Impuls von Pfarrer Dr. Martin H. Thiele – „Digitalisierung ja – Bedenken nein“

„Digitalisierung ja – Bedenken nein“ – so stand es auf einem weit verbreiteten Wahlplakat zur Europawahl. Was hier so selbstsicher bejaht wird, ist in der Tat zur alltäglichen Realität geworden: Wir leben in einer „digitalisierten“ Welt – einer Welt quasi unbegrenzter kommunikativer Möglichkeiten.

KKV-Impuls – Räumliche Entfernungen und zeitliche Abstände spielen keine Rolle mehr. Nachrichten – richtige wie falsche – werden im Bruchteil einer Sekunde um den ganzen Globus geschickt. Wir werden immer synchroner, gleichzeitiger – räumliche Distanzen schmilzen virtuell zusammen.

Das Internet: Dort kann eine nicht mehr überschaubare Menge an Informationen abgerufen werden. Ein Musik-Streaming-Anbieter wirbt mit der Möglichkeit, 50 Millionen (!) Songs hören zu können – kann man das „leisten“? Wie den Überblick behalten? Jugendliche und Erwachsene „kleben“ permanent am Handy und jagen im gnadenlosen Netz „likes“ hinterher. Der Aufenthalt in der virtuellen Welt des „Netzes“ kann süchtig machen und den Bezug zur Realität empfindlich stören. Ob es angesichts der „Digitalen Revolution“ und ihrer (eben nicht nur positiven) Folgeerscheinungen klug ist, auf das „Bedenken“ – wie auf dem Wahlplakat empfohlen – zu verzichten? Wohl eher nicht! Schon vor Jahren hat der frühere Münsteraner Weihbischof Friedrich Ostermann den bedenkenswerten Satz geprägt: „Wir sind immer mehr verkabelt und vernetzt, aber immer weniger verwurzelt!“ Das heißt doch: Wir sind horizontal verbunden – aber vertikal haltlos: Keine Beziehung mehr nach „oben“, zum „Himmel“? Kein Halt und Stand mehr nach „unten“, zum dem, was wirklich trägt? „Wir sind immer mehr verkabelt und vernetzt, aber immer weniger verwurzelt!“

Wenn dieses Bildwort stimmt – und ich halte es für bedenkenswert! -, dann mag uns das Bild des Adventsgestecks unserer Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Gimbte (Greven) nachdenklich machen: Vier Adventskerzen ruhen auf einer massiven Baumwurzel. Erinnert wird hier an das biblische Bild: Aus der Wurzel Israels wächst ein neuer Zweig hervor – Jesus Christus, Gottes- und Menschensohn. Dieser „Heiland der Welt“ ist tief verwurzelt: in Gott und in seinem Volk Israel. Im „Himmel“ und „auf Erden“ – Gott und Mensch zugleich. Und wir? Sind wir „immer weniger verwurzelt“? Vielleicht kann uns ein Wort des Apostel Paulus zum Nachdenken bringen: „Die Wurzel trägt Dich!“ (Römerbrief, Kapitel 11,17) Paulus gebraucht dieses Bildwort im Zusammenhang einer tiefen Betrachtung des Verhältnisses von Juden und Christen.

Aber es lässt sich auch auf unser Leben heute hindeuten – und kann so zu einem adventlich- weihnachtlichen Zuspruch werden: „Die Wurzel trägt Dich!“ Wir sind verwurzelt – in Gott, der uns ins Leben gerufen hat, der uns begleitet, der uns hält! Wir sind getragen – im Leben und im Tod! In der rasenden Schnelllebigkeit unseres „Digitalen Zeitalters“ das glauben zu dürfen ist ein Trost! Es gibt Halt! In Bedrängnis, Not und Ängsten! Ob das nicht eine Orientierung für diese Zeit sein könnte: „Die Wurzel trägt Dich!“ Wir sind nicht „entwurzelt“, sondern in allem auf und Ab unseres Lebens in Gott geborgen!

Impulsgeber
Pfarrer Dr. Martin H. Thiele ist Geistlicher Beirat des KKV-Diözesanverbandes Münster


Die Impuls-Beiträge des Rheinischen Spiegels werden in Kooperation mit dem KKV – Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung gestaltet. Im KKV bilden Angestellte, selbstständige Kaufleute, Handwerker, Angehörige freier Berufe und des öffentlichen Dienstes eine paritätische, christlich geprägte Gemeinschaft. Rund 5.500 Mitgliedern in gut 60 Ortsgemeinschaften brennen deutschlandweit ehrenamtlich für die katholischen Soziallehre, die Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftsethik und soziale Projekte. Weitere Informationen bietet die Seite des KKV-Bundesverbandes kkv-bund.de!