Impuls von Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann – „Ein Miteinander macht Unternehmen stärker“

Der Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann fordert die Unternehmer in Deutschland dazu auf, wieder stärker ihrer Verantwortung nachzukommen: „Wir brauchen wieder mehr Unternehmenskultur!“

KKV-Impuls – Darüber hinaus erklärt der CDU-Politiker im Interview, wie sich verantwortungslose Unternehmensführung in seiner Stadt gezeigt hat – und wie Hamm die Zukunft nach dem Ende des Bergbaus gestaltet.

Herr Hunsteger-Petermann, viele Menschen halten wirtschaftliche Interessen und christliche Überzeugungen für einen Gegensatz: Sie auch?
Überhaupt nicht, sondern ganz im Gegenteil. Meiner Erfahrung nach ist der wirtschaftliche Erfolg vor allem da zu sehen, wo man aufeinander achtet und wo es ein Klima des Miteinanders gibt. Diese Unternehmenskultur hat unsere Unternehmen Jahrzehnte lang stark gemacht. Heute hat man vielfach das Gefühl, dass das Gefühl von gegenseitiger Verantwortung immer weiter abnimmt. Das gilt insbesondere für Großkonzerne, wo vielfach Entscheidungen getroffen werden, die ausschließlich auf den Profit ausgerichtet sind. Ich sage nicht, dass das für alle Konzerne gilt, aber leider für zu viele. Vielfach spielt der einzelne Mitarbeiter bei den Konzernstrategien ebenso wenig eine Rolle wie die Konsequenzen für Städte und Regionen.

Wie sieht Wirtschaft in Ihrer Vorstellung aus?
Ich bin kein Sozialromantiker. Auch weil ich lange genug einen eigenen Betrieb geführt habe: Deshalb braucht man mir nicht zu erklären, dass am Ende eines Tages Erträge stehen müssen. Trotzdem dürfen Unternehmer bei allen wirtschaftlichen Erträgen nicht ausblenden, dass sie eben auch Verantwortung tragen. Die gesellschaftlichen Kräfte dürfen nicht noch weiter auseinanderdriften, sonst stehen wir irgendwann vor unüberwindbaren Problemen. Beispielsweise benötigen wir auch Arbeitsplätze für Menschen, die kein Studium vorzuweisen haben. Der Mensch fängt nicht beim Abitur an. Dazu ein Beispiel aus Hamm: In unserer Stadt gehört die Logistik zu den schnell wachsenden Wirtschaftsbereichen. Der wesentliche Grund dafür liegt in unserer zentralen Lage. Die Zunahme an Logistik gefällt natürlich nicht jedem. Aber auch diese Arbeitsplätze brauchen wir. Gleichzeitig ist es seit Jahren unserer, das Lohnniveau Stück für Stück weiter anzuheben. Dabei sind wir auf einem guten Weg.

Foto: Stadt Hamm

Trotzdem noch einmal die Frage: Wo verhält sich Wirtschaft anders, als Sie sich das vorstellen?
Dafür gibt es Beispiele im Kleinen wie im Großen. Vor einigen Jahren haben wir in Hamm ein Hochhaus aufgekauft, das bis unter das Dach mit jungen Männern aus Rumänien und Bulgarien belegt war. Teilweise mussten sich drei Leute ein Bett teilen. Die hygienischen Zustände waren schockierend. Teilweise lagen die Leitungen komplett offen. Kurz gesagt: Mit menschenwürdigem Wohnen hatte das alles nichts zu tun. Die Männer waren von Unternehmen in der Region mit großen Versprechen aus ihrer Heimat gelockt worden. In Wahrheit wurden sie als billige Arbeiter regelrecht ausgebeutet: Das muss man so deutlich sagen. Durch den Ankauf und Abriss des Hochhauses könnten wir zumindest das weitere Anwachsen der sozialen Probleme verhindern – noch dazu an einem Ort, der prägend für das Stadtbild ist. Aber mit allen diesen Fragen hat sich von Unternehmerseite niemand beschäftigt.

Wie sehen die Beispiele aus der großen Wirtschaft aus?
Gelegentlich kann man schon den Eindruck bekommen, dass Wahrheit und Moral zurechtgebogen werden, wenn es den wirtschaftlichen Interessen entspricht. Das gilt insbesondere für die geschäftlichen Beziehungen zu China. Gelegentlich werden da rote Teppiche ausgerollt, wo man eigentlich die Türen zuschlagen müsste. Umgekehrt ist die moralische Entrüstung umso größer, je weniger es zu gewinnen gibt.

Lange Zeit stand Hamm für Kohle und Energie: Die letzte Zeche wurde im Jahr 2010 geschlossen. Auch die Zukunft des Kohlekraftwerks in Uentrop ist wegen der Klimaziele der Bundesregierung ungewiss: Ist das für eine Stadt wie Hamm nicht ziemlich viel Herausforderung auf einmal?
Fakt ist, dass wir diese Probleme nicht alleine bewältigen können; obwohl das Jammern eigentlich nicht zur Mentalität des Ruhrgebiets gehört. Wir haben in den vergangenen Jahren enorme Kraftanstrengungen unternommen, um den Strukturwandel voranzutreiben: Das gilt nicht nur für Hamm, sondern für die gesamte Region. Es gehört zur Wahrheit dazu, dass wir auf diesem Weg große Unterstützung von Land, Bund und Europäischer Union erfahren haben. Auf der anderen Seite sind uns immer weitere Belastungen aufgebürdet worden, insbesondere im Sozialbereich. So manche Entscheidung in Berlin oder Brüssel hat die Ruhrgebietsstädte aufgrund der Sozialstruktur härter getroffen als andere.

Wie stellt sich Hamm für die Zukunft auf?
Wenn wir junge Familien für das Wohnen in Hamm begeistern wollen, dann muss das Gesamtpaket stimmen. Mit unseren Hochschulen und dem neuen Innovationszentrum haben wir gute Argumente, wenn es darum, eine gute Ausgangsbasis für das Berufsleben zu schaffen. Weiter brauchen wir gut bezahlte Arbeitsplätze. Diese sollen zukünftig noch stärker in Ausgründungen aus den Hochschulen entstehen. Wenn es um gute Kita- und Betreuungsplätze für die Kinder geht, sind wir heute schon besser aufgestellt, als viele andere Städte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Lebensqualität: Hier haben wir in den vergangenen Jahren eine Menge aufgeholt. Mit dem „Erlebensraum Lippeaue“ und dem neuen Wassersportzentrum am Kanal setzen wir aktuell zwei Großprojekte im Herzen unserer Innenstadt um. Den einen Königsweg in die Zukunft gibt es nicht: Deshalb muss es unser Ziel sein, auf mehreren Wegen gleichzeitig nach vorne zu kommen.

„Jammern gehört nicht zur Mentalität des Ruhrgebiets.“
Thomas Hunsteger-Petermann, Oberbürgermeister von Hamm

Impulsgeber
Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann

Thomas Hunsteger-Petermann (66) ist der dienstälteste Oberbürgermeister Nordrhein-Westfalens. Der CDU-Politiker und engagierte Katholik steht seit 1999 an der Spitze der Stadt Hamm, die am Rand des östlichen Ruhrgebiets liegt und mit rund 180.000 Einwohnern zu den 50 größten Städten in Deutschland gehört. Im Juni 2018 wurde Hunsteger-Petermann von den Delegierten zum Vorsitzenden des Deutschen Städtetags Nordrhein-Westfalen gewählt. Jahres an. 2008 wurde ihm durch Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!