Corona: „Steckt euch euer Klatschen sonst wohin“

Krankenpfleger Tim W. (32) ist nicht der Einzige, der aktuell seinem Ärger mit klaren Worten Luft macht. Er fordert wie viele andere bessere Bedingungen während der Corona-Pandemie. Die Klatsch-Posts“, auch wenn sie gut gemeint wären, „können doch nicht erstgemeint sein“. Ein Hilferuf, denn er ist am Ende seiner Kräfte.
Von RS-Redakteurin Ebru Ataman

Niederrhein – Seit elf Jahren arbeitet Krankenpfleger Tim W. (32) in einem niederrheinischen Krankenhaus, das von dem Ausbruch der Coronaviren in Heinsberg zu einem der ersten gehörte, welches betroffen war.
Mittlerweile gehe er „auf dem Zahnfleisch“ und beklagt fehlende Sicherheitsmaterialien. Als er dann die sozialen Medien nach der Arbeit verfolgte und von den sich mehrenden „Klatsch-Posts“ las, platze ihm der Kragen. „Steckt euch euere Klatschen sonst wohin“, schrieb er auf seiner Seite, „unterstützt uns lieber dabei bessere Bedingungen zu schaffen“. Ein Hilferuf, denn er ist am Ende seiner Kräfte.

„Natürlich weiß ich, dass das Klatschen gut gemeint ist, doch es verfehlt den Sinn und das Ziel“, berichtet der Krankenpfleger frustriert. Eine Verabredung auf dem Balkon sei „schön“, hilfreicher jedoch wäre das Unterschreiben einer Online-Petition oder der klare Hinweis an die Politik. Denn er sei kein Superheld, er gehöre ebenfalls zur Risikogruppe der Überträger. Er habe diesen Beruf freiwillig gewählt – „in guten wie in schlechten Zeiten“. Ein Abstand von 1,5 m sei allerdings nicht möglich bei seiner Arbeit, doch Masken und Handschuhe wären kaum noch zu bekommen.

Foto: OrnaW/Pixabay

Kittel, Handschuhe und Masken sind Mangelware in Arztpraxen oder Krankenhäusern, die Bedarfsmeldungen wachsen stetig, der Materialnachschub lässt auf sich warten. Deutschlandweit herrscht ein wachsender Mangel an Sicherheitsmaterial in der Corona-Krise. Die Problematik beginne dabei schon in den Hausarztpraxen, die als erste Anlaufstelle von der Corona-Ausbreitung betroffen sind. Dort zeigten sich die ersten Symptome bei den hochansteckenden Patienten, schon in den Arztpraxen können sich Ärzte und Praxismitarbeiter nicht schützen. Ein roter Faden, der sich bis zu seiner Arbeitsstelle zieht, auf der in den vergangenen Wochen sogar die Desinfektionsflaschen aus den Spendern gestohlen worden waren.

Tim W. spricht von einem steigenden Bedarf in den nächsten Monaten an Kitteln, Handschuhen oder Atemschutzmasken, bereits jetzt würden alleine die niedergelassenen Ärzte mehr als 115 Millionen einfache Masken für Mund und Nase benötigen – ganz abgesehen von Atemschutzmasken mit Filter. „Wir sind dringend auf die Hilfe der Politik angewiesen und auf die Unterstützung der Menschen die Ausbreitung einzudämmen. Und dann klatscht jemand auf dem Balkon, der im Netz Masken zu einem überteuerten Preis verkauft oder irgendwelche Fake-News zu Corona verteilt. Weil angeblich gibt es Corona ja nicht oder es wurde in einem Labor zur Auslöschung der Menschheit hergestellt. Das macht mich wütend“, berichtet er weiter. „Können Menschen wirklich so dumm sein?“

Er appelliert eindringlich das Kontaktverbot zu beachten, bittet darum Abstand zu halten. Denn der Höhepunkt der Corona-Pandemie wäre noch nicht erreicht, auch wenn die Zahlen momentan zurückgehen. Damit würde zurzeit die Kurve der Ansteckungen flacher, was die Hoffnung bringe, dass die Infizierten mit schweren Symptomen alle einen Platz in einem Krankenhaus finden könnten. „Wenn die Kurve wieder ansteigt, dann werden wir dem Virus nicht mehr Herr und wer will dann sagen: Ich bin schuld, dass mein Nachbar, meine Mutter oder mein Ehemann gestorben ist, weil wir nicht auf unseren Skatabend verzichten wollten.“ (ea)