„Hirte mit Herz und Leidenschaft“: Günter Bublitz im Blick

Am vergangenen Sonntag verabschiedete die Ev. Gemeinde Viersen einen Pfarrer, der die Gemeinde in den letzten 28 Jahren mit viel Herz und Leidenschaft geprägt hat. Nah dran an den Gläubigen und Hilfesuchenden trat er gemeinsam mit seiner Frau für den christlichen Weg ein. Günter Bublitz hatte immer ein offenes Ohr, war bekannt für seine beeindruckenden Predigten. Wir werfen einen Blick auf seine Vergangenheit und Zukunft.

Viersen – Den Gottesdienst, zu dem die Ev. Gemeinde am letzten Sonntag zusammen gekommen war, hielt der „Junior“, der dem beruflichen Weg seines Vater gefolgt war. Für Günter Bublitz jedoch war es nicht nur ein gemeinsamer Gottesdienst mit seinem Sohn Friedemann Bublitz, es war ein Abschiedsgottesdienst voller Emotionen, in dem der beliebte Pfarrer vom angereisten Superintendenten des Kirchenkreises Krefeld-Viersen Burkhard Kamphausen von seinem Dienst „entpflichtet“ wurde.

Günter Bublitz wurde 1952 als fünftes und jüngstes Kind eines Gemeinschaftspredigers in Spremberg in der Niederlausitz geboren. Der Nachzügler der Familie wuchs in einem, besonders durch den Vater, stark pietistisch geprägten Elternhaus auf. 1959 verzog die Familie nach Eisenach. Seine Schulzeit verbrachte Günter Bublitz dort. Den ständig vorhandenen Spannungsbogen zwischen Glauben auf der einen Seite und glaubensfeindlichem Staatssystem der DDR auf der anderen Seite lernte er schon früh kennen. So war der Besuch des Eisenacher Gymnasiums für ihn als Pfarrerssohn keineswegs selbstverständlich, sondern bedurfte der massiven Intervention seines Vaters, der sich aber letztendlich erfolgreich durchsetzen konnte.

„Ein Medizinstudium wäre für mich auch etwas gewesen“, erinnert sich Bublitz, der nach dem Abitur ein freiwilliges Jahr in einem Krankenhaus absolvierte. Keine Chance, denn seine familiär enge Verbundenheit zur Kirche erlaubte in der realsozialistischen Diktatur im Prinzip nur eine akademische Ausbildung zum Pfarrer. Also ging Bublitz zum Theologiestudium an die Humboldt-Universität nach Berlin. Dort befreite er sich zunächst von der Enge und Strenge seines Elternhauses und fand zu einem selbstbestimmten Umgang mit dem Glauben. „Dennoch habe ich meinen Vater immer sehr geschätzt. Theologisch konservativ und mit moralisch oft erhobenem Zeigefinger hat er mir dennoch durch seine sehr authentische und überzeugte Art imponiert.

1977 legte Bublitz sein erstes Examen in Berlin ab, stellte seinen Ausreiseantrag und arbeitete fortan als Studieninspektor in einem Theologenkonvikt. Dort lernte er die junge Elisabeth kennen, die, gerade erst im ersten Semester, ebenfalls Theologie studierte. Als die Ausreisegenehmigung 1979 für Günter Bublitz endlich kam, war Elisabeth Bublitz schwanger mit dem ersten Sohn Friedemann. In einer recht dramatischen Fluchtaktion gelang es ihr, im Pkw-Kofferraum eines gemeinsamen Freundes die DDR zu verlassen und ihrem Günter in den Westen zu folgen.

