Mit Herrenmoden Pütter schließt ein Traditionsgeschäft der Viersener Geschichte

Das 60-jährige Jubiläum im nächsten Jahr wird das Herrenmodengeschäft Pütter an der Süchtelner Straße nicht mehr feiern. Am Donnerstag beginnt der Räumungsverkauf, der den Countdown für die Schließung des inhabergeführten Traditionsunternehmens einläuten wird.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen – Ein wenig wehmütig geht Holger Pütter jetzt schon durch seine Geschäftsräume, am 30. September startet er den Räumungsverkauf des in der dritten Generation geführten Herrenmodengeschäftes. „Die Entscheidung den Geschäftsbetrieb einzustellen ist mir sehr schwergefallen“, erklärt Holger Pütter im Interview. „Der Prozess, der letztlich zu dieser Entscheidung geführt hat, war kein einfacher und wurde in den letzten Monaten häufig wieder verworfen.“

Seine Kunden lädt er zu einem letzten Einkauf mit einem Rabatt von 30 Prozent auf das gesamte Sortiment ein, darunter bereits die noch vorhandene Sommermode ebenso wie die gerade erst eingetroffene Herbst- und Winterkollektion. Dann wird es noch einmal lebendig an der Süchtelner Straße 12 in Viersen, denn seine Kunden finden nicht nur aus Viersen den Weg, sondern auch aus den umliegenden Städten bis hin zur niederländischen Grenze. „Mir und auch meinen Mitarbeitern, die teilweise über zwanzig Jahre für die Firma gearbeitet haben, war der enge und persönliche Kundenkontakt immer wichtiger“, so Pütter, der aber auch das Einkaufsverhalten anspricht, welches sich in den vergangenen Jahren immer weiter verändert hat. „Einmal Pütter, immer Pütter“ hieß es noch im letzten Jahrzehnt, woraus der Slogan „Von Pütter gekleidet, von allen beneidet“ entstanden war. Anders als in der modernen, medienbezogenen Zeit, in der durch die Vielzahl der vorhandenen Plattformen eine regelrechte Reizüberflutung stattfinden würde. „Die sogenannten Influencer beeinflussen meines Erachtens gerade junge Menschen nicht immer positiv“, ist sich der Modefachmann sicher.

Ein wenig wehmütig geht Holger Pütter jetzt schon durch seine Geschäftsräume, am 30. September startet er den Räumungsverkauf des in der dritten Generation geführten Herrenmodengeschäftes. Foto: Rheinischer Spiegel

Seiner Schließung und dem vorhergehenden Räumungsverkauf waren viele Überlegungen vorausgegangen, wobei ein Ende der Ära des Familiengeschäftes auf Dauer in Sicht war, denn eine vierte Generation ist innerhalb der Familie nicht gegeben. „Wir sind immer unserer Devise – ehrliche und kompetente Beratung ist die Basis – treu geblieben“, sagt er, dennoch seien die letzten Jahre nicht einfach gewesen. Hinzu kam die Corona-Pandemie, die seit Anfang 2020 ihren nicht unwesentlichen Teil dazu beitrug, dass viele Kunden ihren Bedarf an Kleidung durch Online-Bestellungen abdeckt haben. Die teilweise immer noch verunsicherten Kunden trotz 3G wieder einzufangen sei eine große und äußerst schwierige Herausforderung – eigentlich wollte er zumindest das 60-jährige Bestehen in 2022 feiern.

Wenn Holger Pütter nach dem Räumungsverkauf die Türen schließt, dann endet eine lange Historie in der Viersener Wirtschaftsgeschichte. Großvater Walter Pütter war vor 59 Jahren die erste Generation, die kompetent den Kunden bei der Suche nach eleganten Anzügen mit einer persönlichen Beratung zur Seite stand. Holger Pütter erinnert sich mit einem schmunzelnden Lächeln an die Erzählungen seines mittlerweile verstorbenen Vaters, wenn sein Großvater mit dem Bus Verkaufstouren in die Eifel und den Rhein entlang unternahm um dort Stoffe und Herrenkonfektionsware anzubieten. „Daraus entstand ein etabliertes, stationäres Fachgeschäft zunächst in Viersen-Rahser an der Sittarder Straße“, berichtet Pütter. Mobil und im Geschäft bot Walter Pütter zudem Stoffe für die Maßanfertigung von Anzügen, Sakkos oder Stoffhosen an – ergänzt wurde die Produktpalette mit „Anzügen von der Stange“. Während im Laden Maß genommen wurde, entstanden die Anzüge in einem großen Textilwerk.

Als dann Sohn Kurt Pütter mit 17 Jahren frisch nach der Ausbildung als Einzelhandelskaufmann als gleichberechtigter Teilhaber in den Familienbetrieb einstieg, änderte sich bereits die Modewelt. Die Maßarbeit wurde weniger, dafür stieg im Bereich der Konfektionsware die Nachfrage stetig, die auch immer mehr Platz erforderte. Zu viel für die damaligen rund 80 Quadratmeter im Rahser, weshalb vor 50 Jahren ein Umzug an die Süchtelner Straße erfolgte. Auf 250 Quadratmetern Fläche bot sich die Möglichkeit ein Vollsortiment für Herren anzubieten – damals wie heute. Zu den Anzügen und Sakkos gesellte sich Wäsche, Strümpfe oder sportliche Freizeitmode – und Holger Pütter. 1997 war der Industriekaufmann die dritte Generation, die ihren Stil in das Herrenmodengeschäft mit einbrachten. An der Hauptstraße führte er die eigene Filiale „Trendman“. Während damals noch das Angebot eher klassisch ausgelegt war, legte Holger Pütter nach dem Rückzug seines Vaters aus der Selbstständigkeit auch Wert auf den sportlichen Bereich. Er gestaltete die Produktpalette ebenso wie das Ladenlokal um und fügte die Herrenmode Pütter und Trendman zusammen.

„Gerne können sich Interessenten für das Ladenlokal bei mir melden“, so Holger Pütter. „Es ist komplett für den Handel mit Bekleidung ausgestattet und wurde erst vor wenigen Jahren vollständig modernisiert. Auch für Branchenfremde könnte die vorhandene Struktur äußerst reizvoll sein.“ Erste Interessenten für das Ladenlokal mit rund 250 Quadratmetern Grundfläche sowie Lagern und Bürofläche aus anderen Bereichen gibt es bereits, aber vielleicht findet sich ja doch noch ein Nachfolger, damit die Geschichte des Viersener Traditionsunternehmens weiter geführt werden kann. (nb)

Foto: Bühler Mediaservice & Consulting