Die Intelligenz der Pflanzen – ein Zusammenspiel von Wissenschaft und Kunst

Seit über zehn Jahren ringen Wissenschaftler*innen um eine neue Deutung der sogenannten Intelligenz der Pflanzen. Wer sind diese Mitlebewesen, die 85% der Organismen auf unserem Planeten ausmachen? Und ist es an der Zeit, dass wir Menschen eine verbesserte Koexistenz mit ihnen eingehen, nicht zuletzt, weil unser Überleben von ihnen abhängt?

Kunst/Ausstellung – Eine Interpretation von Intelligenz ist die Fähigkeit, Informationen effizient zu verarbeiten und auf Gegebenheiten der Umwelt mit Anpassung zu reagieren. Reicht das, um die Anpassungsfähigkeit von Pflanzen mit Intelligenz zu bezeichnen? In der aktuellen Debatte um diese Zuschreibung ist die Anwendung sprachlicher Beschreibungen aus dem humanen Kontext auf pflanzliche Lebewesen zu einem zentralen Streit geworden.

Pflanzen, so glauben internationale Forscher*innen heute, besitzen eine ihrer Spezies eigene Form von Intelligenz. Und sie haben, wie Tiere und wie der Mensch auch, ein Bestreben zu existieren, weswegen sie komplexe, zunehmend erforschte Strategien der Interaktion mit ihrer Umwelt und anderen Arten eingehen. Was Biolog*innen über die Fähigkeiten von Pflanzen entdecken, trägt dazu bei, unsere übergeordnete Vorstellung vom Leben zu revidieren. Zunehmend zeichnet sich die Notwendigkeit ab, sogar unser Bild vom Menschen zu überdenken, und uns als Teil eines Abhängigkeitssystems zu verstehen.

Marshmallow Laser Feast, Treehugger – Wawona, 2017, Virtual Reality Experience. Foto: Frankfurter Kunstverein/Norbert Miguletz

Der Frankfurter Kunstverein hat Naturwissenschaftler*innen und Künstler*innen eingeladen, ihre Arbeit und ihr Wissen bildhaft in die Ausstellungsräume zu transferieren. Zu Anfang des Ausstellungsparcours sind Versuchsanordnungen aus dem Forschungszentrum Jülich zu sehen. Die Exponate machen wesentliche Prozesse lebendiger Pflanzen durch digitale Datenerfassungen sichtbar und geben somit Einblick in komplexe wissenschaftliche Forschung, die aktuell zur Optimierung und zu neuen Anwendungsbereichen von Nutzpflanzen stattfindet. Ihnen gegenübergestellt werden manuell erstellte Wurzelkartierungen und präparierte Pflanzen mit ihrem gesamten Wurzelnetzwerk, die vom Pflanzensoziologischen Institut Klagenfurt durch Feldgrabungen erstellt wurden.

In den weiteren Ausstellungsräumen werden die Werke von fünf Künstler*innen und eines Künstler*innenkollektivs präsentiert, die mit den Mitteln der Skulptur, der Zeichnung und einer immersiven VR-Installation Wissen über die sichtbare und die verborgene Welt der Pflanzen und deren metaphorische Kraft für den Menschen auffächern. Alle sechs Positionen widmen sich dem Verständnis von Zusammenhängen, die es ihnen erlauben, über die wissenschaftliche Evidenzführung hinaus die übergreifenden Fragen zu adressieren, die die Verschiebung des heutigen Wissens über Pflanzen im Bewusstsein des Menschen aktuell nach sich zieht.

Mit der Ausstellung Die Intelligenz der Pflanzen vertieft der Frankfurter Kunstverein ein weiteres Mal Fragen zum Anthropozän: welches neue Verständnis und Wissen über Pflanzen gewinnen wir dank wissenschaftlicher Erkenntnisse? Welche Bedeutung haben Pflanzen für unsere Existenz und die des gesamten Planeten? Welche Kraft entwickeln Pflanzen und insbesondere Bäume für die menschliche Erzählung?

Wissenschaftliche Exponate und zeitgenössische Kunstwerke stehen sich in der Ausstellung hierarchielos gegenüber. Die Beiträge der naturwissenschaftlichen Forscher*innen geben mit ihren neuartigen Beobachtungen und Erkenntnissen eine Basis für philosophische und gesellschaftliche Erwägungen, die unsere historische Form des Lebens und des Wirtschaftens zur Diskussion stellen. Die Künstlerinnen und Künstler präsentieren Positionen, die eine veränderte Sensibilität gegenüber den pflanzlichen Mitlebewesen aufzeigen. Diese Haltungen sind stellvertretend für ein neues Bewusstsein, dass alles Leben miteinander verbunden ist.

Die Ausstellung, die von Franziska Nori kuratiert wurde läuft bis zum 30. Januar 2022. Mit Berlinde De Bruyckere, Thomas Feuerstein, Forschungszentrum Jülich, Marshmallow Laser Feast, Pflanzensoziologisches Institut Klagenfurt Abel Rodríguez, Diana Scherer und Nicola Toffolini. (opm/fkv)

FRANKFURTER KUNSTVEREIN
Steinernes Haus am Römerberg
Markt 44, 60311 Frankfurt Main
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