Impuls von Monsignore Prof. Dr. Peter Schallenberg – „Die Sorge um den ganzen Menschen auf dessen Weg zur Ewigkeit“

Im vergangenen Oktober fand in Rom im Vatikan die Amazonas-Synode statt mit dem Thema einer christlichen begründeten Wirtschaftsökologie, nach deutscher Tradition: einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft, wie wir sie in Deutschland seit 1949 in der Tradition der Freiburger Schule und des Ordoliberalismus unter kräftiger Mitwirkung aktiver evangelischer und katholischer Christen als Grundordnung von Sozialstaat und Wirtschaftssystem haben.

KKV-Impuls – Diese Soziale Marktwirtschaft ist seit dem Vertrag von Lissabon auch für die Europäische Union gültig, trotz zunächst großer Vorbehalte namentlich von Frankreich und Italien, deren Wirtschaftskonzepte traditionell sehr viel zentralistischer und staatsgläubiger und weniger wettbewerbsorientiert und auf private Initiative und Organisation vertrauend aufgebaut sind. Und eben diese Soziale Marktwirtschaft soll ausdrücklich Vorbild sein für eine wettbewerbsorientierte globale Wirtschaftsordnung, im edlen Wettstreit mit einem zentralistischen Sozialismus chinesischer und einem individualistischen Kapitalismus US-amerikanischer Prägung. Ein dritter Weg, früher auch „Rheinischer Kapitalismus“ genannt: Das ist der nicht ganz unbescheidene Anspruch dieser ausdrücklich christlich begründeten Wirtschaftsordnung: Nicht das vereinzelte egoistische Individuum, nicht der totalitäre Staat, sondern die Person steht im Mittelpunkt, Person mit je unterschiedlichen Interessen und Talenten, die sich erst im Wettbewerb und im Zugang zum Markt entfalten und zum Wohl aller wirksam werden.

Eigeninteresse und Solidarität verschränken sich, nicht zuletzt im System der solidarischen Sozialversicherungssysteme. So entsteht einer Ordnung institutionalisierter Nächstenliebe, die ganz säkular Solidarität der Stärkeren zugunsten der Schwächeren heißt. Und das soll sich nicht nur auf lebende, sondern auch auf noch nicht geborene Menschen beziehen, die kommenden Generationen, die ihren Anteil an der Lebensqualität und am Klima und an den natürlichen Ressourcen schon jetzt einfordern und daher eine ökologische Soziale Marktwirtschaft fordern. Dafür sind aber wir jetzt und heute Lebenden zuständig, und das wird brennglasartig gebündelt bei der Amazonas-Synode deutlich: Schutz der Wälder und des Wassers und der Rohstoffe ist Schutz der jetzt lebenden Menschen und der zukünftig Lebenden. In seiner Enzyklika „Laudato sii“ vom Mai 2015 schreibt Papst Franziskus: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.

Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.“ (Nr. 139) Wie recht der Papst mit dieser Feststellung hat, wird an kaum einem Ort der Erde so offensichtlich wie in der Amazonas-Region. Die Ausbeutung der Natur, insbesondere auch die fortschreitende Vernichtung des Regenwaldes, wird sowohl von einer kleinen Oligarchie vor Ort wie auch von internationalen Konzernen betrieben, die ihre Profite und Interessen ohne Rücksicht auf die Natur verfolgen. Die unmittelbar betroffenen Menschen hingegen werden in diese wirtschaftlichen Aktivitäten der Ausbeutung nicht einbezogen, oft verlieren sie ihren Lebensraum und ihre herkömmlichen Erwerbsquellen. Das betrifft in besonderem Maß die indigenen Volksgruppen.

Foto: qimono/Pixabay

Papst Franziskus verurteilt auch jede Form eines evangelisierenden Neokolonialismus, wie er von vielen evangelikalen Pfingstgemeinschaften in Südamerika betrieben wird. Und er betont sehr nachdrücklich, dass wir als katholische Kirche mit der Evangelisierung und Missionierung die indigenen Völker in ihrer auf Gott ausgerichteten Spiritualität zu respektieren haben, gemäß des alten katholischen Grundsatzes: Gnade setzt die Natur voraus! Natürlich braucht es dann stets eine Reinigung der vorchristlichen und heidnischen religiösen Praxis; ein Pachamama-Kult ist keineswegs einfach ein Vorhof des katholischen Christentums; gefragt werden muss immer nach den Elementen von Wahrheit im Heidentum. Claudio Kardinal Hummes, der vom Papst benannte Generalrelator der Amazonas- Synode, drückt das im Interview mit Antonio Spadaro SJ in den „Stimmen der Zeit“ (237/2019) so aus: „Die Evangelisierung der indigenen Völker soll zum Ziel haben, für die indigenen Gemeinden eine indigene Kirche zu bilden, in der sie ihren Glauben mittels ihrer Kultur und Identität, ihrer Geschichte und Spiritualität zum Ausdruck bringen.“

Das nennt sich schlicht und einfach Inkulturation und war stets ein Missionsprinzip der katholischen Kirche, manchmal freilich auch ein Anlaß zu heftigem Streit, wie ein Blick auf die Bemühungen der Jesuiten in China um 1750 hinsichtlich einer Akkommodation der Ahnenverehrung und den Abbruch des Unternehmens durch Papst Benedikt XIV. (1740-1758) zeigt. Nicht alles im Heidentum ist bruchlos in das Christentum zu integrieren … Nicht nur um den Schutz der Natur geht es, sondern, wie Papst Franziskus oft sagt, um die menschliche Ökologie, wörtlich: um die Logik unseres menschlichen Hauses, eines Welthauses mit so verschiedenen Wohnungen wie New York und São Paulo und Kalkutta und Aschaffenburg… Menschliche Ökologie fordert zunächst eine wirkliche Beteiligung aller Menschen an Bildung und Wohlstand und politischen Entscheidungen, wiederum beispielhaft verdeutlicht an der Region des Amazonas.

Und menschliche Ökologie meint einen wirksamen und nachhaltigen Schutz von Klima und Umwelt, zugunsten der Menschen in den Schwellenländern, die sich nach Entwicklung und sozialer Sicherung sehnen, zugunsten aber auch wieder der zukünftigen Generationen von Menschen weltweit. Kardinal Turkson, der Präfekt des päpstlichen Dikasteriums zur Förderung einer ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, nennt das in Anlehnung an den großen französischem Philosophen und Freund Papst Pauls VI. Jacques Maritain (1882-1973) „integralen Humanismus“: vollständige und ganzheitliche Sicht des Menschen in seinen leiblichen und seelischen Rechten und Ansprüchen als Perspektive von Wirtschaft und Ökologie. Seit Gott eben Mensch (und damit liebende und nachdenkliche Vernunft) geworden ist, und nicht Buch oder Buche oder Buntspecht, ist dies das Ziel des Christentums: die Sorge um den ganzen Menschen auf dessen Weg zur Ewigkeit, vom Amazonas bis zum Rhein!

Impulsgeber
Monsignore Prof. Dr. Peter Schallenberg, Geistlicher Beirat des KKV-Bundesverbandes


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!