„Ein Leben ohne Politik ist nicht möglich“ – Ein Gespräch mit Franz Müntefering über „Gott und die Welt“

Franz Müntefering darf man wohl ohne Zweifel ein „Urgestein“ der Politik in Deutschland nennen. Er war von 1975 bis 2013 mit einer kurzen Pause für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages, war unter anderem Bundesminister, Vizekanzler und Bundesvorsitzender der Sozialdemokraten. Vor allem aber war er stets ein Kämpfer für seine Überzeugungen – er geht bis heute keiner demokratischen Auseinandersetzung aus dem Weg und ist immer ein Freund des klaren Wortes geblieben.

Impuls – Ein sauerländischer Charakterzug, der ihm seine Arbeit vielleicht nicht immer einfacher gemacht hat. Aber politische Freunde wie Konkurrenten schätzen bis heute diese direkte Art, die dem gebürtigen Neheimer schon mit in die Wiege gelegt wurde. Ohne Politik kann Müntefering bis heute nicht so ganz – seit 2015 ist er u.a. Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.

Herr Müntefering, wandeln wir eine Weisheit von Loriot einmal ab: „Ein Leben ohne Politik ist möglich – aber sinnlos!“ Stimmt das?
Nein, ein Leben ohne Politik ist nicht möglich. Denn Nichthandeln geht nicht. Wer es versucht, lässt zu. Die Mitverantwortung wird niemand los. „Die Gedanken sind frei“ ist ein schönes Arbeiterlied. Aber freie Gedanken reichen nicht. Es kommt aufs Handeln an.

Sie haben die meiste Zeit Ihres Lebens der demokratischen Auseinandersetzung um den richtigen Weg gewidmet. Was hat Sie jeden Morgen motiviert?
Die Zuversicht in die Gestaltbarkeit der Dinge. Wir Menschen sind nicht allmächtig. Aber eben auch nicht ohnmächtig. Wir können was bewegen. Das ist Chance und Pflicht. Denn Demokratie ist Staatsform, aber eben auch Lebensform. Wir sind beteiligt, immer.

Foto: Foto: BAGSO/Sachs

Klare Positionen setzen ein starkes Wertegerüst voraus, das Orientierung bietet. Was hat Sie geprägt und stark gemacht?
Werte lernt man nicht (nur) beim Lesen oder Reden, sondern auch von anderen Menschen. Liebe zum Leben ist dabei wichtig und ansteckend. Auch Nächstenliebe, wie meine Mutter das nannte. Solidarität, sage ich – „Helfen und sich helfen lassen“.

Für viele Menschen – gerade in der älteren Generation – ist die Kirche noch immer ein wichtiger Halt und sie gibt ihnen Orientierung. Aber die Kirchen werden immer leerer und gerade die jungen Menschen kehren der Institution Kirche den Rücken. Wie muss sich Kirche verändern, um nicht bedeutungslos zu werden?
Die Kirchen und auch andere große Organisationen kennen diese Entwicklung. Globalität, Mobilität und Digitalisierung schaffen eine große Einheit, aber auch Individualisierung, manchmal „turbulente Isoliertheit“, wenn es das so gibt. Für Tradition, Miteinander und Bei-sich-sein gibt es weniger Zeit und Bezugspunkte. Die „kleine Einheit“ hat aber eine Chance. Die demokratische und kulturelle Bedeutung unserer Städte/ Dörfer gibt es. Dabei muss Kirche bewusster und ausdrücklicher Teil der Kommune sein. So stelle ich mir das vor.

Ist Gott unmodern geworden?
War er dann nur Mode? Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten aber ist die Liebe, – das kennt man. Glaube hat man oder auch nicht – kann man das beeinflussen? Hoffnung ist etwas unbestimmtes, bestenfalls Zuversicht. Liebe, darauf kommt es an im konkreten Leben, Solidarität kann der Staat nicht erzwingen, nicht garantieren. Solidarität ist die Sache, um die wir uns jede/r selbst kümmern müssen und können. Von Hannah Arendt stammt: Politik ist angewandte Liebe zum Leben. Ich denke, da ist was dran.

Eine große Herausforderung für die Zukunft ist der gerechte Ausgleich von Anforderungen und Leistungen zwischen den Generationen. Wie sehen Sie – auch in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaften der Seniorenorganisationen – einen gerechten Lösungsweg für dieses große gesellschaftliche Problem?
Vorne anfangen: Befähigungs-Gerechtigkeit für jedes Menschenkind, Erziehung, Schule, Ausbildung, Arbeit, Familie, Freunde. Keine sittenwidrig niedrigen und keine sittenwidrig hohen Löhne. Angemessene Vermögens- und Erbschaftssteuern. Steuern aufs Spekulieren mit Geld. Gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Landesteilen. Volksparteien, die das wissen und danach handeln. Soziale Sicherheit und Gerechtigkeit, Wissenschaft und Forschung. Sicherung der Wohlstandsfähigkeit gehören dazu.

