Frankfurter Buchmesse 2019: Toleranz und Meinungsfreiheit – Norwegen und Politik

Rund 1.000 norwegische Schriftsteller von Krimiautor Jo Nesbø bis zu Jostein Gaarder und neue Schreibende, wie der 79-jährige Ex-Bundespräsident Joachim Gauck, oder Journalist Deniz Yücel – die Buchmesse empfängt wieder das Who-is-who der Literaturwelt. Über 7.500 Aussteller und Verleger begleiten die Neuerscheinungen und Backlisttitel, geben die Trends des kommenden Jahres bekannt – darunter auch der Kater Literaturverlag mit seiner Lizenzagentur aus Viersen.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Frankfurt – Bis zum Sonntag dreht sich in Frankfurt zum 71. Mal alles um die Bücher dieser Welt, doch die Buchmesse ist gewachsen und ist weit mehr als eine reine Buchausstellung, sie ist ein Medienspektakel zu dem Literaturliebhaber, Stars und Politiker aus der ganzen Welt anreisen. Mit über 7.500 Ausstellern und Verlegern aus 150 Ländern liegt die Buchmesse damit wieder auf Vorjahresniveau. Buchmesse-Direktor Juergen Boos konnte zudem auf einen besseren Ticket-Vorverkauf verweisen und empfängt in diesem Jahr als Ehrengast die Buchwelt Norwegens unter dem Motto „Der Traum in uns“.

Mehr als 285.000 Besucher hatte die Buchmesse an den fünf Messetagen im vergangenen Jahr empfangen, eine stolze Zahl, die in diesem Jahr getoppt werden soll und die Vielfalt der Messe bietet beste Voraussetzungen dafür. Es ist nicht verwunderlich, dass die Messe sich so facettenreich entwickelt hat, dass kaum noch ein Schwerpunkt auszumachen ist – besonders erfreulich ist eine Reihe von Kampagnen und Veranstaltungen, die die Meinungsfreiheit stärken wollen. „Es ist erschreckend, wie viele Journalisten, Autoren, Verleger und Buchhändler heute bedroht, verfolgt und sogar inhaftiert werden, weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen“, so die Viersener Verlegerin Iris Kater. „Häufig vergessen wir, dass die Meinungsfreiheit ein unverzichtbarer Baustein für die demokratische Willensbildung ist. Es gilt sie zu schützen, für sie zu kämpfen. Die Buchmesse bietet die ideale Plattform und eine starke Stimme.“

„Häufig vergessen wir, dass die Meinungsfreiheit ein unverzichtbarer Baustein für die demokratische Willensbildung ist“, so die Viersener Verlegerin Iris Kater. – Foto: Rheinischer Spiegel

Eine Stimme, die von vielen auf der Buchmesse bereits am ersten Tag gestärkt wurde, so war nicht nur Journalist Deniz Yücel nach Frankfurt gekommen. Yücel, der in dem türkischen Hochsicherheitsgefängnis Silvri Nr. 9 inhaftier war, wirft in seinem Buch „Agententerrorist“ einen Blick auf Willkür und Erpressung, aber auch Solidarität, Liebe und Widerstand.

In seinem Buch erzählt Deniz Yücel, wie er dieses Jahr in Einzelhaft verbrachte, welchen Schikanen er ausgesetzt war und wie es ihm gelang, immer wieder die Überwachung zu überlisten. Er schildert, was ihm die Unterstützung seiner Frau Dilek Mayatürk und die „Free Deniz“-Kampagne bedeutete und warum der Kühlschrank das sicherste Versteck in der Gefängniszelle ist. Zugleich zeichnet Deniz Yücel die Entwicklung nach, die die Türkei in den vergangenen Jahren durchgemacht hat, vom hoffnungsvollen Aufbruch der Gezi-Revolte über den Kurdenkonflikt, die Flüchtlingskrise und den Putschversuch bis zum vorläufigen Ende: Erdogans Festigung der Macht mit den Wahlen vom Frühjahr 2018.

Foto: Rheinischer Spiegel

Ein weiterer Titel, der für Aufmerksamkeit sorgt, ist „Toleranz: einfach schwer“. Im Herder Verlag veröffentlich, hat der mittlerweile 79-jährige Ex-Bundespräsident Joachim Gauck seine Gedanken zu Papier gebracht und wirbt für mehr Streitkultur in der Gesellschaft. In seinem neuen Buch streitet Joachim Gauck für Toleranz, „weil sie das friedliche Zusammenleben von Verschiedenen überhaupt erst ermögliche“, so Gauck in einem Interview auf der Buchmesse. Toleranz, schreibt er, ist nicht Gleichgültigkeit und nicht Versöhnlertum.

„Toleranz lehrt uns vielmehr, zu dulden, auszuhalten, zu respektieren, was wir nicht oder nicht vollständig gutheißen.“ Dazu, so Gauck, ist es aber nötig, sich seiner eigenen Identität sicher zu sein. Denn nur, wer weiß, wer er ist, geht selbstbewusst in einen Dialog oder auch Wettstreit mit anderen. „Toleranz darf allerdings nicht schrankenlos sein. Nur wenn wir uns gegen die Angriffe von Intoleranten verteidigen – woher auch immer sie kommen mögen –, kann Toleranz und mit ihr die Demokratie gesichert werden.“

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck: „Toleranz darf allerdings nicht schrankenlos sein. Nur wenn wir uns gegen die Angriffe von Intoleranten verteidigen – woher auch immer sie kommen mögen –, kann Toleranz und mit ihr die Demokratie gesichert werden.“ – Foto: Rheinischer Spiegel

Bücher, die ankommen und die den Aufschwung der Buchbranche unterstützen, denn in diesem Jahr gibt es wieder positive Signale für Buchhändler und Verlage. Während 2017 noch 29,6 Millionen Menschen mindestens ein Buch im Jahr kauften, stiegen die Zahlen bereits in 2018 an. Alleine in diesem Jahr konnte die Branche einen Umsatzanstieg von 2,9 Prozent verzeichnen. Auf der Frankfurter Buchmesse allerdings sind es nicht mehr nur die Bücher, die die Besucher anziehen, denn auf der riesigen Leitmesse stehen in diesem Jahr zudem die Zukunftsthemen im Focus: Neue Techniken, neue Vermittlungsformen, sich bewegende Bilder – hören, sehen und fühlen – eben ein multimediales Lesevergnügen. (nb)

Foto: Rheinischer Spiegel