Greta-Prozess: Staatsanwalt fordert lebenslange Haft – Angeklagte beteuert Unschuld

„Wer auf den Brustkorb eines Kleinkindes drückt bis es nicht mehr atmet, will nicht nur verletzten, er nimmt den Tod billigend in Kauf“, so Staatsanwalt Lingens. Einen minderschweren Fall konnte der Staatsanwalt nicht erkennen, der eine lebenslange Haft, ein Berufsverbot und die Feststellung einer besonders schweren Schuld der voll schuldfähigen Angeklagten forderte.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen/Region – Nachdem die Kammer am Dienstagmittag den gestrigen Antrag der Nebenklage, eine Sachverständige aufgrund der Möglichkeit einer Befangenheit abzulehnen, nicht zugelassen hatte, machte Richter Lothar Beckers den Weg frei für die Plädoyers. Die Kammer sei bereits in der Befragung auf eine mögliche Sicherungsverwahrung eingegangen, habe mündlich mitgeteilt, dass weitere Straftaten der Beklagten nicht auszuschließen seien. Hiermit schloss Richter Beckers die Beweisaufnahme, nachdem keine weiteren Anträge gestellt wurden.

In der Anklage werden der Angeklagten die heimtückische Tötung der dreijährigen Greta und die mehrfache Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Erster Sprecher am Dienstag war Staatsanwalt Stefan Lingens. „Für mich besteht kein Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten“, so der Staatsanwaltschaft. „Die Angeklagte ist für den Tod der kleinen Greta und die Verletzungen der weiteren Kinder verantwortlich.“ Jeder Einzelfall für sich wäre vielleicht erkennbar gewesen, doch in der Gesamtheit sei ein klares Muster mit den wehrlosen Kleinkindern erkennbar.

Detailliert ging er auf die verschiedenen Vorfälle ein und führte sie den Anwesenden nochmals vor Augen. Fast bildhaft führte er aus, wie der Junge S. mit verdrehten Augen, röchelnd und nicht mehr ansprechbar gefunden wurde. Die Tattage reihten sich aneinander, zeigten ein grausames Bild der Vorfälle auf. Nach der Beweisaufnahme gehen die Ermittler davon aus, dass die 25-jährige Erzieherin Sandra M. im Zeitraum von 01.08.2017 bis zu 21.04.2020 den Brustkorb in neun Fällen bei mehreren ihr anvertrauter Kleinkinder in Kempen, Tönisvorst, Krefeld und Viersen zusammengedrückt habe und so bei diesen eine erhebliche Atemnot oder gar ein Atemstillstand eingetreten sei. „Hierbei hat die Angeklagte den Tod der Kinder mindestens billigend in Kauf genommen“, erklärte Lingens.

Ich habe weder Greta noch einem anderen Kind jemals etwas zuleide getan und weise alle Vorwürfe zurück. Foto: Rheinischer Spiegel

Am 21. April 2020 war es in der Mittagszeit zu dem schicksalshaften Notarzteinsatz in einer städtischen Kindertageseinrichtung in Viersen gekommen, nachdem die zu diesem Zeitpunkt noch nicht dreijährige Greta F. einen Atemstillstand erlitten hatte und in ein Krankenhaus überführt wurde. Erst am 4. Mai 2020 verstarb das Mädchen, einen Tag nach ihrem Geburtstag nachdem ein Hirntod festgestellt wurde. Ihre Organe wurden ihr entnommen um anderen kranken Kindern zu helfen, bevor die Maschinen abgeschaltet wurden. Aufgrund einer medizinisch unklaren Lage verständigte das Krankenhaus bereits am 29. April 2020 die Polizei. Die Ermittlungen waren aufgenommen worden, weil an dem Mädchen rötliche Punkte im Augenbereich auffielen, die auf eine Gewalteinwirkung hinweisen können. „Hätte das AKH nicht die Polizei alarmiert, wäre vielleicht auch hier ein Zusammenhang nicht aufgefallen.“ Da ausgeschlossen werden konnte, dass jemand anderes als Sandra M. im Raum mit Greta gewesen war, geriet sie in den Blick der Ermittlungen.

Sandra M. liefen während der Vorträge die Tränen, saß zusammengekauert hinter der Anklagebank, wirkte aber dennoch von jetzt auf gleich plötzlich nicht mehr erschüttert und teilnahmslos. Auf das „nicht authentische Weinen“, ging ebenfalls die Nebenklage ein. Bereits die Sachverständige hatte im Vorfeld ein ähnliches Verhalten geschildert. Ihr gegenüber auf der anderen Seite des Raumes hatte Gretas Mutter Platz genommen. Mit einem leeren Blick war ihre tiefe Trauer spürbar. Bereits an einem der Vorverhandlungstage hatte ihre Anwältin ausgeführt, dass sie nur noch existieren würde, sie lebe nicht mehr. „Meiner Mandantin ging es darum zu erfahren, was am 21. April passiert ist“, führte Rechtsanwältin Marie Lingnau aus.

