Impuls: Das Stöhnen der Erde wahrnehmen

„Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen“, mit diesem Satz fasste der Physiker Max Planck seine Überzeugung von der Vereinbarkeit von Glauben und Naturwissenschaft zusammen. Nach Planck ergänzen, begrenzen und bedingen Glaube und Naturwissenschaft, Glauben und Wissen, Religion und Wissenschaft einander.

KKV-Impuls – Die Menschen konnten durch die methodisch geleitete Vernunft der Naturwissenschaften seit der Zeit der Aufklärung viele Geheimnisse der Welt aufdecken und zahlreiche technische Errungenschaften hervorbringen, die das Leben der Menschen für vorhergehende Generationen unvorstellbar verbessert haben. Nicht jeder dachte und denkt daher wie Max Planck: Der bahnbrechende Erfolg der Naturwissenschaften bei der Welterklärung und Weltaneignung drängte die Religion, drängte den christlichen Schöpfungsglauben zunächst in die Defensive. Angesichts der Klimakrise und der menschlichen Ausbeutung des Planeten durch die naturwissenschaftlich gegründete Technik gerät derzeit jedoch vielmehr die Schöpfung selbst in die Defensive.

Der Mensch als Krone der Schöpfung: So wird er im biblischen Buch Genesis in Szene gesetzt. Heute verkörpert der Mensch allerdings nicht mehr die Hauptrolle auf der Bühne der Erde. Vielmehr ist er längst zum Regisseur geworden, der auf den Brettern, die im wahrsten Sinne die Welt bedeuten, ein apokalyptisches Drama mit offenem Ende inszeniert. Das Stück heißt „Anthropozän“: das Zeitalter menschlicher Dominanz über nahezu alle natürlichen Prozesse. Der Mensch soll sich die Erde unterwerfen, heißt es in Genesis 1,28. „Macht euch die Erde untertan“ – Nie war der Mensch so sehr in der Lage, diesen biblischen Herrschaftsauftrag über Gottes Schöpfung so schonungslos umzusetzen, wie seit dem Siegeszug der modernen Wissenschaft und Technik. Doch Klimawandel und Umweltkrisen lassen heute mehr denn je die Schattenseiten des ansonsten so segensreichen wissenschaftlich-technischen Fortschritts, des „techno-ökonomischen Paradigmas“, wie Papst Franziskus es nennt, hervortreten. Was kann der christliche Schöpfungsglaube zur Problemsensibilisierung beitragen?

Besonders Papst Franziskus betont, dass wir den Schrei der verletzten „Schwester Erde“ (LS 53) hören, sie gerecht und barmherzig behandeln sollen. Sein Namenspatron, der heilige Franz von Assisi, steht für eine solche von einer Schöpfungsspiritualität genährten Haltung. Der Papst sieht in dem Minderbruder daher ein Vorbild für „eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie“ (LS 10) – ein Zentralbegriff, der auch die Amazonassynode geprägt hat.

Nach dem Vorbild des heiligen Franz von Assisi wird ein spirituelles Sich-Einfühlen in die Natur, die uns umgibt, zu einem Element christlicher Mystik. Auch die Mitgeschöpfe des Menschen werden schon seit biblischen Zeiten mit ins Gebet genommen. Es sind besonders die Psalmen des Alten Testaments, die einen Gebetsschatz bieten, in dem Naturmotive eine wichtige Rolle spielen. Psalm 104 etwa lädt geradezu zu einem gebeteten Spaziergang durch Gottes Schöpfung ein; mit Himmel und Wassern, Bergen und Tälern, Bäumen und Tieren, die allesamt dazu einladen, Gott zu loben: „Herr! Alles hast du geschaffen in Weisheit, erfüllt ist die Erde von deinen Geschöpfen“ (Ps 104,24). Den Menschen verweisen sie auf die ökologische Dimension des Heils. Dieses Heil bedeutet nach christlicher Vorstellung das „Leben in Fülle“ (Joh 10,10), das ohne Beziehung zur Natur und zu den Mitgeschöpfen an Üppigkeit einbüßen würde. Mehr noch: Mit Blick auf die biblische Vision von einem neuen Himmel und einer neuen Erde kann man bezogen auf den Menschen feststellen: Außerhalb der Schöpfung kein Heil.

Es geht bei alledem um ein Gespür für die Heiligkeit allen Lebens und zugleich dafür, dass es mit den Dingen dieser Welt nicht abgetan ist. So verstanden dient der christliche Schöpfungsglaube als eine Quelle, aus der die Grundhaltungen der Ehrfurcht, der Freude, der Dankbarkeit und der Achtung gegenüber allen Lebewesen erwachsen können. Eine solchermaßen geprägte Spiritualität sensibilisiert letztlich für das Stöhnen der Erde und bestärkt das so dringend notwendige Engagement von uns Christinnen und Christen für die Bewahrung der Schöpfung im Zeitalter des Anthropozän.

Impulsgeber
Lars Schäfers, Katholische Sozialwissenschaftliche Zentralstelle Mönchengladbach

Foto: KSZ Mönchengladbach

Mag. theol. Lars Schäfers, 1988 geboren in Wuppertal, ist wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft.

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