Generationenaufgabe: Barrierefreiheit im Einzelhandel

Vor fast einem Jahr präsentierte der Informationsdienst für lokales Shopping Marktjagd eine Studie zur Barrierefreiheit. Nur 10 Prozent aller Geschäfte kennzeichneten sich als barrierefrei. Wie stellt sich dies herunter gebrochen auf Viersen dar? Wir fragten nach! 

Viersen – Dr. Winfried Tackenberg gehört nicht nur zu den größten Vermietern in der Viersener Nordstadt, auf seine Kenntnisse vertrauen Unternehmer weit über die Region hinaus, auf seine Statistiken greifen sogar Verwaltungen zurück. In seinem umfassenden Aktenarchiv ist auch eine aktuelle Analyse zu der Ausstattung der Erdgeschossflächen in der Viersener Hauptstraße zu finden. Zwischen Nordstadt und Südstadt zeigen sich die großen Unterschiede zum barrierefreien Einkaufen gerade in Bestandsimmobilien bei denen aufgrund von baulichen Barrieren oder durch Denkmalschutz eine Beseitigung nicht möglich ist. Während in der Nordstadt 77,6 % der Geschäfte barrierefrei zugänglich sind – gerade durch den Wiederaufbau der zerstörten Häuser nach dem 2. Weltkrieg, sinkt dieser Wert bis zur Südstadt auf 52,7 % durch den häufig bestehenden Denkmalschutz. Bereits im mittleren Bereich der Hauptstraße sind nur noch 54,8 % der Geschäfte barrierefrei. Für Viersen ist das ein gutes Ergebnis, denn bundesweit liegt NRW mit rund 9,24 % barrierefreier Geschäfte auf den hinteren Plätzen. Negativ kann in Viersen der wachsende Leerstand betrachtet werden. Dieser liegt in der Nordstadt, durch das Engagement vieler engagierter Investoren wie beispielsweise Dr. Tackenberg, bei 4,5 %, in der Südstadt bei 10,9 % und im mittleren Bereich der Hauptstraße sogar bei 16,7 %.

Zwar ist ein barrierefreies Ladenlokal nur ein ausschlaggebender Punkt bei Mietern, jedoch gewinnt er zusehend mehr an Wichtigkeit. Dabei fordern immer mehr Verbände, darunter das Europäische Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit e.V. (EUKOBA), pragmatische Lösungen, manchmal auch über den Denkmalschutz hinaus. „Die demografische Entwicklung in Deutschland verlangt ein sofortiges Handeln und kein zögerliches Vorgehen, wie wir es jetzt erleben“, so Patrick Dohmen (EUKOBA) in einem Interview mit REHACARE.de. „Wir brauchen einen Bewusstseinswandel im Handel und allen anderen Bereichen. Im Handel müssen wir uns darauf einstellen, dass sich in den nächsten Jahren die Kundengruppen und -strukturen völlig verändern werden.“ Gerade mit Blick auf den wachsenden Onlinehandel rückt die Barrierefreiheit immer mehr in den Blick, so kann der Einzelhandel hiermit heute durchaus Umsatzsteigerungen bis zu 12 Prozent erzielen. In einigen Jahren wird das barrierefreie Einkaufen durch den demografischen Wandel 50 Prozent und mehr des Umsatzes ausmachen. Umso wichtiger für die Verbände Unternehmen zu sensibilisieren, so, wie es Amerikaner und Briten bereits beeindruckend vormachen. Dazu gehört auch geschultes Personal ohne Berührungsängste, denn Barrierefreiheit ist mehr als die Stufe an der Eingangstüre.

Breite, ebene Eingangstüren, klare Ausschilderungen, Sitzgelegenheiten, rutschfester Boden oder angenehme Regalhöhen, auch dies umfasst die Barrierefreiheit. Bei einer Umfrage nannten Betroffene Probleme wie das Umstellen von Produkten, was Sehbehinderten Schwierigkeiten macht, Einkaufswagen die für Rollstuhlfahrer ungeeignet sind oder gestresstes Verkaufspersonal ohne Zeit für eine Frage oder Beratung. Zu den Wünschen zählen größere Umkleidekabinen, in die ebenfalls eine Begleitperson passt, breitere Gänge, niedrigere Regale, Einkaufshilfen, große Preisschilder, Angebote für Sehbehinderte mit Orientierungshilfen oder Online-Angebote von stationären Geschäften. Nicht zum Online-Einkauf, jedoch zur Orientierung von blinden und sehbehinderten Menschen im Vorfeld.

Barrierefreiheit umfasst das kleine Kind genauso wir den Senior und eine Umsetzung innerhalb einer Service- und Infrastrukturkette. Hier kann der Handel vor Ort gegen den Onlinemarkt punkten. Jedem Kunden wird ein komfortabler Aufenthalt geboten und gleichzeitig der stationäre Einzelhandel in unseren sterbenden Innenstädten gestärkt. So wird Barrierefreiheit zur Generationenaufgabe die ein sofortiges Handeln und kein zögerliches Vorgehen braucht. Einen Bewusstseinswandel nicht nur im Handel, sondern in allen Bereichen. Hierdurch entsteht eine Gesellschaft für Alle – unabhängig von Alter, Geschlecht, Glaube, Bildungsstand, Sprache, Nationalität. (oj)

Foto: Claudia Schmitz