Handwerker aus dem Kreis Viersen halfen im Ahrtal: „Es riecht nach Verwesung und Fäkalien“

Zwanzig Handwerker aus dem Kreis Viersen hatten am letzten Freitag, „bewaffnet“ mit schweren Maschinen, den Weg ins Ahrtal angetreten, um dort vor Ort die Einsatzkräfte zu unterstützen. Zwei Tage lang schaufelten sie den Schutt beiseite, den die Wassermassen wie kleine Zahnstocher zusammengedrückt hatten.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz

Viersen/Kreis Viersen – Zunächst waren es viele „kleine“ Ideen, denn eigentlich wollte jeder irgendwie helfen, doch der erste Schritt mit einem klaren Ziel und einem Ansprechpartner im Krisengebiet fehlte. Schließlich wusste jeder von ihnen, was nach dem Hochwasser auf sie warten würde. Wissen, das nicht jeder Helfer vorab hatte, der „mal eben“ die Reise antrat um mit anzufassen. Tausende freiwillige Helfer sorgten so am Samstag für verstopfte Straßen, unmöglich für die Einsatzkräfte sie zu koordinieren.

Hinzu kommt, dass keine Versorgung vor Ort ist, jedoch viele Helfer ohne eine eigene Versorgung anreisten und die Gesundheitsgefahren durch den kontaminierten Schlamm stetig steigen. Das Hochwasser ist eine Umweltkatastrophe, von der nach dem Absinken des Wassers eine enorme Gefahr für die Helfer ausgeht, denn die Wassermassen haben die Kanalisation mit Öl- und Kraftstofftanks sowie Leichen verwesender Tiere vermischt – die Hitze lässt das Wachstum von Bakterien und Viren explodieren. Die Behörden appellieren deshalb an mögliche Helfer vorab unbedingt das Datum der letzten Tetanus-Impfung zu prüfen.

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„Es riecht nach Verwesung und Fäkalien“, berichtet Alex Kupisch (45), der zwar in Vorst Zuhause ist, allerdings am Ummer Marktplatz den Gewerbepark betreibt. Er war einer von zwanzig Handwerkern aus dem Kreis Viersen, die sich am Freitag im Team starteten um mit fünf Schleppern und Muldenkippern, einem 10-Tonnen-Forsträumer und Radladern vor Ort im Ahrtal die Einsatzkräfte zu unterstützen. Eine Gemeinschaftsaktion, an der sich unter anderem Baumaschinen Manfred Cramer, Landwirte und die Bauernjugend aus Waldniel, ein Forstbetrieb, ein Landmaschinenmechaniker mit Werkstattwagen für eventuelle Ausfälle und weitere Helfer beteiligten. Mit Kühlwagen, Lichtmöglichkeit und eigener Verpflegung sponserten unter anderem der Gastrobetrieb Flug und die Firma Herzog Lebensmittel für die Versorgung aller Helfer und Anwohner vor Ort.

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Bereits vor Ankunft stauten sich die Helfer zurück, weshalb die Einsatzkräfte begonnen hatten die „Fußhelfer“ nicht mehr mit eigenen Fahrzeugen in das Hochwassergebiet fahren zu lassen, während die großen Maschinen vorbeigelenkt wurden. Das Ziel der Handwerker aus dem Kreis Viersen war ein Campingplatz, der bisher noch völlig unberührt nach der Flut lag. „Wir kamen am ersten Tag der Erschließung an“, berichtet Alex Kupisch. „Zuvor hatten bereits Helfer einen Bahndamm aufgebrochen, denn die einzige Zufahrt war vollständig durch Schlamm und Baumstämme von rund 15 Metern Länge versperrt.“ Der 45-Jährige, selbst groß wie ein Baumstamm, berichtet von der ersten Hilflosigkeit, bis mit den großen Maschinen ein erster Anpack auf dem über 70.000 Quadratmeter großen Gelände gefunden war.

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Die Gefahr sei groß gewesen unter den Schlammmassen verschüttete Leichen zu finden. Viele Tiere waren in den Wassermassen verendet, der Boden teilweise bedeckt von verwesenden Flusskrebsen. Im Vorfeld hatten deshalb bereits Leichenspürhunde den Bereich abgesucht, ein Verstorbener wurde aus der Luft durch einen Polizeihubschrauber ausfindig gemacht, in der Nähe zählte ein Fahrzeug mit vier noch angeschnallten Insassen zu den grausamen Funden der Hochwasserkatastrophe.

Kein einfacher Einsatz für die erfahrenen Handwerker. „Bei den riesigen Schuttmassen, die dort aufgeladen werden, kann es sein, dass Verstorbene nicht vor Ort gefunden werden“, berichtet er und gibt einen Überblick über Fahrzeuge, die von den Wassermassen mitgerissen wurden und aussehen, als ob ein Panzer darübergefahren wäre. „Wohnwagen wurden einfach zermalmt in kleine Stücke. Es sieht aus, als ob sie durch einen Schredder gefahren wurden. Das Wasser stand acht bis neun Meter hoch und es hängen Wohnwagen in vier Meter Höhe in den wenigen Bäumen, die dem Wasser stand hielten.“ Aktuelle Priorität der großen Maschinen war vor allen Dingen die Brücken freizuräumen, an denen sich der Schutt gesammelt hatte und ein Durchkommen unmöglich machte.

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In den Städten sei die Situation kritisch, denn es kommt häufig zwischen Handhelfern und großen Maschinen zu gefährlichen Momenten. Tagsüber werden die Häuser leergeräumt und der Schutt aufgestapelt, abends kommen die Maschinen und räumen alles weg – müssen dabei jedoch durch die engen Straßen.

Seit der Flut wird 24 Stunden am Stück gearbeitet. Ein Moment der Ruhe, ohne den Lärm von Baumaschinen, den gibt es im Ahrtal aktuell nicht. Schlaf war deshalb auch für die Helfer aus dem Kreis Viersen nur schwer zu finden, die in der Führerkabine und in der grob vom Schlamm befreiten Campingplatzrezeption einen Platz gefunden hatten. „Dixis waren absolute Mangelware, es sind keine sanitären Einrichtungen da. Die Infrastruktur ist bisher noch nicht wieder hergestellt worden.“

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Zwei Tage lang waren sie vor Ort, wateten kniehoch im verseuchten Schlamm – ehrenamtlich und auf eigene Gefahr und Kosten, trotz der großen Maschinen. Der Dank der Anwohner und die gigantische Hilfsbereitschaft habe sie tief bewegt. Einen weiteren Einsatz könne sich das Team der engagierten Handwerker vorstellen, denn der Bedarf sei auch in sechs bis acht Wochen noch da. (cs)


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