Die junge Familie lebte zunächst in Bonn – Günter Bublitz‘ erste Anlaufstelle nach seiner Ausreise. Dort absolvierte er auch sein Vikariat. Die erste Stelle als Pastor im Hilfsdienst trat er 1982 in Zülpich an. Ein Sprung ins kalte Wasser: Einen hauptamtlichen Pfarrer gab es dort nämlich nicht. Aus einer, über mehr als 30 Dörfer versprengte, sehr komplexe Gemeinde resultierte ein erhebliches Arbeitspensum für den jungen Pfarrer. Bublitz war froh, eine sehr engagierte Ehefrau zur Seite zu haben – wie so oft in seinem Leben.

1985 brach die Familie nach Düsseldorf auf. Die dortige innerstädtische Kreuzkirche hatte eine Pfarrstelle ausgeschrieben. Mit Töchterchen Luise war die Familie mittlerweile auf sieben Personen angewachsen. Die Wohnsituation, ein Haus für zahlreiche gemeindliche Mitarbeiter, war nicht gerade ideal. Bublitz bewarb sich erneut auf eine ausgeschriebene Pfarrstelle: In Viersen wurde für den scheidenden Pfarrer Danzberg ein Nachfolger gesucht. 1990 trat er seine neue Stelle in unserer Kreuzkirche an, die erst während seiner Zeit zu ihrem heutigen Namen fand. „Hier in Viersen gab es sehr viele Aussiedler aus den ehemaligen Ostgebieten. Da stimmte die Chemie oft von Anfang an“, erinnert sich Bublitz, der betont, wie wohl er und seine Familie sich immer in Viersen gefühlt haben. „Auch unsere wunderschöne Kirche hat mir immer sehr gefallen.“ Familie Bublitz war schnell in Viersen heimisch und ist es bis heute geblieben. Und so wird es auch nach dem wohlverdienten Eintritt in den Ruhestand sein, dem der lang gediente Pfarrer mit etwas gemischten Gefühlen entgegensieht: „Es wird ja alles etwas anders werden, aber ich freue mich auch darauf.“

Im März geht es aus dem Pfarrhaus ins schöne Noppdorf, dort haben Bublitz ein Eigenheim erworben. Ideen, um die Zeit des Ruhestands mit Inhalt zu füllen, hat der angehende rüstige Pensionär viele. Einige schöne und zum Teil recht ausgefallene Hobbys warten schon darauf, dass er ihnen zukünftig mehr Zeit widmen kann und wird. Dennoch will er seiner Gemeinde verbunden bleiben, wird zur Verfügung stehen, wenn er gebraucht wird. Auch den Ökumenekreis wird er fortführen, darauf freut er sich. „Ich bin ja nicht aus der Welt“, verspricht Bublitz und lacht dabei auf seine eigene, so herzliche Art und Weise.

Wofür sind Sie dankbar?
Ich habe alles, was ich brauche – das ist nicht selbstverständlich und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin froh und dankbar, dass ich eine überaus liebenswerte Frau habe, die sehr praktisch ist und mir immer den Rücken freihält, wann immer es nötig ist. Ich habe fünf Kinder und sieben Enkel, die mir viel Freude bereiten. Ich bin dankbar, dass mir immer wieder der Glaube geschenkt wird, der mich im Leben – vor allem auch in den schweren Phasen prägt und hält.

Was würden Sie heute Ihrem jüngeren Selbst empfehlen?
In einiger Hinsicht ein bisschen fleißiger zu lernen und zu studieren. Damals habe ich eher die Waage gehalten, gerne nur das gemacht, was mir Spaß machte. Ein richtig fleißiger Student? Nein, der war ich ganz bestimmt nicht. (Bublitz muss bei diesem „Bekenntnis“ sehr lachen.)

