Impuls von Pater Dr. Hans Langendörfer SJ – „Eine moderne Gesellschaft fordert passgenaue Formen der pastoralen Ansprache“

Auch die katholische Kirche steht in der Zukunft vor großen Herausforderungen. Wie stellt sie sich auf die Herausforderungen der Digitalisierung ein? Welche Angebote müssen die Gemeinden machen und wie will die Kirche künftig ihren Einfluss auf die gesellschaftlichen Entwicklungen wahren und wahrnehmen. Dazu sprachen wir mit Pater Dr. Hans Langendörfer SJ, dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz.

KKV-Impuls – Die zunehmende Digitalisierung und neue Arbeitswelten haben den Alltag und die Lebensrealität vieler Menschen nachhaltig verändert. Wie kann die Kirche auf diese Entwicklung reagieren?
Sie sollte die neuen Herausforderungen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, genau analysieren. Zum Beispiel gibt es im Bereich der Medien und der Mediennutzung Möglichkeiten des Handelns. Medienkompetenz fördern, heißt hier die Herausforderung. Ein anderes Beispiel ist die Digitalisierung in der Arbeitswelt, wo sozialethische Prinzipien Beachtung verlangen, etwa der menschengerechten Gestaltung von Arbeitsplätzen. Oder in der Medizin, wo manche digital geschaffene Screening-Methoden zweifelhaft sind. Generell ist eine aktive Beteiligung an der ethischen Debatte in der Gesellschaft für die Kirche wichtig.

Die Verkündigung der Frohen Botschaft ist eine prägende Aufgabe der katholischen Kirche. Aber in traditionellen Gottesdiensten erreicht man immer weniger Menschen. Welche neuen Wege will die katholische Kirche in der Verkündigung gehen?
Wir spüren, dass eine moderne Gesellschaft auch passgenaue Formen der pastoralen Ansprache fordert. Die Gemeinden können keine Rundumangebote machen. Junge Leute sprechen eine andere Sprache als ältere. Unsere Jugendverbände und Gemeinden vor Ort sind sehr stark im Ausprobieren von innovativen Wegen. Vermutlich wird nicht jeder Versuch erfolgreich sein. Ich bin aber überzeugt, dass wir auch künftig Gläubige und Interessierte ansprechen können. Unterstützung gibt auch das katholische Medienengagement über Internet, Radio, Fernsehen und soziale Medien.

Viele Menschen wohnen mittlerweile allein. Die sozialen Bindungen sind bei weitem nicht mehr so ausgeprägt, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Kann bzw. muss die Kirche vor Ort hier eine neue, verbindende Aufgabe übernehmen?
Die Kirche und ihre Angebote waren schon immer verbindende Elemente für Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Generationen. Von daher ist diese Aufgabe nicht neu, sie erhält jedoch eine neue Dringlichkeit. Das beginnt im Kleinen der nachbarschaftlichen und gemeindlichen Hilfe und Aufmerksamkeit. Es reicht bis hin zu den kirchlichen Wohnungsbaugesellschaften. Sie schaffen Wohnraum mit guter sozialer Ausgeglichenheit und ausbalancierter Altersstruktur. So tragen sie zu einem besseren Zusammenleben bei.

Foto: Rheinischer Spiegel

Es wird für die Gemeinden immer schwieriger, engagierte Christen zu finden, die sich ehrenamtlich auf Dauer an eine Aufgabe binden wollen bzw. können. Ämter in Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten bleiben mangels Kandidaten oftmals unbesetzt. Wie kann die katholische Kirche handeln, damit Sie wichtige Charismen als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen bzw. halten kann?
Hier stehen wir tatsächlich vor großen Herausforderungen. Nicht nur die Kirchen, sondern auch andere gesellschaftliche Akteure wie Parteien, Gewerkschaften und Verbände stellen fest, dass sich das ehrenamtliche Engagement wegbewegt hin zu einem projektorientierten Handeln. Bis z.B. in die Kirchenchöre hinein. Damit müssen wir zurechtkommen. Hoffentlich können wir Menschen, wenn wir sie als Person und als Vermittler von fachlicher und menschlicher Erfahrung würdigen und wertschätzen auch ausreichend viele Verbündete für ein längerfristiges Engagement gewinnen.

