Dritter Tag an der Niers: Mehr tote als lebende Tiere

Spontan waren nach dem Aufruf der Notfelle Niederrhein sowie der Initiative Fell & Federn auch gestern dutzende freiwillige Helfer an der Niers zusammengekommen, um Wasser und Ufer abzusuchen. Nur noch wenige lebende Tiere konnten geborgen werden. Heute pausieren die Tierschützer einen Tag, damit sich die Unruhe an der Niers legen kann.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen-Süchteln/Grefrath – Erneut hatten über Stunden Tierschützer und Helfer die Niers gestern Abend abgesucht. Während die Käfige an diesem Abend fast leer blieben, nur drei lebende Enten konnten gesichert werden, stapelten sich Tüten mit den verendeten Körpern. Rund fünfzehn tote Tiere wurden gefunden. Damit steigt alleine die Zahl bei diesen Suchaktionen auf über 45 verendete Tiere. Weil sich die Aktionen durch die Unruhe auf dem Wasser schwierig gestalteten, wird die Suche heute einen Tag ausgesetzt, damit die Wildtiere wieder zur Ruhe finden – doch ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Foto: Notfelle Niederrhein

Der Verdacht auf Botulismus erhärtet sich mittlerweile immer mehr, bereits in Düsseldorf waren Tiere an dem Nervengift verendet. Hierzu wird aktuell auf das Ergebnis des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes in Krefeld gewartet, welches die verendeten Tiere der Niers untersucht. „Botulismus bei Wasservögeln tritt bei uns immer wieder vor allem zu besonders warmen Jahreszeiten auf. Meist ist das darauf zurückzuführen, dass die Vögel Kontakt zu verrottenden Fischen hatten bzw. Botulismus-Toxine aus verrottenden Fischen sich im Wasser befinden. Es handelt sich also meist um ein Symptom ungünstiger Gewässerzustände bei denen Fische gestorben sind“, so Henry Tünte vom Wassernetz NRW/Landesgeschäftsstelle BUND NRW.

Die ungünstigen Gewässerzustände wiederum resultierten häufig aus einer Gemengelage von hohen Temperaturen und damit verbundenem geringem Sauerstoffgehalt im (stehenden) Gewässer sowie oft auch Algenblüten (v.a. Cyanphyceen) durch hohe Temperaturen, hohe Nährstoffgehalte (bei Sauerstoffmangel zusätzlich „Interne Düngung“), fehlendes algenfressendes Plankton durch Überbesatz mit Friedfischen/ naturferner Zustand. Im Falle von Algenblüten veratmen die vielen Algen vor allem nachts Sauerstoff, zusätzlich wird viel Sauerstoff durch Zersetzung der Algen und anderer organischer Substanz gebunden. Hieraus resultiert noch weniger bzw. gar kein Sauerstoff. Sauerstoffmangel hatte bereits Ende Juli zu einem Fischsterben in der Niers geführt.

Lösungsansätze, an denen auch das Wassernetz NRW arbeitet, können die Zielerreichung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sein, mit dem alle Gewässer wieder den „Guten Zustand/Gutes Potential“ erreichen, der Kampf gegen Klimawandel, die Wiederherstellung von Auwald und Anschluss des Gewässers an den Auwald mit einem Kühlungseffekt und einer Nährstoffbindung oder die Beschattung der Gewässer.

Ein weiteres Ziel sei die Reduzierung von Nährstoffen (v.a. Phosphat aus Landwirtschaft, Kleinkläranlagen, Kläranlagen), durch Düngereduzierung, Erosionsvermeidung, Gewässerrandstreifen oder der sogenannten 4. Reinigungsstufe. Keine Fütterung von Enten und Fischen sowie das Fördern von weniger Friedfischen zu mehr Raubfischen „Fischhege“ in künstlichen Gewässern. Doch bis zu der Umsetzung solcher Ziele dauert es seine Zeit und aktuell geht es an der Niers um Leben und Tod. Ohne die engagierte Arbeit der Tierschützer, wäre die Anzahl der verendeten Tiere weit höher. (nb)