Impuls von Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg – „Was ist Menschenwürde?“

Fast täglich ist die Rede von Menschenrechten. Dabei sind allerdings fast immer zwei Missverständnisse festzustellen. Erstens verengt sich sehr häufig der Blick auf das einzelne Individuum und sein Recht.

KKV-Impuls – Natürlich hat der einzelne Mensch Rechte, die unabhängig vom Staat und von der Gesellschaft, unabhängig sogar von demokratischen Mehrheiten feststehen und zu schützen sind. Aber genauso entsprechen solchen Rechten auch Pflichten, und Menschenrechte verpflichten immer den einzelnen Menschen, denn niemand ist bekanntlich eine Insel, und schon gar nicht eine individuelle Insel der Seligkeit. Im Gegenteil: Jeder Mensch ist angewiesen auf den Mitmenschen, niemand von uns gebar sich aktiv in sein eigenes Leben, sondern wurde passivisch geboren und vorher empfangen und gezeugt.

Der Mensch ist daher zutiefst und vom ersten Anfang an ein soziales Lebewesen, die griechischen Philosophen des Altertums sagen in wünschenswerter Klarheit: Der Mensch ist ein „zoon politikon“: Solche Mitmenschlichkeit aber fällt nicht vom Himmel, sondern muss zum Teil recht mühsam erlernt, entfaltet und gefördert werden. Wer sein eigenes Menschenrecht beansprucht, muss immer auch zugleich auf die Rechte der anderen Menschen schauen und sie respektieren. Jeder Mensch hat von Natur aus kraft seiner Vernunft die Einsichtsfähigkeit, dass jeder menschlichen Person prinzipiell und grundlegend die gleichen Rechte zukommen, wie man sie für sich selbst als Person wünscht. Diese allererste ethische Basis ist in fast allen Hochkulturen zu finden in der Form der so genannten Goldenen Regel: „Handle so, wie auch Du behandelt werden möchtest! Und auf diesem festen Fundament fußen dann alle weiteren ethischen Normen und Festlegungen. Man denke nur an das berühmte und in die europäischen Sprachen eingegangene „Tabu“ der polynesischen Kulturen: Die menschliche Person wird für tabu erklärt, jedenfalls in ihren grundlegenden Rechten.

Foto: RitaE/Pixabay

Es sind immer bei Licht besehen Rechte auf Freiheitsräume: Raum des Lebens, der körperlichen Unversehrtheit, der Meinungsäußerung, der Bewegungsfreiheit, der Ehe und Familie, der Religion. Hinzu kommen dann so genannte Anspruchsrechte: Recht auf Arbeit, auf Gesundheit, auf Bildung, auf gleiche Behandlung vor dem Gesetz. Und genau hier, im Feld der Ansprüche einer jeden Person, tritt der Staat auf den Plan, denn ihm obliegt es gleichsam als Anwalt und Advokat zumal der schwächeren Personen solche Ansprüche nach Kräften in die Wirklichkeit umzusetzen.

Die Rede vom Tabu lenkt den Blick auf ein zweites häufiges Missverständnis: Oft ist die Rede von Menschenrechten, ohne dass genügend deutlich wird, aus welcher Quelle diese Rechte denn entspringen. Der große deutsche Philosoph Immanuel Kant unterscheidet bekanntlich zwischen Wert und Würde und sagt sinngemäß: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nicht allein Wert und Preis hat, sondern Würde!

Damit wird an dem alten Begriff der Schönheit der menschlichen Seele in der griechischen Philosophie und Ethik erinnert. Das römische Recht übersetzte diesen Begriff der inneren Schönheit eines jeden Menschen mit Würde: Gemeint ist eine letzte, nicht weiter hinterfragbare und hintergehbare Grundeigenschaft des Menschen als Person, die allen anderen Eigenschaften vorausliegt. Würde ist dabei nicht gebunden an äußere überprüfbare Qualitäten wie Leistung, Bewusstsein, Intelligenz oder Ansehen. Würde ist vielmehr die erste Voraussetzung einer Ethik vom Menschen, eines Nachdenkens über den Menschen. Wer über den Menschen nachsinnt, der tut dies auf der Grundlage der unbestrittenen Unantastbarkeit und Liebenswürdigkeit jeder menschlichen Person. Nochmals anders gesagt: Die Schönheit und Liebenswürdigkeit eines Menschen und seines Lebens wird nicht hinterfragt, schon gar nicht nach Nutzen oder Gewinn oder Wert für die Gesellschaft. Einfach, weil der Mensch gezeugt und geboren wurde, darf er bis zum letzten biologischen Augenblick seines Lebens nicht fehlen. Einfach weil er da ist, begehren ihn alle anderen Menschen. Die Rede von der Würde verbürgt jeder menschlichen Person die unbezweifelbare Gewissheit, sich niemals der grauenhaftesten Frage aller Fragen stellen zu müssen: Ist es wirklich gut, dass es dich gibt oder mich gibt?

Das und nur das darf im Staat und im mitmenschlichen Zusammenleben überhaupt nie gefragt und in Frage gestellt werden. Es ist absolut tabu, nach der Gutheit des Lebens eines Menschen zu fragen – selbst wenn es sich erwiesenermaßen um einen Schwerverbrecher handeln würde, wie das strikte Verbot der Todesstrafe in unserem Staat zeigt. Dies bildet nämlich die Grundlage unserer Kultur: zu wissen, dass es unbedingt gut ist, dass jeder Mensch da ist!

Impulsgeber
Monsignore Prof. Dr. Peter Schallenberg, Geistlicher Beirat des KKV-Bundesverbandes


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!

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