Heimatbuch 2021 erschienen – Spannende Beiträge über Geschichte, Kunst und Natur des Kreises Viersen

Eine ältere Burg als die Burg, mitten in Kempen? – „Das Heimatbuch wartet dieses Jahr mit einer kleinen Sensation auf“, erklärt Kulturdezernent und Kreisdirektor Ingo Schabrich.

Kreis Viersen – Bei archäologischen Grabungen an der Ellenstaße wurden mittelalterliche Keller und zwei Wände mit Bogenscharten zu Tage gefördert. Darüber und über die Erkenntnisse, die sich daraus für die Stadtgeschichte ergeben, berichtet die Entdeckerin, Grabungshelferin Tina Hirop, im Heimatbuch 2021 mit eigenen Fotos. Mit dem neuen Heimatbuch ist der 72. Band in der Reihe erschienen. Insgesamt haben 23 Autorinnen und Autoren 21 Beiträge in den gewohnten fünf Rubriken „Lebensbilder“, „Aus der Geschichte“, „Aus Kunst- und Architekturgeschichte“, „Aus Natur- und Landschaft“ und „Aktuelle Dokumentation“ beigesteuert.

„Es ist schön, dass wir wieder eine große Breite von Themen aus Geschichte, Kunst und Natur zusammenbekommen haben und dabei wirklich aus fast allen Teilen des Kreises spannende Beiträge gekommen sind“, sagt Kreisarchivar Dr. Michael Habersack. „Es waren so viele, dass die ersten schon für das nächste Heimatbuch angenommen sind.“
Dr. Habersack selbst berichtet in einem Aufsatz über die erste namentlich ermittelbare Kempenerin und ihre Überlieferungsgeschichte. Kempen ist auch der Ausgangspunkt des Beitrags von Prof. Erhard Louven über die Rezeptionsgeschichte der „Nachfolge Christi“ des Thomas von Kempen, in der neben verschiedenen Vertretern der Devotio moderna wiederum der aus St. Hubert stammende Weihbischof Heinrich Gleumes eine zentrale Rolle spielte.

Foto: Kreis Viersen

Wer eher an Infrastrukturgeschichte und moderner Versorgung interessiert ist, wird in den zeitlich wesentlich näher an der Gegenwart liegenden Beiträgen von Alfred Knorr und Manfred Birk über die Entwicklung der Tankstellen und über die Versorgung mit Gas, Wasser und Strom in Grefrath, Mülhausen und Oedt fündig. Zu den Erkenntnissen gehört nicht zuletzt, dass es in der Geschichte der kleinsten Gemeinde des Kreises seit der Erfindung des Automobils 16 verschiedene Tankstellen gab, wo sie lagen und wie solche Zapfstellen sich auch optisch wandelten.

Um Nettetal geht es in gleich fünf Beiträgen. Dabei geht der Blick weit in die Vergangenheit zurück. Heinz Koch berichtet über die fast 700-jährige Geschichte des Pellanderhofes in Hinsbeck-Wevelinghoven. Biographisch nähert sich dagegen Prof. Leo Peters seinem Gegenstand. Aus dem Lebensweg des in Hinsbeck und Leuth als Bürgermeister amtierenden Heinrich von Schaesberg (1779-1835) arbeitet er heraus, wie der adelige Zeitgenosse Goethes den Systemwechsel von der französischen zur preußischen Herrschaft unbeschadet und unbescholten überstand. Die in Lobberich angestammte Adelsfamilie der Bocholtz beschäftigt Dr. Susanne Kern in ihrem Beitrag über die manieristischen Grabmäler der Familie im Mainzer Dom, die nicht nur kunstvolle Objekte sind, sondern auch Denkmäler einer weit vernetzten Familie, die in Mainz und Münster ebenso aktiv war wie in Lüttich und Hildesheim. Mit dem Dominikaner Thomas Therstappen stellt Vera Meyer-Rogmann einen weiteren Geistlichen, in diesem Fall aus Breyell, ins Zentrum ihrer Untersuchung, mit der sie zugleich einen spannenden Einblick in die niederrheinische katholische Frömmigkeit vor etwas über 100 Jahren gibt. Das ist um so interessanter als Thomas der ältere Bruder des bekannten Heimatdichters Paul Therstappen war, der hier auch mehrfach Erwähnung findet.

