Erste Erinnerungswerkstatt für Trauernde am Niederrhein

„Was aber bleibt und wird von dem Verstorbenen festgehalten? Das sind die typischen Dinge, die den Verstorbenen ausgemacht hat“, meint der Niederkrüchtener Dirk Ulrich. Er schafft im Auftrag von Hinterbliebenen – Verwandten, Freunden, Kollegen – Erinnerungsstücke, die so individuell sind wie die Verstorbenen selbst. Im vergangenen Jahr hat er Windlichter, eine Agentur für Trauer und Erinnerung in Mönchengladbach gegründet.

Mönchengladbach – Wenn jemand stirbt, steht die Welt still und dennoch gibt dann so viel zu erledigen. Ein Sarg wird ausgesucht, Freund, Familie benachrichtigen, Blumen ausgesucht. Es wird geweint, umarmt und geschwiegen.
Doch Wochen später sind die Blumen verwelkt, die Beileidskarten sind in einer Kiste zusammengelegt.

Das kleine Ladenlokal von Dirk Ulrich in Mönchengladbach ist liebevoll eingerichtet, der alte Tisch in der Mitte des Geschäfts erzählt seine eigene Familiengeschichte. An diesem Tisch werden die Erinnerungen verarbeitet und später konserviert. Die Kunden lassen die Verstorbenen in den Erzählungen nochmal aufleben. „Weisst du noch…? oder „Ich werde nie vergessen…“, so beginnen die meisten Erzählungen von ihren Verstorbenen. „Die Verstorbenen in den Erinnerungen der Kunden kennenzulernen, dies sind die wundervollen Momente der Arbeit“, erklärt Dirk Ulrich. „Die Ideen für die Erinnerungsstücke formen sich oft schon direkt im ersten Gespräch“, sagt er. Das kann ein Buch für die zwei kleinen Kinder einer Verstorbenen sein, in dem Freunde und Weggefährten erzählen, wie die Mutter eigentlich so war als kleines Mädchen.

Foto: Windlichter

Es kann auch ein Film sein, der aus Super-8-Schnipseln, vertont mit den Lieblingsliedern des Verstorbenen. Oder eine Mutti-Kiste mit Souvenirs eines Lebens oder ein Schal, gestrickt aus der Wolle des Lieblingspullis der Mutter, der noch ihr Parfüm trägt. Je nach Machart, Aufwand und Umfang kosten die kreativen Auftragswerke ab 25 bis 1500 Euro. Auf Wunsch gestaltet windlichter auch individuelle Trauerkarten.
Bei windlichter werden Erinnerungen in eine alltagstaugliche Form gebracht. Die Erinnerungsstücke können hervorgeholt oder wieder beiseitegelegt werden. „Eine gute Erinnerungsarbeit nimmt der Erinnerung den Schrecken. Sie formt sich zu einem Teil der Identität des Hinterbliebenen, den Verlust in sein Leben zu integrieren, erklärt Dirk Ulrich. Die einen wünschen sich etwas, das sie beim Trauern begleitet, andere wollen mittels eines Erinnerungsstückes eine Trauerphase abschließen, indem der verstaubte Schuhkarton hervorgeholt wird. Ein Bedürfnis, das Tage, manchmal aber auch erst mehrere Jahre nach dem Todestag erwacht.

Windlichter möchte das Thema Trauer mitten ins Leben holen. „Ich schaue spielerisch und lebensbejahend auf die Beratung der Trauernden. „Meine Trauerberatung geht mit kreativen Methoden auf die Trauernden ein, insbesondere, wenn ihnen die Worte fehlen“, erklärt Dirk Ulrich
Die Erinnerungswerkstatt möchte mit Trauernden individuelle Erinnerungsstücke in einer Beratung entwickeln und dann gemeinsam mit Designern umsetzen und herstellen. Dabei sollen individuelle Erinnerungsstücke entstehen, die im Alltag der Trauernden Kraftquellen sein und trösten können.
Insbesondere die Erinnerungsstücke können eine Alternative zu den bekannten Orten der Trauer – wie Friedhöfe oder Kolumbarien – sein. „Wir werden immer mobiler und viele Menschen benötigen zum Trauern keinen festen Ort. Erinnerungsstücke können dazu eine gute Alternative sein, die den Trauernden Kraft geben und die da sind, wenn die Trauer am größten ist“, sagt Dirk Ulrich.

„Schon vor Jahren habe ich mein Interesse an Menschen zu meinem Beruf gemacht. Zunächst als Theologe, später als Sozialpädagoge habe ich Menschen begleitet und unterstützt. Mit dem Tod einer nahen Angehörigen habe ich mich wieder mehr mit dem Thema beschäftigt und es wurde deutlich, welche Auswirkungen der Verlust und die Trauer auf Angehörigen und Familien haben kann. Mir ist klargeworden, dass es bei den Fragen rund um die Themen Sterben, Tod und Trauer auch heute überwiegend Antworten von der „Kirche“ gibt“, erklärt Dirk Ulrich seine Motivation für die Gründung von windlichter.
„Wir möchten mit unserer Arbeit auch einen Beitrag zu einer neuen Trauerkultur am Niederrhein leisten“, sagt Dirk Ulrich. Es gibt auch verschiedene Veranstaltungen und Workshops zu den Themen Tod, Sterben und Trauer. Die Erinnerungsabende oder die Texttauschabende sollen zeigen, dass das Thema mitten ins Leben gehört und das der Umgang damit bunt und lebensbejahend sein kann. Weitere Informationen unter www.wind-lichter.de oder unter hallo@wind-lichter.de