IHK-Standortanalyse Viersen: Gute Bewertung für die Infrastruktur, Breitbandausbau notwendig

Die Verkehrsinfrastruktur und der Service der Wirtschaftsförderung werden gut bewertet, die Höhe der Steuern, das Image der Stadt und die Breitbandanbindung werden kritischer beurteilt – das sind wesentliche Ergebnisse einer Standortanalyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein für die Stadt Viersen.

Viersen – Herzstück der Studie ist das Resultat einer Befragung bei gut 150 Viersener Betrieben mit rund 4000 Beschäftigten. Gemeinsam mit der Stadt hat die IHK die Analyse in der Villa Marx vorgestellt. „Im Ergebnis zeigt sich, dass die Unternehmen insgesamt mit dem Standort zufrieden sind“, fasst IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz zusammen. „Im Detail sehen sie jedoch Verbesserungspotenzial, beispielsweise werden die Standortkosten kritisch bewertet.“ Vor diesem Hintergrund warnt Steinmetz vor geplanten Erhöhungen der Gewerbe- und Grundsteuer.

Foto: Rheinischer Spiegel

Im ersten Teil der Analyse hat die IHK mithilfe amtlicher Statistiken die Entwicklungen am Wirtschaftsstandort analysiert. Demnach wächst die Beschäftigung in Viersen wieder – allerdings erst seit dem Jahr 2007. Davor hatte der Standort einen starken Einbruch hinnehmen müssen. „So liegt auch heute die Beschäftigtenzahl noch 6,4 Prozent unter dem Wert von 1999“, sagt Gregor Werkle, Leiter Wirtschaftspolitik bei der IHK Mittlerer Niederrhein. Der Kreis Viersen (+8,5 Prozent) und das Land (+15,7 Prozent) haben sich in den vergangenen 18 Jahren wesentlich dynamischer entwickelt. Selbst in den vergangenen zehn Jahren ist knapp jedes vierte sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis in der Industrie verlorengegangen. „Der Dienstleistungsbereich konnte im gleichen Zeitraum allerdings die Beschäftigtenzahl um 21 Prozent erhöhen“, erklärt Werkle.

In einem zweiten Schritt hat die IHK den Standort Viersen mit zehn Städten ähnlicher Größe – unter anderem Grevenbroich, Wesel, Minden und Lüdenscheid – aus Nordrhein-Westfalen verglichen. „Bei vielen Indikatoren landet die Kreisstadt im Mittelfeld“, erklärt Werkle. Positiv bewertet die IHK, dass die Belastung durch Kassenkredite nicht mehr besteht. Auch die hohe Industrieumsatzproduktivität ist eine Stärke des Standorts. Problematisch beurteilt die IHK allerdings die hohe Arbeitslosenquote und die geringe Steuereinnahmekraft.

Eine Umfrage bei den Viersener Betrieben rundet die Analyse ab. Die Resultate konnten mit den Ergebnissen einer Umfrage unter den Viersener Unternehmen aus dem Jahr 2010 und den Werten anderer IHK-Umfragen verglichen werden. „Die Viersener Betriebe bewerten ihren Standort insgesamt positiv“, sagt Steinmetz. Auf einer 4er-Skala erhält der Standort die Durchschnittsnote 2,22 – und liegt damit leicht unter dem Niveau des Durchschnitts der in den vergangenen Jahren analysierten Standorte.

Insbesondere die harten Standortfaktoren – dazu gehören beispielsweise die Anbindung an das überörtliche Straßennetz, die ÖPNV- und die Schienenanbindung – werden von den Betrieben gut und besser als an den anderen untersuchten Standorten bewertet. „Viersen ist gut zu erreichen, das ist eine wichtige Stärke“, erklärt Steinmetz, der sich an der Seite der Stadt für eine Verlängerung der S-Bahnlinie S28 einsetzt, um die Anbindung noch weiter zu verbessern. Einige wichtige Standortfaktoren werden allerdings auch kritisch gesehen: zum einen das Standortimage, zum anderen die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. „Wir wissen aber auch, dass die Stadt hinsichtlich der Breibandanbindung zurzeit sehr aktiv ist. Unser Umfrageergebnis zeigt, dass dies auch notwendig ist“, so Steinmetz. Die Aktivität der Wirtschaftsförderung bei der Verbesserung der Information- und Kommunikationsinfrastruktur ist den Betrieben nicht verborgen geblieben. „Ihre Arbeit wird wirklich gut bewertet“, so Steinmetz.

Dennoch ist das Ergebnis im Themenfeld „Kommunale Kosten und Leistungen“ ambivalent. „Die Höhe des Gewerbesteuerhebesatzes ist nach der Informations- und Kommunikationsinfrastruktur der zweitwichtigste Standortfaktor für die Betriebe und wird bereits heute nicht mehr zufriedenstellend bewertet“, erklärt Steinmetz. „Ich rate sehr von der geplanten Gewerbesteuererhöhung ab.“´
In der anschließenden Diskussion mit dem IHK-Hauptgeschäftsführer sowie den Unternehmern Friedrich W. Scholz (Fritz Schmitz Herrenmoden) und Bernfried Ahle (Rheinische Recycling GmbH) ging Bürgermeisterin Sabine Anemüller auf die Gewerbesteuerdebatte ein: „Wir wollen eine gewisse Lebensqualität in Viersen bewahren, damit die Stadt für Bürger, Unternehmen und Fachkräfte attraktiv bleibt – das kostet Geld.“ Der Entschluss, nach 16 Jahren erstmals die Steuern zu erhöhen, sei nicht leichtfertig gefasst worden, versicherte Anemüller. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren alle Ausgaben sorgfältig überprüft und unsere Sparmöglichkeiten ausgeschöpft.“

Der Einzelhändler Friedrich W. Scholz appellierte an die Verwaltung, die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu pflegen. „Das Gastronomieangebot und der Branchenmix müssen stimmen, um junge Menschen in die Stadt zu locken und für Viersen zu gewinnen.“ Schließlich sei der Fachkräftemangel für die Betriebe eines der gravierendsten Probleme. Darüber waren sich alle einig. „Wir brauchen nicht unbedingt nur Akademiker, sondern auch Menschen, die in der Lage und vor allem Willens sind, auch einfachere Aufgaben zu erledigen“, betonte Ahle. Mit Blick auf den Rückgang der Industriearbeitsplätze in Viersen wünschte sich Ahle von der Lokalpolitik mehr Unterstützung für das produzierende Gewerbe. „Auch bei Konflikten zwischen Unternehmen und Bürgern – zum Beispiel bei Schall-Emissionen – sollten Politiker den Mut haben, den Betrieben zur Seite zu stehen.“

Die Standortanalyse Viersen steht im Internet als Download zur Verfügung: www.mittlerer-niederrhein.ihk.de/19037