Was muss man tun, damit jung und alt wieder fair und auf Augenhöhe miteinander in den Dialog kommen und ernsthaft gemeinsam nach Lösungen der Probleme in der Gegenwart und Zukunft suchen?
Ich sehe da keine Probleme, die es nicht schon immer gab zwischen Generationen, es gibt da unterschiedliche Erfahrungen und unterschiedliche Perspektiven. Streit zwischen Generationen trennt sie nicht, sondern verläuft eher vertikal durch sie hindurch. Die Vernünftigen aller Altersgruppen müssen sich unterhaken und verhindern, dass die Bekloppten in diesem Land und in der Welt die Macht bekommen. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, aber doch aussichtsreich.

Die Veränderungen – gesellschaftlich wie technologisch – schüren nicht nur in der älteren Generation oftmals große Ängste. Was macht Sie persönlich optimistisch für die Zukunft?
Ich bin nicht optimistisch. Optimismus geht davon aus, dass es schon irgendwie – naturgemäß – gut wird und gelingt. Aber diese Blauäugigkeit kann fürchterlich schiefgehen, was Gewalt angeht und Not und Klimakatastrophe. Zuversichtlich bin ich, dass es gelingen kann – überwiegend –, wenn wir uns anstrengen. Und dass es genügend viele Menschen gibt, die entschlossen sind, für eine menschliche Welt zu arbeiten, nötigenfalls zu streiten. Sie begegnen mir überall.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen – wie glauben Sie werden Deutschland und die Gesellschaft in 20 Jahren aussehen?
Deutschland ist 1,1% der Weltbevölkerung. Das heißt auch: Wir müssen unseren Teil zum Gelingen beitragen. Aber die Welt ist darauf angewiesen, dass alle Nationen miteinander sich diesen Herausforderungen stellen. Wichtig dabei: Wir dürfen uns nicht hinter der Menschheitsaufgabe verstecken. Es geht um jeden Einzelnen. Die Menschheit als Ganzes darf nicht die Ausrede sein für die Missachtung, Geringschätzung oder Herabwürdigung einzelner Menschen vor Ort, in unserem Land. National denken und handeln ist aber egoistisch und ineffizient. Ich hoffe, Deutschland leistet seinen Beitrag, innen und weltweit.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Impulsgeber
Franz Müntefering

Der ehemalige Bundesminister und Bundesvorsitzende der SPD, kam 1940 im sauerländischen Neheim zur Welt. Der gelernte Industriekaufmann trat 1966 in die SPD ein und wurde 1967 Mitglied der Gewerkschaft IG Metall. Seiner ersten politischen Tätigkeit ging Müntefering von 1969 bis 1979 nach, als er Mitglied im Stadtrat von Sundern war. 1975 rückte er erstmals in den Deutschen Bundestag ein, wo er bis 1992 zunächst Mitglied war und von 1990 bis 1992 das Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Bundestagsfraktion bekleidete. Von 1992 bis 1995 gehörte Müntefering als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales dem Kabinett des damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau an. 1996 bis 1998 war er Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen, bevor er als Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen in das erste Kabinett unter Bundeskanzler Schröder ging. Ein Jahr später trat er aus der Regierung aus, um kommissarisch die Geschäfte des Bundesgeschäftsführers der SPD zu übernehmen. Von 1998 bis 2001 war er der Landesvorsitzende der Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen und von 1999 bis 2001 Generalsekretär der SPD im Bund.

In den Jahren 2002 bis 2005 saß er der SPD-Bundestagsfraktion vor. 2004 folgte er Gerhard Schröder als Bundesvorsitzender der SPD und wurde ein Jahr später Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales im ersten Kabinett Merkel. Im selben Jahr trat er vom SPD-Bundesvorsitz zurück und im Jahr 2007 stellte er, aus familiären Gründen, seine Ämter als Vizekanzler und Bundesminister zur Verfügung. 2008 wurde Franz Müntefering noch einmal Bundesvorsitzender der SPD, stellte aber sein Amt, nach der Bundestagswahl im darauffolgenden Jahr, wieder zur Verfügung. Im Jahr 2013 beendete Franz Müntefering seine politische Karriere. Heute engagiert er sich ehrenamtlich als Präsident im Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland. Gemeinsam mit Lothar de Maiziére hat Müntefering den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft e. V. inne und ist außerdem Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen e.V. (BAGSO). Er ist darüber hinaus Beiratsvorsitzender des Berliner Demografie Forums.


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