Das Leben in den Zeiten von Corona – Interview mit Franziska Hauser

Franziska Hauser, geboren 1975 in Pankow/Ostberlin, hat zwei Kinder. Sie studierte Fotografie an der Ostkreuzschule bei Arno Fischer und ist Autorin.

Kultur – Im Frühjahr 2015 erschien ihr Debütroman Sommerdreieck, der den Debütantenpreis der lit.COLOGNE erhielt und auf der Shortlist des aspekte-Literaturpreises stand.

Wie hat sich Ihr Alltag verändert in den letzten Wochen?
Ich bin irgendwie ratlos und muss mir Mühe geben, nicht in sinnlosen Aktionismus auszubrechen.

Wo schreiben Sie aktuell – Schreibtisch, Sofa, Küchentisch, Balkon, Garten?
Ich versuche am großen Wohnzimmertisch zu schreiben, wo die Mädchen zu Hause an ihren Schulsachen arbeiten. Aber auf meinen Roman, an dem ich gerade schreibe, kann ich mich thematisch schwer einlassen, weil ich immer das Gefühl habe, mich mit dem befassen zu müssen, was draußen gerade passiert, weil es so neu und ungewiss ist und ich mir die Ausmaße so schwer vorstellen kann.

Wer leistet Ihnen zu Hause Gesellschaft?
Zum Glück habe ich meine aufgeweckte Tochter und meine quirlige Gastschülerin zu Hause. Wir sind uns jetzt viel näher als sonst und haben intensiver Teil an dem, was jede von uns so zu tun hat.

Welche Schutzmaßnahme fällt Ihnen überraschend leicht?
Ich bin froh, dass die Mädchen so bereitwillig zu Hause bleiben. Jetzt muss ich mir auch nicht mehr die halbe Nacht Gedanken darüber machen, wo sie sich gerade herumtreiben könnten. Ich finde es auch angenehm, sich nicht mehr vom Alltag so gehetzt und gejagt zu fühlen. Es fiel mir schon immer schwer, im Frühling sorglos unter Rosa-Blüten-Bäumen zu sitzen und Milchkaffee zu trinken. Stattdessen habe ich mich immer nach mehr Ernsthaftigkeit und Vernunft in unserer vergnügungssüchtigen Gesellschaft gesehnt. Das habe ich ja jetzt.

© Dirk Skiba

Und was fehlt Ihnen am meisten oder wofür brauchen Sie am meisten Disziplin?
Mein Freund fehlt mir. Er muss jetzt als IT-Techniker wahnsinnig viel arbeiten. Was auch ganz gut ist, damit wenigstens einer von uns noch Geld verdient. Aber ich würde am liebsten ständig loslaufen und ihn in seinem Büro besuchen gehen. Auch, dass ich meinen großen Sohn und seine kleine Familie in Kassel nicht besuchen kann, finde ich schwer.

Was hilft, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt? Haben Sie einen Tipp?
Mir hilft es immer, etwas zu machen, was ich noch nie gemacht habe und vielleicht auch nie wollte. Mich selbst herauszufordern und zu überwinden, mich auf etwas komplett anderes einzulassen und da einen Ehrgeiz zu entwickeln, ist erst einmal schwer, macht mich aber letztendlich fast immer glücklich. Ich glaube, das machen sehr viele Menschen gerade. Fangen zum Beispiel an zu schreiben, oder lesen etwas, das nicht vordergründig unterhaltsam ist, sondern etwas, bei dem man gezwungen ist sich geistig weiterzuentwickeln. Ich finde es wichtig, den eigenen Anspruch aktiv höher zu schrauben.

Wovon haben Sie Vorräte angelegt?
Wir haben eigentlich immer genug Vorräte da, weil bei uns so viel gekocht wird. Ich habe versucht einen Schokoladenvorrat anzulegen, aber das ist unmöglich. Selbst verstecken funktioniert nicht.

Wie viele Rollen Klopapier besitzen Sie aktuell?
Nicht mehr als normalerweise. Aber endlich gibt es auch dort Recyclingklopapier, wo es bisher keins gab. Offenbar kaufen die Meisten ja immer noch lieber unrecyceltes Klopapier, was ich total absurd finde.

Was ist die richtige Lektüre, um die nächsten Wochen zu überstehen?
Etwas, das mal nicht aus der Schublade stammt, in die man normalerweise greift.

Welches Kinderbuch empfehlen Sie, wenn der Vorlesestoff demnächst ausgeht?
„Emmi und Einschwein“ ist aktuell eine herrliche Kinderbuchreihe, die meine allerbeste Kindheitsfreundin Anna Böhm schreibt.

Warum lohnt es sich, Ihr aktuelles Buch zu lesen?
Es lohnt sich für Leser wie mich, die gerne bildhafte Geschichten lesen, in denen möglichst viele innere Vorgänge nach außen geholt werden. Leser, die einfach die Menschen lieben und eher das Gute voraussetzen als das Schlechte. Mein „Forschungsauftrag“ bei „Die Glasschwestern“ war es, herauszufinden, ob man die Verhaltensweisen, in die man im Notfall automatisch verfällt, auch ändern kann. Insofern hat es vielleicht einen aktuellen Bezug. Für Leser, die einen reißerischen Spannungsroman erwarten, oder es lieben, sich über andere aufzuregen, ist es nichts.

Welches Buch lesen Sie selbst gerade?
Ich habe gerade „Pilger am Tinker Creek“ von Annie Dillard gelesen. Das finde ich unheimlich heilsam, die Natur auch mal im ganz riesengroßen und im winzig kleinen Gefüge zu betrachten und nicht immer nur durch unser kleines sichtbares Zeitfenster zu gucken. Jetzt lese ich „Liebestölpel“ von Peter Wawerzinek. Das ist einfach sprachlich irre faszinierend.

Was möchten Sie dem Buchhandel zum Durchhalten mitgeben?
Der Buchhandel ist ja eine Branche, die es gewohnt ist zu kämpfen. Ich hoffe, das kommt ihm jetzt zum Überleben zu Gute.

Welchen Lieblingsbuchhändler/Lieblingsbuchhändlerin möchten Sie an dieser Stelle besonders grüßen?
Die Chocolaterie und Buchhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“, die Buchhandlung „Ocelot“ und „Uslar & Rai“ sind die Läden, die mir persönlich am Herzen liegen. Aber natürlich sollte jeder die Buchläden unterstützen, die ihm selbst am Herzen liegen.


Franziska Hauser – DIE GLASSCHWESTERN
Roman

Dunja lebt mit ihren zwei Kindern und deren Vater in der Großstadt, ihre Zwillingsschwester Saphie in einem kleinen Dorf an der ehemals deutsch-deutschen Grenze. Als der Zufall auf irrwitzige Weise zuschlägt und innerhalb kurzer Zeit die Männer der beiden sterben, nähern die Schwestern sich einander wieder an. Dunja zieht in Saphies Hotel und damit zurück in die Welt ihrer Kindheit. Die Geschichte zweier sehr verschiedener Frauen und über die menschliche Fähigkeit, sich immer wieder neu erfinden zu können.
Ein Generationenroman aus dem ehemaligen Grenzgebiet, der alte Geschichten, Geheimnisse und Lügen zutage fördert und gleichsam ein Vergeben der Vergangenheit und Annehmen der Gegenwart ermöglicht.
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