Kinder erkranken selten schwer an Covid-19 – Sind sie deshalb auch weniger ansteckend?

Kinder erkranken selten schwer an Covid-19. Sind sie deshalb auch weniger ansteckend? Neue Studien liefern Hinweise. Die Beurteilung könnte darüber mitentscheiden, wann Kitas und Schulen für Jüngere wieder öffnen.

Gesundheit – Wenn Kinder sich mit Sars-CoV-2 anstecken, verläuft die Krankheit nur sehr selten schwer. Häufig entwickeln sie sogar überhaupt keine Symptome. Warum dürfen sie dann nicht in den Kindergarten oder zur Schule gehen? Die Antwort darauf: Auch Kinder können schwer erkranken. Vor allem aber stecken sie andere an und könnten so erheblich zur Ausbreitung des Virus beitragen. Doch wie infektiös sind die Kleinen wirklich?

Hinweise darauf hat ein Team um den Charité-Virologen Prof. Christian Drosten gefunden. Die Forscher haben Proben von fast 4000 infizierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausgewertet, die zwischen Januar und 26. April in verschiedenen Berliner Testzentren untersucht wurden. Dazu wurden Abstriche tief aus dem Rachen der Getesteten gewonnen, wo sich das Virus besonders stark vermehrt. Die Menge an Sars-CoV-2-Viren, die die Forscher jeweils ermittelten, war in allen untersuchten Altersgruppen ähnlich – auch bei Kindern. „Das ist interessant, weil wir wissen, dass es nur bei einer bestimmten Konzentration zu einer Ansteckung kommt“, sagt Drosten im NDR-Podcast dazu. Man darf also vermuten, dass infizierte Kinder andere genauso leicht anstecken wie Erwachsene.

Foto: Moshe Harosh/Pixabay

Allerdings ist auch bei dieser Studie die Krux, dass der Anteil der untersuchten Kinder sehr gering ist. Von den rund 60 000 Menschen, die in Berliner Testzentren untersucht wurden, waren 3712 Sars-CoV-2-positv. Drunter waren 37 Kinder bis zum vollendeten 6. Lebensjahr, 16 weitere bis zehn Jahre. „Wir hätten eigentlich zehnmal mehr untersuchen müssen“, sagt Drosten. Doch es gibt weltweit nicht genug so junge Getestete. „Insofern war das eine Notlösung, die aber wichtige Hinweise liefern kann.“

Das Problem ist nachvollziehbar: Wenn Kinder kaum Symptome haben, werden sie entsprechend weniger getestet. Zudem ist die Hemmschwelle für Eltern hoch, ihre Kinder in Testzentren vorzustellen, wo viele potenziell infizierte Personen auf einen Test warten. „Da nehme ich doch meine Kinder nicht mit hin“, sagt auch Drosten, der selbst Familienvater ist.

Das könnte auch bedeuten, dass die Studiendaten verzerrt sind: Kinder mit leichten Symptomen könnten weniger Virus im Rachen haben, als die in der Studie untersuchten. Drosten und sein Team haben aber herausgefunden: Das Gegenteil ist der Fall. Symptomfrei Infizierte, egal ob Kind oder Erwachsener, haben sogar höhere Virenlasten im Rachen. Warum das so ist, zeigen vorangegangene Untersuchungen. Sie belegen, dass zumindest infizierte Erwachsene auch dann größere Mengen Viren ausscheiden, wenn sie keine Symptome entwickeln. Ein großer Teil der Ansteckungen (rund 40 Prozent) erfolgt zudem, bevor die ersten Krankheitszeichen auftauchen.

Die Erklärungen: Treten Symptome auf, ist das Immunsytem schon im Vorfeld stark aktiv – dann findet man sehr schnell im Krankheitsverlauf immer weniger Viren im Abstrich. „Die Viruskonzentration ist da eher auf dem absteigenden Ast“, sagt Drosten. Man kann also nicht davon ausgehen, dass Kinder, die still infiziert sind, weniger Virus in sich tragen. Vor dem Hintergrund, dass jüngere Kinder Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen nicht eigenständig einhalten können und auch das Tragen von Masken bei ihnen kaum durchsetzbar ist, scheinen damit Öffnungen von Schulen und Kinderbetreuungen für Jüngere derzeit eher problematisch.

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Allerdings ist noch unklar, wie oft sich Kinder überhaupt anstecken. Wäre das deutlich seltener der Fall als bei Erwachsenen, könnte das eine Wiedereröffnung der Betreuung erleichtern. Doch das lässt sich derzeit nur sehr schwer beurteilen. Da sie derzeit weitgehend vom gesellschaftlichen Leben abgeschottet sind, stecken sie sich momentan selten an und tragen auch kaum zur Ausbreitung bei. Mit einer Öffnung der Kitas und Schulen könnte sich das schnell ändern.

Doch gibt es Hinweise, die in die andere Richtung deuten. So gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder sich im Vorfeld unter natürlichen Bedingungen tatsächlich weniger ansteckten, berichtet Drosten. Dazu hätten beispielsweise Wissenschaftler in Shanghai in einer jüngst veröffentlichten Studie in Familien von infizierten Personen beobachtet, wer sich ansteckt. Insgesamt liegt der Ansteckungsfaktor in solche Familien bei 12 bis 15 Prozent. Für Kinder, so das Ergebnis, liegt das Risiko nur bei einem Drittel der Erwachsenen. Ältere Mensch stecken sich hingegen mit einer 1,5-prozentig höheren Wahrscheinlichkeit an als die übrigen Untersuchten. Warum, ist noch unklar. Möglicherweise hängt das mit der schlagkräftigeren ersten Immunabwehr junger und sehr junger Menschen zusammen. Im Alter lässt sie zunehmend nach. Aber auch hier handelt es sich um Sondersituationen: Anders als in einer Familie, die vielleicht schon weiß, dass ein Virus grassieren könnte, könnten Kinder in der Kita oder Schule engere Kontakte pflegen.

Das Fazit: Entwarnung von Seiten des Virologen und ein Plädoyer für Kita- und Schulöffnungen lässt sich nicht ableiten. Virologe Drosten plädiert angesichts der angespannten Lage in Familien immerhin dafür, zumindest Spielplätze wieder zu öffnen. An der frischen Luft könnte eine Ansteckung deutlich unwahrscheinlicher sein. Eine entsprechende Lockerung gehört tatsächlich zu den Beschlüssen der Bundesregierung am Donnerstag. Wie sehr sie Familien mit jungen Kindern dann tatsächlich entlasten, sei dahingestellt.

Quellen: NDR-Podcast: das Corona-Update/Christiane Fux, Medizinredakteurin – LVM Versicherung