Haben Sie Hobbys/Interessen? Wenn ja, welche?
Lesen ist meine Leidenschaft und das Klavierspielen auch. Aber ich habe auch noch zwei weitere recht spezielle Hobbys. Ich sammle historische Ansichtskarten. Manche sind über 120 Jahre alt. Und Liebigbilder! (Bei dieser Erwähnung beginnen die Augen von Günter Bublitz zu glänzen.) Ab 1870 hat die Firma Liebig angefangen, ihren Fleischextrakt-Produktpackungen Sammelbilder beizulegen. Lithografisch wunderschöne Kärtchen mit Motiven quer durch die Weltgeschichte sollten auch von pädagogischem Wert für die zeitgenössische Jugend sein. Etwa 1000 Serien à jeweils 6 Motive erschienen bis 1940 und wurden schon damals gerne gesammelt. Meine Sammlung füllt bis jetzt einige Alben und es ist wunderschön, sie mir immer wieder anzuschauen.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
In Viersen natürlich, aber ich bin auch gerne an den Stätten, wo ich als junger Mensch einmal gelebt habe. Die Mentalität der Menschen dort oder von dort ist mir noch vertraut, man spürt intuitiv manche Gemeinsamkeiten.

Welche Hoffnung haben Sie und welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
Eigentlich soll man die Hoffnung nie aufgeben …
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, stimmt auch nicht, denn die Hoffnung darf nie sterben. Mit zunehmendem Alter habe ich eine gewisse Gelassenheit zum Beispiel in Konfliktsituationen entwickelt. Probleme lösen sich manchmal auch ganz von selber. Natürlich hoffe ich, dass wir beide möglichst lange und gesund beisammenbleiben können, das kann so schnell auch anders kommen.

Welche Kindheits- oder Jugenderinnerung hat Sie besonders geprägt?
Anton Ott, mein katholischer Griechisch- und Lateinlehrer am Gymnasium, ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Es war seine besondere Art zu denken und zu lehren. Er hat an seine Schüler geglaubt und sie gefördert. Dieser „Pauker vom alten Schlag“ hat mich sehr geprägt.

Welches Buch/Bücher haben Sie am meisten beeinflusst?
Ganz zweifellos: die Kirchliche Dogmatik von Karl Barth. Das hat sehr viel Substanz für mich. Ich habe das sehr umfangreiche Werk über zehn Jahre komplett durchgearbeitet und es auch meinem Sohn Friedemann ans Herz gelegt, der ja ebenfalls Pfarrer geworden ist. Jenseits der Theologie lese ich leidenschaftlich gerne Krimis. Ich lese immer parallel.

Welche Bibelstelle ist Ihnen besonders wichtig?
Mir ist mein Konfirmationsspruch, den damals noch der jeweilige Pfarrer für die Konfirmanden aussuchte, über die Jahre immer plausibler geworden: Johannes, 6, 68-69 „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Das ist genau mein Prinzip: geglaubt und erkannt! Am Anfang steht der Glaube als Geschenk und dann kann man versuchen, ihn zu verstehen und vielleicht auch weiterzugeben. Ich muss Glauben verstehen lernen, um ihn auch anderen vermitteln zu können. Sollte der alte Pfarrer geahnt haben, wie sehr dieser Konfirmationsspruch einmal zu mir passen wird?

Welches Lied mögen Sie besonders?
Viele Lieder von Paul Gerhard. Als Pfarrer habe ich ja das große Glück, die Lieder für meine Gottesdienste selber wählen zu können. Dabei kommt Paul Gerhardt bekanntlich selten zu kurz. Luthers Lieder mag ich auch sehr.

Was bedeutet es Ihnen, evangelisch zu sein?
Protestantisch zu sein, ist für mich der Rückbezug auf den Glauben der Bibel, auf den Gott, von dem da die Rede ist, der ein wirkliches Gegenüber ist, der lebendig ist und sich den Menschen zuwendet. Das habe ich übrigens in Viersen immer versucht: bei dem zu bleiben, was die eigentliche protestantische Lehre ist. Die Gemeinde verdient es nicht zu hören, was mir zwischen Tagesschau und Spätfilm eingefallen ist, sondern was geschrieben steht und das ist immer noch sehr, sehr aktuell.

Das Interview führte Susanne Thewißen-Beckers | Foto: Susanne Thewißen Beckers