„Greta-Prozess“: Sandra M. wurde dringend psychologischer Beistand angeraten

Der nasskalte Regen gab einen Ausblick auf den heutigen Dienstagmorgen, an welchem bei einem weiteren Verhandlungstag im „Greta-Prozess“ vor dem Landgericht Mönchengladbach die Umstände der verschiedenen Vorfälle beleuchtet wurden.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Die 1995 in Kempen geborene Angeschuldigte Sandra M. hat als Erzieherin unter anderem in Kindertagesstätten in Krefeld, Kempen, Tönisvorst und Viersen gearbeitet, die Anklage lautet auf heimtückischen Mord sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen.
Während der Ermittlungen war die Polizei auf ein Vorverfahren aus Mai 2019 in Kleve gestoßen, bei dem die Beschuldigte angab, ein Mann hätte ihr im Wald Verletzungen mit einem Messer zugefügt als sie versuchte eine Frau zu verteidigen. Nachdem Untersuchungen ergaben, dass die Beschuldigte sich diese Verletzungen selber zugefügt haben müsse, wurde das Verfahren eingestellt.

Dr. med. Elke Otto, Fachärztin für Rechtsmedizin am Rechtsinstitut in Duisburg, hatte auf dem kleinen Dienstweg 2019 zunächst Fotografien der Angeklagten geprüft, die durch den angeblichen Angriff im Wald Verletzungen im Gesicht aufwies. „Ich habe dann direkt Rücksprache mit dem Polizisten gehalten und bestätigt, dass diese Verletzungen durch Selbstbeibringung entstanden waren“, berichtete die Sachverständige. Die Stelle der Selbstverletzung habe sie im ersten Moment erschüttert, da solche Verletzungen an der Wange nicht typisch seien. Es sei erst das zweite Mal gewesen, dass sie eine Selbstverletzung im Gesicht zu prüfen hatte, da gerade solche Verletzungen in einem Bereich stattfinden würde, die bedeckt werden könnten. Diesem „ziemlich extremen Verletzungsbild“ lägen meistens psychische Krankheitsbilder zugrunde. In diesem Fall sei es leicht zu erkennen gewesen, dass es sich um eine Selbstverletzung gehandelt hatte, da die Verletzungen nicht auf einen Angreifer hinwiesen. Der Fall sei schwerwiegender gewesen als die klassische Selbstverletzung.

„Sie hat meiner Diagnose nicht widersprochen und nicht versucht etwas Gegenteiliges zu sagen“, erinnerte sich die Rechtsmedizinerin, die der Erzieherin dringend psychologischen Beistand angeraten hat. Foto: Rheinischer Spiegel

In einem späteren Gespräch mit der Polizei und der Sachverständigen wurde Sandra M. mit dem Ergebnis dieser Prüfung konfrontiert, nachdem bei einer Untersuchung zudem festgestellt wurde, dass der Körper der Angeklagten keine weiteren auffälligen Narben oder blaue Flecken aufwies. „Sie hat meiner Diagnose nicht widersprochen und nicht versucht etwas Gegenteiliges zu sagen“, erinnerte sich die Rechtsmedizinerin, die der Erzieherin dringend psychologischen Beistand angeraten hat.

Die Aussage der zweiten und letzten Zeugin an diesem Tag, einer Polizeibeamtin der Kreispolizeibehörde Viersen, die am 30. April 2020, einen Tag nach der Strafanzeige durch das AKH Viersen, die Anklagte damals noch als Zeugin verhört hatte, sorge zunächst für den Antrag eines Kammerbeschlusses durch den Verteidiger, Rechtsanwalt Felix Menke, der die Belehrung der Polizei beanstandete. Als Beschuldigte und nicht als Zeugin hätte die Erzieherin verhört werden müssen, eine Meinung, die weder durch den Vorsitzenden Richter Lothar Beckers, noch durch Staatsanwalt Stefan Lingens gestützt wurde, da an diesem Tag kein Anfangsverdacht gegen die Angeklagte vorgelegen habe.

Die Angaben der Kindergartenleitung, einer weiteren Erzieherin sowie die Aussagen des AKH-Arztes hätten am ersten Vernehmungstag auf eine mögliche Straftat hingewiesen, führte der Verteidiger aus, der seine Einlassung dezidiert darlegte. Die Kammer folgte seinen Ausführungen nicht.

Nach der persönlichen Einschätzung des Staatsanwaltes würde ein „Freispruch nicht klappen“, weshalb die Aussage der Erzieherin auch für die Eltern der betroffenen Kinder darlegen könnte, was tatsächlich bei den Vorfällen passiert ist. Foto: Rheinischer Spiegel

Sandra M. war am 30. April 2020 die letzte Zeugin bei der Kreispolizeibehörde Viersen. Lange habe sie im Flur warten müssen, habe geweint. Bei der Zeugenvernehmung durch die 26-jährige Beamtin habe sie den Tag in der Einrichtung beschrieben. Greta habe nicht reagiert, dann habe sie die Jalousie geöffnet. Punkte um die Augen seien ihr aufgefallen, das Mädchen habe den Mund offen gehabt, weshalb die Angeklagte versuchte das Kind zu kitzeln – ohne Reaktion hätte sie dann Hilfe geholt.
Schon in der Vernehmung habe die Beamtin an Petechien gedacht, diese waren während des vorhergehenden Verhandlungstages in den Blick gerückt, nachdem die Verteidigung die Möglichkeit einbrachte, dass diese punkthaften Einblutungen, die auf einen Blutstau und ein Einwirken von außen hinweisen, erst bei der Reanimation entstanden sein könnten.

Die Verteidigung will nun weitere Zeugen laden, darunter ein Krefelder Arzt, der Greta F. behandelt hatte. Ebenfalls der Kinderarzt der betroffenen Dreijährigen aus Tönisvorst wird in der kommenden Sitzung seine Ausführungen darlegen. Interessant sicherlich ebenfalls ein Bericht der Angeklagten an ihre Eltern. Dieser wurde erst vor einigen Tagen beschlagnahmt und soll das Bild ergänzen nachdem die Angeklagte weiterhin schweigt. Zehn weitere Termine stehen an, weshalb der Staatsanwalt die Frage nach einer Stellungnahme der Angeklagten in der Verhandlung stellte. Nach der persönlichen Einschätzung des Staatsanwaltes würde ein „Freispruch nicht klappen“, weshalb die Aussage der Erzieherin auch für die Eltern der betroffenen Kinder darlegen könnte, was tatsächlich bei den Vorfällen passiert ist. (nb)


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