Hinsbeck, Leuth, Lobberich, Breyell und Kaldenkirchen sind ebenfalls der Rahmen für den Beitrag zu Natur und Landschaft von Ludger Peters, der sich mit der Geschichte des Naturschutzgebietes Krickenbecker Seen befasst. Er zeichnet nach, wie und warum dieses Naturschutzgebiet ausgerechnet in der Zeit des Nationalsozialismus entstehen konnte.
Die Einrichtung des Naturschutzgebietes hat allerdings nicht verhindert, dass Otter dort nach 1939 nicht mehr nachgewiesen werden konnten. Für das Kreisgebiet insgesamt stellen Jennifer Markefka und Dr. Ansgar Reichmann die Perspektiven seiner Wiederansiedlung vor. Sie machen deutlich, wie diese Belebung der Fauna durch artgerechte Querungsmöglichkeiten an Straßen gefördert werden könnte und wie damit zugleich geholfen werden könnte, Unfälle mit dem semi-aquatischen Säuger zu vermeiden.

Kriegerisch ist die Episode, von der Dr. Wolfgang Löhr aus dem Gebiet von Brüggen und Niederkrüchten berichtet. In einem Gefecht an der Schwalm vertrieben preußische und kaiserlich-österreichische alliierte Truppen französische Brigaden und eroberten in diesem Zuge auch Roermond zurück. Bei dem Gefecht beteiligt waren auch der Oberst und spätere „Marschall Vorwärts“ Gebhard Leberecht von Blücher und der Dichter Heinrich von Kleist. Friedlich geht es dagegen in dem alltags- und wirtschaftsgeschichtlich orientierten Beitrag von Dr. Karl-Heinz Achten über Elmpter Frachtbriefe zu, die den Versand der Dachgebälke ganzer Wohnsiedlungen im Ruhrgebiet ebenso dokumentieren wie den Bezug einer neuen Backofentür durch die örtliche Bäckerei Derix.
Als Beitrag zur Geschichte Schwalmtals setzt Karl-Heinz Schroers seine Geschichte von Haus Clee in der Zeit der jungen Bundesrepublik fort, als aus dem Waldnieler Landhaus des Kaffeebarons Kaiser das von Dominikanerinnen betreute Mädchenheim „Maria im Klee“ wurde und später das Kinderdorf Waldniel. Eines bedrückenden Kapitels im Umgang mit Kindern in Heimen in Waldniel nimmt sich dagegen Dr. Arie Nabrings an. In seinem reich bebilderten Beitrag stellt er die Einrichtung des Gedenk- und Erinnerungsortes für die Opfer der nationalsozialistischen Kinderermordung vor.

Mit einem weniger bedrückenden Erinnerungsort, dem alten evangelischen Friedhof in Viersen, und seiner Instandsetzung bis zur Wiedereröffnung 2018 beschäftigen sich Horst Tamm und Karin Klaue. Ebenfalls für Viersen stellt Jutta Pitzen wieder Kunstobjekte im öffentlichen Raum vor, dieses Mal aber nur von einem Künstler: Will Brüll. Seine Flötenspielerin ziert zusammen mit einem der ersten Autos in Grefrath auch den Umschlag des diesjährigen Heimatbuches.
In einem ausführlichen Beitrag über den langen Abstieg der Tack‘sche Sparkasse bringt Dr. Michael Braun ein Stück Tönisvorster Wirtschaftsgeschichte zur Sprache. Abgerundet wird der Band mit Beiträgen von Lena Heerdmann über die praktische Vorführung des Köhlerhandwerks im Niederrheinischen Freilichtmuseum, einen archivpädagogischen Beitrag von Dr. Christina Fehse und die gewohnte gründliche Übersicht über neue Publikationen zum Kreis Viersen von Jürgen Grams.

Das aktuelle Heimatbuch des Kreises Viersen (384 Seiten) gibt es für 12 Euro im Kreisarchiv in der Kempener Burg, Thomasstraße 20, am Kreisarchiv-Standort in Viersen, Am Alten Gymnasium 4, im Buchhandel oder über das Bestellformular auf www.kreis-viersen.de/heimatbuch.
Zu jedem gedruckten Exemplar gibt es die E-Book-Ausgabe kostenlos dazu. Wer allein das E-Book lesen möchte, erhält dies für 5 Euro ebenfalls auf www.kreis-viersen.de/heimatbuch.

Ein Kommentar

  1. Wir erleben einen rasanten Wandel in allen Lebensbereichen. Es verändert sich sehr vieles, leider nicht immer zum Guten. Dabei verweise ich besonders auf den „schleichenden Heimatverlust“, den ich an der Auflagenstärke des Heimatbuches des Kreises Viersen festmachen möchte. Im Jahre 1970 betrug die Auflagenhöhe 20.000 Stück, 25 Jahre später (1995) waren es immerhin noch 14.000 Exemplare. Nach fünfzig Jahren dürfte die aktuelle Auflage, nur noch bei knapp 2.000 Büchern liegen und dies trotz einer gestiegenen Bevölkerungszahl im Kreis Viersen.

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