Bundesminister Jens Spahn fand im AKH Viersen gekonnt den Dialog

„Man muss über Probleme reden, wenn man sie lösen will, wir müssen aber auch die Momente aufzeigen aus denen Kraft geschöpft werden kann“, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der gestern im Allgemeinen Krankenhaus Viersen vor Gästen und Mitarbeitern die Probleme des deutschen Gesundheitssystems offen ansprach und sich auch den kritischen Fragen stellte.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Viersen – Mit dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten die Senioren und Frauen Union der CDU im Kreis Viersen einen hochkarätigen Gast gewinnen können, der in die gerade erst vor wenigen Tagen fertig gestellte neue Cafeteria des Allgemeinen Krankenhauses Viersen zahlreiche interessierte Zuhörer zog. Mit dieser „inoffiziellen Eröffnung“ ist die Cafeteria einer der letzten Bausteine der Gesamtbaumaßnahme von 31,5 Millionen Euro. „Es ist für uns eine besondere Ehre den Bundesgesundheitsminister hier im Krankenhaus begrüßen dürfen“, so Geschäftsführer Dr. Thomas Axer, der gemeinsam mit Geschäftsführer Kim-Holger Kreft als „Hausherren“ die Begrüßung an den mit Beifall empfangenen Gast richtete. Worte, der sich Sonja Fucken-Kurzawa, Vorsitzende der Frauen-Union im Kreis Viersen, und Reinhard Maly, Vorsitzender der Senioren-Union Kreis Viersen, gerne anschlossen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Zwar war es nicht das erste Mal, dass Jens Spahn im Kreis Viersen zu Besuch war, dennoch war der gestrige Besuch des damaligen gesundheitspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der im März 2018 als Bundesminister für Gesundheit vereidigt wurde, von besonderem Interesse. Bis auf den letzten Platz besetzt traf das Thema „Wie gesund ist unser System?“ genau den Nerv. Spahn wies bereits bei seinem eingehenden Impuls darauf hin, dass er die drei großen Ziele seiner Legislatur – die Wartezeiten auf einen Arzttermin verkürzen, die Arbeitsbedingungen für die Pflegenden verbessern und die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben – weiterhin im Blick hat.

Ein großes Thema wäre in diesem Zusammenhang auch der Vertrauensverlust auf vielen Ebenen. Vieles habe sich in den vergangenen Jahren an vielen Stellen in die falsche Richtung entwickelt. Über Jahre sei das Gefühl entstanden: ‚Die politischen Entscheider bekommen davon nichts mit‘. Umso wichtiger seien gemeinsame Diskussionen aus denen Kompromisse und gestalterische Entscheidungen entstehen müssten. Wichtig waren ihm zudem die Themen Organspende, welche entgegen immer wieder gemachter Voraussagen seiner Kritiker nicht zur Pflicht werden und über die im Herbst entschieden werden soll, ebenso wie die Impfdebatte.

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„Wir gehen mit dem Vorschlag, den ich in zwei Wochen im Kabinett machen möchte, einen Schritt weiter. Für Kindergärten, Schulen und für medizinisches Personal im Krankenhaus wird es eine Impfpflicht geben.“ Das sei eine Abwägungsentscheidung, denn die Zahlen der Ausbrüche von Masern seien hoch. „Wir könnten die Maser zusammen auf der Welt ausrotten. Wir haben geschafft auf der Welt die Pocken auszurotten, wir sind gerade dabei die Kinderlähmung auszurotten und das Gleiche können wir mit den Masern erreichen“, erläuterte der Bundesgesundheitsminister. Denn wenn es nicht mehr ums eigene Kind, sondern auch um die Kinder anderer Eltern oder um Patienten im Krankenhaus, dann gehöre zur Freiheit auch, dass nicht das Risiko gegeben sei angesteckt zu werden. Mit Blick darauf, dass das Ausrotten der Masern an Deutschland und Europa und nicht an anderen Kontinenten scheitern würde, wäre es jetzt Zeit aus den jahrelangen Debatten Entscheidungen werden zu lassen. Entscheidungen, die auch in der Pflege getroffen werden müssten.

„Wir müssen diesen Beruf so interessant machen, dass wenn Ihr Kind, Ihr Enkelkind zu Ihnen kommt und sagt ‚Ich möchte Pflegekraft werden‘, dass Sie nicht darüber nachdenken ‚Oh, wie reden wir ihm das wieder aus‘ oder Pflegekräfte sich selbst sagen ‚Oh, wie reden wir ihm das wieder aus‘, sondern guten Gewissens sagen können ‚Das ist eine gute Entscheidung, das ist ein Beruf mit Zukunft, mit gutem Ansehen und guten Arbeitsbedingungen“, so Spahn. Da wolle er hin, doch das ginge nur Schritt für Schritt. Vertrauen zurückgewinnen würde nur gehen, wenn Schritt für Schritt die jetzige Situation verbessert werden würde. Das könne nicht in sechs Monaten gehen, doch wenn Pflegekräfte in Deutschland in zwölf Monaten sagen ‚Die Richtung stimmt‘, dann wäre der Bundesgesundheitsminister einen großen Schritt weiter. Ebenfalls die Problematik der Arzttermine von privat und kassenärztlich versicherten Patienten sprach Spahn offen an.

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„Wir sagen bei den Ärzten erstmals seit vielen Jahren, wer zusätzlich Patienten nimmt, der bekommt sie auch bezahlt“, erläuterte Spahn. Er sei der Meinung, dass diese Umsetzung, die gerade erst vor wenigen Monaten in Kraft getreten ist, bereits positiv aufgenommen wird. Hier sei ebenfalls ein großes Thema die elektronische Patientenakte, über die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt gesprochen wird. Eine Möglichkeit, kein Muss, wie der Bundesminister betonte. Vertrauen zurückgewinnen müsse man zudem mit den Erfahrungen der letzten 70 Jahre. „Wir haben viel erreicht in den letzten 70 Jahren. Deutsche Einheit, Finanzkriese, wir haben gemeinsam viel geschafft. Wir müssen mit Blick auf diese Erfolge und wieder lernen Lust auf die Zukunft zu haben“, sagte Spahn. „Ich freue mich, dass die Lebenserwartung an jedem Tag um sechs Stunden steigt. Wir werden älter, aber wir müssen dadurch auch ein paar Dinge verändern. Wenn wir länger leben, müssen wir auch länger arbeiten um das zu finanzieren. Das weiß jeder, aber keiner will darüber reden.“ Veränderungen die im Laufe der Geschichte dazugehören würden und über die offen gesprochen werden müsse.

Der überwiegende Teil der Zuhörer zeigte sich im Anschluss an die Diskussionsrunde begeistert von den fundierten Antworten auf kritische Fragen, die Jens Spahn ohne Scheu aufgriff und sich ebenfalls Zeit nahm für einen Besuch der Viersener Kardiologie, ein Gespräch mit Patienten, Pflegern sowie Schwestern und die Frage nach Anregungen und Problemen, die der Bundesgesundheitsminister mitnehmen möchte in die aktuellen Debatten zum deutschen Gesundheitssystem mit viel „Zuversicht und Lust auf Zukunft“. (cs)