Greta-Prozess: Angeklagte erlebe sich als gänzlich unschuldig – „Ich bin kein Monster.“

An zwei weiteren Verhandlungstagen wird der Greta-Prozess in dieser Woche fortgeführt. Ein beschlagnahmter Brief der Angeklagten an ihre Eltern und das Gutachten der Sachverständigen standen im Mittelpunkt am Donnerstag.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte, Sandra M., hat als Erzieherin unter anderem in Kindertagesstätten in Krefeld, Kempen, Tönisvorst und Viersen gearbeitet. Gegen sie wurde Anklage wegen heimtückischen Mordes sowie wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen erhoben, nachdem es im April 2020 zu einem Vorfall in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen gekommen war in dessen Folge die dreijährige Greta F. wenige Tage später verstarb.

Die Staatsanwaltschaft geht zudem davon aus, dass Sandra M. im Oktober 2019 in einer Kita in Tönisvorst dem an einem angeborenen Herzfehler leidenden Mädchen den Brustkorb zusammengedrückt habe bis es blau anlief und das Bewusstsein verlor. Als erster Zeuge des Tages informierte der Kinderarzt des Mädchens J. das Gericht über den Gesundheitszustand des damals dreijährigen Kindes. Es sei keine schlechte Zeit innerhalb der ärztlichen Betreuung gewesen, Sorgen hätten sich Eltern und Arzt nicht machen müssen. Weitere Vorfälle, bei dem das Mädchen das Bewusstsein verloren habe, seien dem Meerbuscher Arzt nicht bekannt.

Insbesondere durch die Aussage der im späteren Verlauf des Tages gehörten Sachverständigen, zieht der Rechtsanwalt des Vaters der kleinen J. als Nebenkläger den Vorfall in Tönisvorst als einen versuchten Mord in Betracht.

Gut versteckt hinter einer roten Mappe und mit einer Mundmaske ist Sandra M. nicht zu erkennen. Foto: Rheinischer Spiegel

Erstmals eingelassen in die Verhandlung wurde ein Brief der Erzieherin an ihre Eltern aus November 2020, der bei dem Versand aus der Haftanstalt beschlagnahmt worden war. Mandalas male sie gerne, lerne stricken, spiele Tischtennis, schaue „Shopping Queen“ oder „Die schönste Braut“, freue sich über den Adventskalender ihrer Eltern und besuche den Gottesdienst. Nachdem sich die Angeklagte bisher nicht in der Verhandlung geäußert hat, traten besonders ihre letzten Zeilen nach dem aktuellen Verhandlungstag in den Vordergrund. Ein emotionaler Tag sei es gewesen. Die Zeugen, „die mal meine Freunde waren und mich lieb hatten, davon habe ich heute nichts gespürt. Ich denke nicht das einer von ihnen den Kontakt zu mir halten will. Ich habe sie alle noch lieb, auch wenn sie mich nicht lieb haben“.

Ihre Lügengeschichten bereue sie sehr, „ich habe das alles so nicht gewollt“. So auch der Waldvorfall, bei dem sie den Angriff vorgetäuscht hätte. Auf der Arbeit habe sie einfach nicht mehr weiter gewusst, versuchte mit den Lügen abzulenken, habe immer Angst gehabt nicht gut genug zu sein. „Ich bin kein Monster, ich bin so dankbar für so viele wunderbare Momente, ich hätte den Kindern nie etwas angetan, habe sie nie angefasst und nicht angeschrien.“

Im Mittelpunkt des Tages stand jedoch das Gutachten der Sachverständigen Dr. Asiye Temur-Görgülü. Sandra M. habe von Mobbing in der Schule ebenso berichtet, wie von Fehlverhalten von Lehrern und Kollegen. Auch in der Kempener KiTa sei sie nicht zurechtgekommen, die Anforderungen seien zu groß gewesen. Viel geweint habe sie und sich in immer kürzeren Abständen krank gemeldet. Ein Verlauf, der sich in Tönisvorst nicht geändert hätte. Keine der Taten hat die Angeklagte bei der Sachverständigen eingeräumt. „Ich finde nicht, dass ich keine Empathie habe, im Gegenteil. Ich wollte immer Erzieherin werden. Ich war zwar überfordert, aber ich hätte dem Kind nie etwas angetan. Ich habe den Beruf geliebt, jetzt könnte ich das nicht mehr … Vielleicht habe ich zu viel mit den Kindern gespielt anstatt sie zu fördern. Wenn ein Kind hustet dann werde ich verdächtigt … Ich habe Liebe und Geborgenheit gegeben“, so die wörtlichen Aussagen im Gespräch mit der Gutachterin.

Kinder und Eltern trauern am Viersener Kindergarten. Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Schlafen hätte Greta sollen, habe jedoch stattdessen mit einem CD-Player gespielt. Um 14 Uhr hätte sich Greta F. dann doch noch einmal gedreht und sei eingeschlafen. Alle 15 Minuten hätte sie nach dem Kind geschaut. Bei der nächsten Kontrolle habe sie gesehen, dass die Decke bis zum Mund gezogen gewesen sei. Erst bei der nächsten Sequenz sei ihr aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. „Ich habe da bereut ich hätte häufiger den Erste-Hilfe-Kurs machen sollen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Sie träume von dem Vorfall, mache sich Vorwürfe, wirkte allerdings in den Gesprächen nicht depressiv.
Nicht nervös, sondern souverän habe Sandra M. die Gespräche geführt. Dennoch habe sie immer wieder „sehr tränenreich“ geweint, hätte dann plötzlich abgebrochen und den Eindruck vermittelt, dass bei dem Weinen keine Tiefe vorhanden war. Sie erlebe sich gänzlich als unschuldig. Praktika möchte Sandra M. in der Zukunft wahrnehmen – vielleicht etwas mit Tieren.

Nach den geschilderten Problemen im Umgang mit den Mädchen in Viersen und Tönisvorst innerhalb einer Überforderung könnte es hypothetisch anhand der Zeugenaussagen hier zu Bestrafungen oder das Wiederherstellen von Macht gekommen sein. Sanktionen seien eine mögliche Hypothese gewesen. „Ich bin stärker als du, das hast du nun davon“, erklärte die Sachverständige, die plakative Aufmerksamkeit und gleichzeitiges „In-Ruhe-Lassen“ durch die Lügengeschichten sowie Heldentum ansprach. „Was möglich ist, dass wir eine Veränderung der Motivlage hatten, denn am letzten Arbeitstag in Viersen war ja schon alles durch. Bei den anderen Vorfällen könnte es sein, dass sie wollte, das man ihre Kompetenz sieht, in Viersen könnte eine Sanktion vorliegen.“ Gedankengänge der Sachverständigen auf Grundlage der langen Berufserfahrung um zu verstehen. Rein hypothetische Möglichkeiten, weshalb der Verteidiger einschritt.

Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung seien nicht erfüllt, Sandra M. zeige jedoch Züge von Narzissmus, psychopatische Elemente und eine emotionale Instabilität auf. Erkrankungen, die impulsgesteuerte Taten erklären könnten, lägen nicht vor. Dr. Asiye Temur-Görgülü sah keine Einschränkungen der Schuldfähigkeit. (nb)