Fall Greta: Kammer bringt niedrige Beweggründe als mögliches Mordmerkmal in den Prozess ein

Die Entscheidung im Verfahren wegen Mordes sowie wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen gegen die 25-jährige Angeklagte Sandra M. hätte heute näher rücken können. Ursprünglich waren die Plädoyers geplant, ein weiterer Antrag der Verteidigung sorgt jedoch für eine Verzögerung.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Nachdem in den vergangenen Verhandlungstagen das Medieninteresse abgenommen hatte, füllte sich am Donnerstagmittag der Schwurgerichtssaal am Landgericht Mönchengladbach wieder. Ursprünglich standen die Plädoyers auf der Tagesordnung, ein weiterer Beweisantrag der Verteidigung muss jedoch zunächst durch die Kammer geprüft werden. Zu Beginn lehnte der vorsitzende Richter am Landgericht Lothar Beckers den Antrag der Nebenklage ab, mit welchem ein näherer Blick auf die Tatsache geworfen worden sollte, dass die Angeklagte einen Hang zu Straftaten hat. Die Gutachterin hatte im Vorfeld bereits ihre Einschätzung zu einer möglichen Sicherungsverwahrung dargelegt.

Die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte Sandra M. hat als Erzieherin unter anderem in Kindertagesstätten in Krefeld, Kempen, Tönisvorst und Viersen gearbeitet. Im Zeitraum vom 01.08.2017 bis zum 21.04.2020 habe sie laut Anklage den Brustkorb mehrerer ihr anvertrauter Kleinkinder in einer Art und Weise zusammengedrückt, dass bei diesen eine erhebliche Atemnot oder gar ein Atemstillstand eingetreten sei. Hierbei habe sie den Tod der Kinder mindestens billigend in Kauf genommen.

Sandra M. wirkte an den Verhandlungstagen fast selber noch wie ein Kind. Auch am Donnerstag nahm sie Platz neben ihren Verteidigern, den Rechtsanwälten Ingo Herbort und Felix Menke, schien in sich gekehrt und bedrückt, folgte ruhig den Ausführungen des Richters, der als Rechtshinweise überraschend für die Verteidigung weitere Mordmerkmale ausführte, denn die Kammer habe nicht nur über die Schwere der Schuld, sondern ebenfalls über die Möglichkeit niedriger Beweggründe sowie über ein Berufsverbot zu entscheiden. Zu niedrigen Beweggründen sind solche zur rechnen, die durch hemmungslose und triebhafte Eigensucht entstehen und deshalb als verwerflich und verachtenswert gelten. Grundlage hierzu ist, dass die Motive nicht menschlich verständlich und Ausdruck der niedrigen Gesinnung sind.

Sandra M. wirkte an den Verhandlungstagen fast selber noch wie ein Kind. Foto: Rheinischer Spiegel

„Ich dachte, wir hätten uns in der vergangenen Verhandlung darauf verständigt, dass kein Beweisantrag mehr kommt“, so Richter Beckers nach der Ankündigung der Verteidigung einen weiteren, unangekündigten Beweisantrag stellen zu wollen. Dieser zielte auf ein weiteres Sachverständigengutachten ab mit welchem belegt werden soll, dass der Tod der kleinen Greta F. durch eine Infektion durch einen Streptokokken-Mix ohne Fremdverschulden hervorgerufen wurde. Bereits in den vergangenen Terminen hatten die Verteidiger immer wieder auf einen Zusammenhang mit dem Versterben im AKH-Viersen hingewiesen, weshalb die Gerichtsmedizinerin hierzu bereits ein weiteres Mal befragt worden war. Bei der Nebenklage rief der Antrag hörbares Unverständnis hervor, an dessen Verlesung sich zunächst eine Pause anschloss.

„Diese Frage ist nicht für einen Virologen oder Bakteriologen, es ist eine Frage für einen Rechtsmediziner. Nur dieser kann die Zusammenhänge prüfen“, so Richter Beckes nach der Besprechung. Staatsanwalt Stefan Lingens plädierte dafür den Antrag abzulehnen. Die Gerichtsmedizinerin habe bereits umfangreich dargelegt, dass die Viren nicht zum Tod des Mädchens führten. „Das alles würde mir ausreichen um den Antrag abzulehnen, wenn ich zu entscheiden hätte.“ Richter Beckers wollte die Entscheidung einer Zustimmung oder Ablehnung nicht „mal eben“ am heutigen Donnerstag entscheiden, wodurch die Verhandlung erst am Montag fortgeführt wird. (nb)


Greta-Prozess: „Die Angeklagte hat einen Hang zur Begehung erheblicher Straftaten.“