In der heutigen Gesellschaft ist der Leistungsgedanke allumfassend präsent und prägend. Muss sich der Christ bzw. die Kirche als Institution sich diesem Trend widersetzen und wenn ja – wie?
Alle Gläubigen sind aufgefordert, ihre Talente zu entfalten und sich in ihre Lebenswelt einzubringen. Wir müssen aber dabei das rechte Maß halten. Es besteht oft die Gefahr der Selbstüberforderung und Selbstüberschätzung. Leistung muss auch unterbrochen sein von Phasen der Ruhe, der Regeneration und der Einkehr. Die Kirche hat eine Verantwortung gegenüber den erschöpften und gegenüber den weniger leistungsfähigen Menschen. Von daher ist auch der Sonntag als arbeitsfreier Tag so wichtig, weil er den Leistungsgedanken sinnvoll ergänzt.

Das Streben nach „immer Mehr“ scheint grenzenlos und christliche Werte wie der Schutz der Schöpfung und Nächstenliebe scheinen tagtäglich ad absurdum geführt zu werden. Wie kann die Kirche wieder mehr Einfluss nehmen, um diese Entwicklung zu stoppen?
Ich möchte das Streben nach „Mehr“ nicht grundsätzlich verurteilen. Viel Positives ist durch die Wissbegierde und den Fortschrittswillen der Menschen entstanden. Sie haben aber Recht, dass dieses Wollen auch zu großen negativen Entwicklungen geführt hat, mit denen wir heute umgehen müssen. Die Kirche hat hier nicht wenige Einflussmöglichkeiten. Die Verlautbarungen des Papstes zu diesen Fragen werden beachtet und aufgegriffen. Und es bewegt sich doch auch etwas. Die Debatte um Klima- und Umweltschutz hat an Fahrt aufgenommen. In Deutschland beteiligt sich die Kirche an allen relevanten Debatten und ist auch selbst tätig. Mit ihren „Zehn Thesen zum Klimaschutz“ haben die Bischöfe einen umfangreichen Diskussionsbeitrag zur Klimadebatte vorgelegt. Mit konkreten Handlungsempfehlungen für die deutschen Diözesen haben die Bischöfe außerdem Ansatzpunkte im Bereich der Ökologie und der nachhaltigen Entwicklung benannt.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen: Wie wird die Kirche in einigen Jahrzehnten aussehen und welche Rolle wird sie Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft noch einnehmen?
Viele Prognosen sehen nicht gut aus. Aber wir setzen alles daran, dass es anders kommt. Die Frage nach dem Woher und Wohin des Lebens ist den Menschen nach wie vor wichtig, auch wenn ihre religiöse Orientierung nicht mehr unbedingt in eine Kirche oder Religionsgemeinschaft führt. Wir wollen Angebote machen, damit kirchliches Leben auch in institutionalisierter Form in der Gesellschaft sichtbar bleibt. Entgegen der landläufigen Wahrnehmung hat sich die Kirche fortwährend durch äußere und innere Prozesse verändert. Die Kirche in Deutschland wird in einigen Jahrzehnten sicherlich anders aussehen als heute. Bleiben wird aber die Rolle der Kirche, Gott und seine Liebe Gottes verkündigen und entsprechend zu leben.

Impulsgeber
Pater Dr. Hans Langendörfer SJ

Foto: Deutsche Bischofskonferenz, Ralph Sondermann

Der Sekretär der deutschen Bischofskonferenz kam 1951 in Bonn zur Welt. Nach dem Abitur am Beethoven-Gymnasium, trat Langendörfer 1972 in den Jesuitenorden ein und studierte Theologie, Philosophie und Politik in München und Frankfurt am Main. 1979 bekam er die Priesterweihe. Von 1981 bis 1986 war er Wissenschaftlicher Assistent im Projekt „Ethische Probleme in der Sicherheitspolitik“ an der Universität Bonn und promovierte dort im Fach Moraltheologie mit seiner Arbeit „Atomare Abschreckung und kirchliche Friedensethik“. Ab 1987 war er für zwei Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundeskanzleramt. Seit 1989 leitet Langendörfer das „Foyer der Jesuiten.“ Am 5. März 2020 wurde er als Sekretär der deutschen Bischofskonferenz wiedergewählt. 2008 wurde ihm durch Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen.


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!