Die Klimakrise im Blick – Moscheen öffneten für den gemeinsamen Dialog

Über 1.000 Moscheen hatten bundesweit am Feiertag für die Besucher geöffnet. Damit wollen die muslimischen Gemeinden in jedem Jahr den Dialog stärken – so nahm der diesjährige Tag die Klimakrise und die aktuelle Energieproblematik in den Blick.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Viersen – Bereits seit 1997 laden bundesweit Moscheen zum TOM, zum Tag der offenen Moscheen ein und möchten an diesem Tag ins Gespräch mit Gästen und Interessierten kommen. Dass gerade der Tag der Deutschen Einheit genutzt wird, führt immer wieder zu Kritik, dennoch nehme viele die Möglichkeit wahr.

Klimawandel, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und eine damit einhergehende Energiekrise beschäftigen aktuell die Menschen weltweit. Unsicherheit, Sorgen und Existenzängste machen sich breit. Die Lebensweise des modernen Menschen und sein Konsumverhalten wirken sich enorm auf die Umwelt aus. Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Umwelt ist daher von zentraler Bedeutung, damit die Erde auch für zukünftige Generationen bewohnbar bleibt. Deshalb stand der diesjährige Tag der offenen Moschee (TOM) unter dem Zeichen: „Knappe Ressourcen – große Verantwortung“.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Dass die Bewahrung der Schöpfung und ein verantwortungsvoller Umgang mit ihr zu den wichtigsten religiösen gemeinschaftlichen, aber auch individuellen Aufgaben der Muslime gehören, darauf machte ebenfalls die DITIP-Moschee an der Süchtelner Straße aufmerksam. Verantwortungsbewusstsein, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und die Entwicklung von klimaneutralen Gotteshäusern sind seit längerem Thema in Moscheegemeinden. Das Zukunftsbild der „grünen Moschee“ ist geprägt von Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Die Bewahrung von Ressourcen und Vermeidung von Verschwendung sind zudem wichtige islamische Gebote. Die Menschen werden dazu aufgerufen, schonend mit den irdischen Ressourcen umzugehen. Angesichts der Tragweite und Dringlichkeit des Themas hatten zahlreiche Moscheen bereits am Freitag im Gebet die Thematik in den Mittelpunkt gestellt – der Beginn des gemeinsamen Austausches, der am Montag in diversen Veranstaltungen und persönlichen Gesprächen fortgeführt wurde.

Der Tag der offenen Moschee ist auf vielfältige Weise zu einer Brücke geworden, die Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen miteinander verbindet und ihnen Gelegenheit zur Verständigung gibt. So war es auch in der Viersener DITIB-Moschee an der Süchtelner Straße. Besucher spürten, dass sie willkommen sind – es ging um Frieden und Zusammenhalt, Einheit und Gemeinsamkeiten – ganz ohne Politik, auch wenn dieses Thema immer wieder die Besuche beherrscht. Umso wichtiger ist der Dialog mit den Muslimen, die hier zu Hause sind.

„Die 99 Namen sind symbolisch zu verstehen: 100 steht für die Unendlichkeit Allahs. 99 Namen und Eigenschaften, die das für den Menschen erfahrbare Wirken Allahs beschreiben sollen und der eine unbekannte Name Allahs, der eine Erinnerung daran sein soll, dass Allah niemals mit dem menschlichen Verstand erfasst werden kann.“ Ahmet Percin zeigte auf die goldene Kalligrafie, die die Wände des Gebetsraumes bedeckt. Direkt daneben eine moderne Digitaluhr, die die Gebetszeiten anzeigt. Der Gebetsraum der Männer mit seinen Kronleuchtern, den verzierten Wandfliesen und dem blauen Teppich strahlt Ruhe aus, innere Ruhe, die die Besucher schnell selber spürten. Daneben, einige Stufen tiefer gelegen der Gebetsraum der Frauen. Nicht ganz so pompös dekoriert mit einem Flachbildschirm auf den die Gebete übertragen werden.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Interessiert folgten die Gäste den Ausführungen. „Ich möchte, dass die Moschee nicht nur ein Raum für Glauben ist, sondern auch für Zusammenarbeit und Projekte über alle kulturellen Grenzen hinweg“, so Mehmet Uslu, der Vorsitzende der Moscheegemeinschaft an der Süchtelner Straße. Einige Besucher fragten nach dem Ablauf der Gebete und der rituellen Waschungen, die der Vorsitzende gerne erklärte.

Muslime und Nichtmuslime leben in vielfältigen Beziehungen zusammen, als Arbeitskollegen, Partner in Schule und Beruf, als Eltern in Bildungseinrichtungen und Kindergärten und nicht zuletzt als Nachbarn im Stadtteil. Die Moscheegemeinden, die bereits seit Jahrzehnten existieren, sind in den vergangenen Jahren nicht nur sichtbarer, sondern auch zu aktiven Akteuren auf der ehrenamtlichen Ebene geworden. Sie sind Nachbarn vieler Menschen und sind Orte eines guten Miteinanders.

Einem Ausspruch des Propheten Muhammad zufolge erinnerte ihn der Erzengel Gabriel so häufig an die Rechte des Nachbarn, dass der Prophet fast das Gefühl bekam, den Nachbarn würde das gegenseitige Erbrecht zugesprochen. „Nachbarschaft bildet nach der Familie die kleinste Einheit gesellschaftlichen Miteinanders. Wenn der Zusammenhalt hier gelingt, funktioniert das friedliche Zusammenleben auch auf gesellschaftlicher Ebene“, so Mehmet Uslu, zum diesjährigen Tag der offenen Moschee. Das bewusst gewählte Datum am Tag der Deutschen Einheit soll das Selbstverständnis der Muslime als Teil der deutschen Einheit und ihre Verbundenheit mit der Gesamtbevölkerung zum Ausdruck bringen. (dt)