„Greta-Prozess“: Dreijährige in Tönisvorst klagte über Angst vor der Erzieherin

Noch bis März verhandelt die 7. große Strafkammer des Landgerichts Mönchengladbach nicht nur die heimtückische Tötung der dreijährigen Greta in Viersen, sondern ebenfalls neun Fälle mit Hinweisen auf Misshandlung von Schutzbefohlenen. Erschreckend waren am Montagmittag die Aussagen einer damals Dreijährigen, die offen ihre Angst vor der Angeklagten ihren Eltern mitgeteilt hatte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Weitere dreizehn Verhandlungstage sind in dem Verfahren gegen die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte Sandra M. im neuen Jahr angesetzt. Das Gericht unter Leitung des Vorsitzenden Richters am Landgericht Lothar Beckers versucht den Tathergang der vorgeworfenen Taten zu erörtern, nachdem es am 21. April 2020 zu einem Notarzteinsatz in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen gekommen war. Die zu diesem Zeitpunkt noch nicht dreijährige Greta F. hatte einen Atemstillstand erlitten und verstarb am 4. Mai 2020, einen Tag nach ihrem Geburtstag. Aufgrund einer medizinisch unklaren Lage verständigte das Krankenhaus die Polizei.

Die Ermittlungen waren aufgenommen worden, nachdem an dem Mädchen rötliche Punkte im Augenbereich auffielen, die auf eine Gewalteinwirkung hinweisen können. Bei diesen Polizeiermittlungen wurden Hinweise gefunden, dass die Erzieherin im Zeitraum vom 1. August 2017 bis zum 21. April 2020 den Brustkorb mehrerer ihr anvertrauter Kleinkinder in einer Art und Weise zusammengedrückt habe, dass eine erhebliche Atemnot oder gar ein Atemstillstand eingetreten war.

Weitere dreizehn Verhandlungstage sind in dem Verfahren gegen die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte Sandra M. im neuen Jahr angesetzt. Foto: Rheinischer Spiegel

Im neuen Jahr machte zunächst die Leiterin der betroffenen KiTa in Tönisvorst ihre Aussage. Hier war Sandra M. in 2019 tätig und soll am 29. Oktober dieses Jahres dem im Juni 2016 geborenen und an einem angeborenen Herzfehler leidenden Mädchen J. den Brustkorb so lange zusammengedrückt haben, bis das Kind blau angelaufen und bewusstlos geworden sei.
Im Bewerbungsgespräch hätte Sandra M. einen guten Eindruck gemacht, dieser sei jedoch schnell verflogen. Zunächst sehr unsicher, habe es lange gedauert bis Arbeitsabläufe verinnerlicht waren. „Dazu kam, dass Frau M. sehr schnell, sehr viel durch Abwesenheit wegen Krankheit geglänzt hat. Das war schon sehr auffällig“, erinnerte sich die pädagogische Leiterin. „Zudem führten anfänglich kleinere Unwahrheiten dazu, dass die Kollegen schnell keine Lust mehr hatten mit ihr die Pause zu verbringen.“ Mit der Zeit seien immer mehr Lügen aufgefallen, darunter ein angeblicher schwerer Unfall ihrer Mutter. Angesprochen darauf habe sie weiterhin an den Lügen festgehalten und als sie keinen Ausweg mehr sah patzig geantwortet. Viel Aufmerksamkeit habe sie gesucht, erinnert sich eine weitere Kollegin, die zu dieser Zeit ihr Anerkennungsjahr absolvierte.

Am 29. Oktober sei die KiTa aufgrund von Fortbildung, Urlaub und Krankheit dünn besetzt gewesen, als es zu dem ermittelten Vorfall im Wickelraum kam. Die Dreijährige habe flach geatmet, war blau im Gesicht angelaufen, die Augen rutschten in die Augenwinkel. Es sei eine grenzwertige Situation gewesen. „Ich fand sie sehr emotionslos. Es war für alle im Team eine hoch emotionale Situation, Sandras Reaktion konnte ich nicht einordnen. Es war wirklich ihre fehlende Reaktion, die mich sehr geschockt hat“, so die pädagogische Leiterin.

Wie bei weiteren Fällen zuvor hatte die Angeklagte auf den Vorgang aufmerksam gemacht, die ihre Kolleginnen hinzurief, nachdem beim Wickeln etwas mit dem Kind nicht gestimmt hätte.
Sandra M. habe das Mädchen auf dem Arm gehabt, als sie die benachbarte Gruppe betrat, erinnerte sich eine 25-jährige Erzieherin, die zu diesem Zeitpunkt in der KiTa tätig war. „Ich habe eine Wahnsinnsangst gehabt, weil das Kind nach hinten überstreckt, die Augen verdreht und die Lippen blau waren“, berichtete sie. „Mein Eindruck war, Sandra M. hat den Ernst der Lage nicht erkannt.“ Das Mädchen sei „weggetreten“ gewesen, habe das Bewusstsein vor dem Eintreffen des Notarztes wiedererlangt.

Kinder und Eltern trauern am Viersener Kindergarten. Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

„Sandra ist meines Erachtens nicht für diesen Beruf geeignet“, so die 30-jährige Gruppenleiterin. Die Angeklagte sei am Anfang offen gewesen, ein Verhalten, welches mit der Zeit stagnierte, auch nachdem viele Unwahrheiten offengelegt wurden. Die Chemie habe zwischen dem damals dreijährigen Mädchen und der Angeklagten nicht gestimmt, ein damaliger Praktikant hatte den Eindruck, dass Sandra M. genervt war von dem Kind, welches sich noch in der Eingewöhnungsphase befand und sich nur schwer von ihren Eltern trennte.

Unter den Zeugen am Beginn der Woche ebenfalls der Vater des Mädchens, welcher als Gemeindepfarrer tätig ist. Er berichtete von einem offenen und neugierigen Kind. Als er in der KiTa eintraf, war seine Tochter bereits wieder wach, machte einen benommenen Eindruck. Ihr Zustand sei erst im Krankenhaus besser geworden, wo sie über Nacht zur Kontrolle blieb. Weder vorher noch nachher sei es zu einem weiteren Vorfall gekommen.

Bereits vor dem Tattag habe die Dreijährige zu Hause erzählt, dass Sandra M. sie die Treppe heruntergestoßen habe. Ein blauer Fleck habe ihre Geschichte untermauert. Sie hätte Angst vor der Erzieherin gehabt und wollte nicht mehr in den Kindergarten. „Ich will da nicht mehr hin, ich habe Angst vor der Sandra“, habe sie gesagt.
Bevor jedoch ein Gespräch geführt werden konnte, sei es zu dem Vorfall im Wickelraum gekommen.
Der Vater berichtete, dass die Dreijährige bereits im Krankenhaus ihren Eltern sagte, dass Sandra M. ihr auf den Bauch gedrückt habe. Bei klarem Verstand sei sie gewesen und hätte diesen Vorfall auch im Nachhinein mehrfach geäußert.
Bei einem späteren Gespräch habe er die Angeklagte auf den Treppensturz angesprochen, doch die Erzieherin habe nichts gesagt, habe „in die Gegend gestarrt“.

Zu diesem Zeitpunkt habe Sandra M. noch keine Beziehung zu den Kindern gehabt, wäre auch in Tönisvorst durch Empathielosigkeit aufgefallen. Schlussendlich habe das gesamte „Nicht-Verhalten“ dazu geführt, dass eine Kündigung während der Probezeit ausgesprochen wurde. (nb)