste, einem Schatz im tiefsten Brunnen der Welt und der Antwort auf die Frage, wie man als Mensch wochenlang unter Wasser leben kann

Literatur – Wenn man sich bisher weder für Meeresbiologie, noch fürs Tauchen, noch für die Welt der Tiefsee oder für Fische jenseits der üblichen Verdächtigen sonderlich interessiert hat, dann hat man mit großer Wahrscheinlichkeit von keinem der folgenden Wesen je gehört: Der Schwefelmolly, der Amphiprion, das Methanobacterium pecunivorans, die PyjamaNacktschnecke, der Schleimfisch Runula, der homo aquaticus Hans Fricke.

Nach der Lektüre von Unterwegs im Blauen Universum könnte es allerdings sein, dass man sie alle regelrecht ins Herz geschlossen hat und noch lange verwundert und beglückt den Kopf über das schüttelt, was man nun über sie weiß – und über die Menge an beinahe unglaublichen Tatsachen, Forschungserfolgen (und Misserfolgen) und im wahrsten Wortsinn abwegigen Orten auf diesem Planeten, die man durch dieses Buch kennengelernt hat.

Hans Fricke ist nicht nur der Konrad Lorenz der Unterwasserwelt (man muss die Welt aus der Sicht der Fische wahrnehmen, nur dann kann man sie verstehen, ist seine Devise) und hat mehr als 10 000 Stunden unter Wasser verbracht, ein Unterwasserhaus im Roten Meer gebaut und es bewohnt, zwei Tiefseetauchboote mitkonstruiert und darin zig Tauchgänge absolviert, Nazi-Falschgeld aus dem Toplitzsee gefischt (und darauf das oben erwähnte Bakterium entdeckt, dass sich von den Geldscheinen ernährt), Flugzeugwracks aus dem Bodensee geborgen und einen veritablen Schatz aus dem tiefsten Burgbrunnen der Welt auf dem Kyffhäuser geholt. Auch zu Lande – in Eiseskälte und Wüstenhitze – hat Hans Fricke sich immer wieder auf die Suche gemacht, wenn seine Neugier einmal geweckt war, konnte er mit Chuzpe und Hartnäckigkeit oft Hindernisse überwinden, an denen andere vor ihm scheiterten.

So fand er zum Beispiel im arktischen Eis die Spuren von gleich zwei deutschen ArktisExpeditionen: Die von Leutnant Schröder-Stranz im Jahre 1912, der berühmt werden wollte, aber nicht zurückkehrte. Und im Laufe von drei Reisen und mithilfe des Tauchbootes JAGO findet Hans Fricke schließlich auch das am weitesten nördlich gelegene Schiffswrack der Welt, die Loevenskiold. Mit diesem Schiff war der Frankfurter Polarfahrer Theodor Lerner 1913 aufgebrochen, um den verschollenen Leutnant an der Packeisgrenze am 80. Breitengrad zu suchen, und auch diese Expedition scheiterte.

Und in der ägyptischen Wüste, an der versandeten römischen Via Hadriana, entdeckte Fricke vergessene antike Stätten – unterwegs mit einem Moped.

Hans Fricke hat außerdem als erster den inzwischen weltberühmten Quastenflosser in seinem dunklen, tiefen Lebensraum erforscht, er hat entdeckt, dass bestimmte Fische Wissen tradieren und andere sich auf ein „stilles Örtchen“ in ihrem Revier einigen, er hat herausgefunden, was Flohkrebse mögen, wie die Aale sich in den Weiten des Atlantik zum Paaren finden, und welchen Weg sie dann wieder nach Hause nehmen. Und er ist einer den ganz wenigen Menschen auf dieser Erde, der über einen Zeitraum von 50 Jahren die Entwicklung desselben Unterwassergebiets im Roten Meer beobachtet hat – also einer, der aufgrund valider wissenschaftlicher Langzeitbeobachtung sagen kann, wie sich die Flora und Fauna der Meere verändert.

Es gibt auch dramatische Ereignisse (der beste Freund verunglückt beim Tauchen), und vieles läuft schief, seien es versiegende Geldquellen, verkehrte Konstruktionen (das erste Unterwasserhaus schoss wie eine Rakete an die Oberfläche des Roten Meeres, weil eine falsche Klappe geöffnet wurde), eine Unterwassermine, auf die man zutreibt, Wassereinbruch im Tauchboot oder auch gesundheitliche Notlagen wie zum Beispiel böse Rückenschmerzen, während man eingepfercht zu zweit in einem winzigen Tauchboot liegt, das sich dann außerdem noch am Grund des Bodensees mit einem Seil verhakt.

Von all diesen faszinierenden, teils abenteuerlichen Erlebnissen und Entdeckungen berichtet Hans Fricke in seinem Buch mit einer beinahe nonchalanten Entspanntheit, durch die aber doch immer wieder etwas aufblitzt, das ihn von jedem Verdacht der Koketterie oder Angeberei freispricht: echte Gefühle. Große Dankbarkeit, gegenüber Mitstreitern, Kolleginnen und Freunden – und auch für ein erfülltes Leben, in dem er seiner Leidenschaft für die Unterwasserwelt folgen konnte. Liebe zu den Fischen, Flohkrebsen und Korallen, zum Tauchen an sich, zum Forschen – und die Freude darüber, wenn ein Rätsel sich lösen lässt oder eine Frage geklärt wird.

Und was ist denn nun der Amphiprion? Es handelt sich um den Seeanemonenfisch (auch bekannt durch den Film „Findet Nemo“), den Hans Fricke im Roten Meer vier Jahre lang erforscht hat. Die Fische leben in Paaren, die jahrelang zusammenbleiben – und sie können ihr Geschlecht wechseln. Als Jungtiere sind sie alle Männchen, die dann miteinander kämpfen. Der stärkere Sieger wird in der Folge zum Weibchen. Ein gutes Gedächtnis haben die kleinen Amphiprions auch: Schon nach 10 Minuten mit einem fremden Fisch erinnern sie sich noch einen Monat später an ihn. Fricke schreibt dazu voller Hochachtung: „Chapeau, du kleines Amphiprionhirn!“

Hans Fricke, Unterwegs im Blauen Universum, Gebunden, 352 Seiten, 25,- Euro, Verlag Galiani Berlin 

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Stichwort: Unterwegs im Blauen Universum