„Der Tatnachweis beruht entscheidend auf der Tatsache, dass die Angeklagte bei allen Fällen alleine bei den Kindern war“, so Staatsanwalt Stefan Lingens. „Es wurde bei keinem der Kinder eine natürliche Ursache festgestellt.“ Es müsse deshalb von einem Anersticken der Kinder ausgegangen werden. Hinzu kämen die weiteren Vorfälle in denen bewiesen wurde, dass die Angeklagte durch verschiedenste Lügengeschichten auffiel – angefangen von totkranken Großeltern und schweren Unfällen bis hin zu Grabreden für Kinder. Ebenfalls die „Onkel-Geschichte“ hielt der Staatsanwalt für gelogen, Sandra M. hatte angegeben, dass dieser versucht habe sie sexuell zu missbrauchen. Informiert habe sie damals niemanden, erst nach Jahren brachte sie das Thema ein. „Vielmehr ist für mich ihr Lügen ein Teil von ihr geworden“, sagte Lingens mit fester Stimme. „Sie hat immer die Heldin sein wollen.“

Voll schuldfähig und in der Lage ihr Fehlverhalten zu erkennen sei die Tat rechtlich zu würdigen als Mord mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe und 1 bis 15 Jahren für die Misshandlung von Schutzbefohlenen. Einen minderschweren Fall konnte der Staatsanwalt nicht erkennen, der eine lebenslange Haft, ein Berufsverbot und die Feststellung einer besonders schweren Schuld forderte.

Einen minderschweren Fall konnte der Staatsanwalt nicht erkennen, der eine lebenslange Haft, ein Berufsverbot und die Feststellung einer besonders schweren Schuld forderte. Foto: Rheinischer Spiegel

„Wer auf den Brustkorb eines Kleinkindes drückt bis es nicht mehr atmet, will nicht nur verletzten, er nimmt den Tod billigend in Kauf“, so Staatsanwalt Lingens. „Sie hat sich die Kleinsten und Schwächsten als Opfer ausgesucht. … Alleine mit der Angeklagten waren die Kinder ihr wehrlos ausgeliefert. … Die Kinder unterstanden ihrer Obhut, dabei handelte sie mit einer gefühllosen, dass Leid der kleinen Kinder ignorierenden Gesinnung.“ Der Staatsanwaltschaft schlossen sich die Nebenkläger größtenteils an. Allerdings sei zweifelsfrei von einer Serientäterin auszugehen, die völlig skrupellos und aus niedrigen Beweggründen gehandelt habe. Damit Sandra M. nach ihrer Haft nicht als Babysitterin arbeiten kann, würde allerdings ein reines, zwingend erforderliches Berufsverbot nicht ausreichen, unabdingbar wäre deshalb die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Zudem sei nicht davon auszugehen, dass die Angeklagte durch das Hinzurufen von anderen Erziehern von den Tötungsversuchen in den anderen Fällen freiwillig zurücktreten wollte, der Tötungsvorsatz sei klar erkennbar.

„Zunächst einmal möchte ich eines festhalten, es handelt sich um einen Indizienprozess“, erklärte Verteidiger Rechtsanwalt Felix Menke, der darauf hinwies, dass die Angeklagte immer, auch ihm und seinem Kollegen gegenüber immer die Taten bestritten habe. Mit Blick darauf, dass nicht alle Kinder gesund seien, wäre es schwierig nachzuvollziehen, dass Sandra M. Auslöser für die Vorfälle gewesen sein soll. Eine Stresssituation könne beispielsweise bei dem Mädchen J. zu dem Vorfall geführt haben. Es sei relativ naheliegend, dass es zu einer solchen Situation kommen kann.

„Das passiert bei gesunden Menschen und erst recht bei Vorerkrankungen“, führte Rechtsanwalt Ingo Herbort aus, der sich das Plädoyer mit seinem Kollegen teilte. Die Zeit, den Kindern auf den Brustkorb zu drücken, bis ein Atemstillstand oder eine Ohnmacht eintritt, hätte Sandra M. nicht gehabt, zudem seien in zwei Fällen weitere Kinder anwesend gewesen, die nicht von Auffälligkeiten berichtet hätten. Nochmals brachte er den Virenbefall bei der verstorbenen Greta und auch die fehlende Krankenhausakte, die der Gerichtsmedizinerin nicht vorgelegen hatte sowie die bereits mehrfach angesprochenen Petechien in seinen Vortrag ein. „Wir haben keine eindeutige Ursache, nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Wir haben kein nachvollziehbares Motiv für die Tat“, so Ingo Herbort. „Die Angeklagte hat selbst gesagt es wäre ihr Traumberuf. Sie hat immer die Tat bestritten.“ Nicht alle Beweise in der gedachten Indizienkette seien haltbar, weshalb ihre Mandantin „in dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten, freizusprechen wäre. „Es gibt für Verteidiger nicht schlimmeres als ein totes Kind, doch es gibt einen anderen schweren Fall, nämlich wenn jemand unschuldig verurteilt wird.“

„Nur eine Frage bleibt, insbesondere für die Angehörigen: Was war der Grund, was war die Motivation?“, erklärte Staatsanwalt Lingens. Eine Frage, die weiterhin offenbleiben wird, denn die Angeklagte beteuerte unter Tränen ihre Unschuld. Sie durfte am Dienstag die letzten Worte an das Gericht und die Beteiligten richten: „Ich wollte schon immer Erzieherin werden, weil ich ein großes Herz für Kinder hatte und immer noch habe. Durch die Aussagen meiner Kollegen und Kolleginnen habe ich aber jetzt erkannt, dass der Beruf der Erzieherin nicht der richtige für mich war“, so Sandra M. „Ich leide sehr unter diesen grausamen Vorwürfen. Meine Gedanken sind bei Greta und ihrer Familie. Ich möchte ihnen in dieser schweren Zeit und in Zukunft ganz viel Kraft wünschen. Ich habe weder Greta noch einem anderen Kind jemals etwas zuleide getan und weise alle Vorwürfe zurück.“
Am kommenden Freitag um 14.00 Uhr wird das Urteil gegen die 25-jährige Erzieherin, Sandra M., ergehen. (nb)


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