Greta-Prozess: „Die Angeklagte hat einen Hang zur Begehung erheblicher Straftaten.“

Am heutigen Montagmittag warf die Verteidigung einen näheren Blick auf die gefundenen Viren und Bakterien im Körper der verstorbenen Dreijährigen aus Viersen. Noch in dieser Woche könnten die Plädoyers vorgetragen werden.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Vor dem Landgericht Mönchengladbach wurde am Montag weiter in dem Verfahren wegen des heimtückischen Mordes sowie wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen gegen die 25-jährige Angeklagte Sandra M. verhandelt. Am 21. April 2020 war es zu einem Notarzteinsatz in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen gekommen, nachdem die zu diesem Zeitpunkt noch nicht dreijährige Greta F. einen Atemstillstand erlitten hatte. Bei der Aufnahme war das kleine Mädchen komatös, die Haut wirkte eher grau, Blutschorf am linken Nasenflügel wurde dokumentiert. Untersuchungen ergaben eine Übersäuerung des Blutes und der Harnsäure, beides wies auf einen Sauerstoffmangel hin.

Längst sind die Akten in den roten Umschlägen, die Richter Beckers in den Gerichtssaal trug, auf einen kleinen Berg angewachsen. Aufgrund der massenhaft gefundenen Bakterien und Viren in der verstorbenen Greta F. hatte die Verteidigung der 25-jährigen Angeklagten Sandra M. eine nochmalige Befragung der bereits gehörten Gerichtsmedizinerin beantragt. Der einzige Antrag von ursprünglich dreien, welchem das Gericht zugestimmt hatte und der am Montagmittag im Mittelpunkt der Verhandlung vor dem Landgericht stand.

Foto: Rheinischer Spiegel

Aufklärungsbedarf sah die Verteidigung zu dem Gutachten der Gerichtsmedizinerin im Zusammenhang mit der zum Zeitpunkt der Obduktion noch nicht vorliegenden Krankenakte des AKH Viersen. Dr. med. univ. Anna Heger (32), Rechtsmedizinerin des Universitätsklinikums Düsseldorf, sah jedoch keine systematische Relevanz in dem gefundenen Infektionsgeschehen.

„Es war mir bekannt, dass dies festgestellt wurde, jedoch wurde kein größeres Augenmerk auf diesen Sachverhalt gelegt, weil die Viersener Ärzte das Infektionsgeschehen nicht mit dem Tod der kleinen Greta in Verbindung gebracht haben“, so Dr. Anna Heger. Gefunden wurden zwar verschiedene Erreger, darunter ein Virus, gegen den geimpft wird, und ein Bakterium, welches bei Neugeborenen relevant sein könnte, doch Greta F. hatte bereits bei ihrer Aufnahme im Krankenhaus ein Breitbandantibiotikum erhalten, wodurch die verschiedenen Viren automatisch mitbehandelt wurden. Als akute Bronchitis wurden die Entzündungserreger festgestellt. Eine Blutprobe, die abgenommen wurde um sie „brüten“ zu lassen, wurde jedoch als negativ vermerkt. Jede noch so kleine Auffälligkeit nahm der Verteidiger, Rechtsanwalt Menke, auf, fragte eine gute Stunde lang nach.

Die Rechtsmedizinerin des Universitätsklinikums Düsseldorf hatte bereits an einem vorangegangenen Verhandlungstag das Gericht über festgestellte Punktblutungen in den Augeninnenwinkeln, bläuliche Verfärbungen der Oberlieder, eine Hautabschürfung am Knie, Unterblutungen am Schenkel und „Stress-Einblutungen“ im Magenbereich informiert. Bereits bei den ersten Untersuchungen war eine Hirnschädigung festgestellt worden.
„Zusammenfassen kann man zum Krankheitsverlauf von Greta sagen, dass das Kind aufgrund eines durch Sauerstoffmangel bedingten Hirnschadens gestorben ist“, so die Sachverständige in ihrer vergangenen Darlegung. „Das Gehirn dürfte bereits zu Beginn der Reanimationsmaßnahmen soweit beschädigt gewesen sein, dass eine Besserung nicht erwartet werden konnte.“ Die Ursache des Hirnschadens konnte aufgrund der späteren Obduktion nicht gesichert geklärt werden, allerdings sei eine starke Einwirkung von außen die wahrscheinlichste Todesursache. Nach den polizeilichen Ermittlungen im vergangenen Jahr geht die Anklage davon aus, dass die beschuldigte Erzieherin vom 01.08.2017 bis zum 21.04.2020 den Brustkorb mehrerer ihr anvertrauter Kleinkinder in einer Art und Weise zusammengedrückt habe, dass bei diesen eine erhebliche Atemnot oder gar ein Atemstillstand eintrat.

Am Mittwoch dieser Woche wird der Prozess fortgeführt. Die Nebenkläger stellten nach Abschluss der Befragung den Antrag, dass ein weiteres Sachverständigengutachten eingeholt wird, damit die im Vorfeld begangenen Straftaten der Beklagten geprüft werden. Die Angeklagte habe einen Hang zur Begehung erheblicher Straftaten, die sie immer wieder straffällig werden lassen würde, wenn sich die Gelegenheit bietet. Da es sich bei den Betroffenen um Kleinkinder handelte, bestünde Besorgnis, dass die Angeklagte auch weiterhin weitere Straftaten begehen würde. Staatsanwalt Stefan Lingens gab den Anstoß nicht nur über den Sachstand einer besonders schweren Schuld, sondern ebenfalls über ein Berufsverbot zu beraten. Sollte dem Antrag nicht entsprochen werden, könnten noch in dieser Woche die Plädoyers stattfinden. (nb)


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