„In 30 Minuten durch die Innenstadt, anstatt drei Minuten über die Große Bruchstraße“

… oder „Nach der zweiten Beruhigung kommt das Sterben.“
Anwohner, Geschäftsinhaber und Interessierte waren zahlreich im Ev. Gemeindehaus erschienen, um mit der Stadt Viersen und den Planern über die Umgestaltung Große Bruchstraße/Gladbacher Straße bei der zweiten Bürgerinformation zu diskutieren. Der Unmut zu den Planungen einer möglichen Einbahnstraße war bereits vor Veranstaltungsbeginn groß, auch an diesem Abend lehnte die Mehrheit diese Gestaltungsvariante ab.

Viersen – Die Fördergelder winken, bis November muss der Antrag gestellt sein. „Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass Fördergelder unsere Steuergelder sind und die Stadt Viersen 20 % Eigenanteil tragen muss“, so ein Anwohner der Heierstraße mit grau-melierten Haaren. „Ich wohne mein Leben lang im Rintgen, aber so ein Schwachsinn mit Geldverschwendung ist mir noch nicht untergekommen.“ Er diskutiert fleißig über die Variante 2b, die mögliche Einbahnstraße der Großen Bruchstraße von der Gladbacher Straße bis hin zu Königsallee. „Also wenn die das bauen ist jeder Bürgerentscheid ein Witz“, hallt es aus einer der hinteren Reihen, die Stimmen sind überwiegend negativ.

Harald Droste, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung der Stadt Viersen, die Viersener Baudezernentin Beatrice Kamper und Thomas Scholle, der Leiter des Ingenieurteams hatten im Vorfeld die Planungen vorgestellt. „Der Gereonsplatz ist richtig klasse geworden, der hat richtig Lebensqualität bekommen“, ergänzt der Viersener Stadtentwickler. Ein erstauntes Umschauen geht durch den Raum.

Fast eine Stunde haben die Bürger Zeit ihre Meinung an den vier Stellwänden mitzuteilen. Fragen nach klaren Zahlen zum Verkehrsaufkommen werden nicht beantwortet, diese haben die Planer nicht mitgebracht „Eigentlich gibt es doch nur zwei Diskussionspunkte, bei den anderen beiden Abschnitten gibt es nur eine Variante“, so Anne Kolanus (CDU), die direkt in die Diskussion einsteigen möchte. Die CDU hatte sich bereits im Vorfeld gegen die Einbahnstraße ausgesprochen, hatte auf ein Chaos bei der Verkehrsführung hingewiesen. Unterstützendes Klatschen. Die Viersener Baudezernentin versucht ihr ins Wort zu fallen, am Ende bleibt es bei der ursprünglich geplanten Vorgehensweise. Schnell bilden sich die Menschentrauben. Während drei der geplanten Varianten mit nur wenigen, meist neutralen oder zustimmenden Hinweisen Beachtung geschenkt wird, wird die Diskussion zur Einbahnstraßenvariante heiß und emotional geführt. „Urbanität braucht Lebensströme“ oder „Mit sehenden und offenen Augen in den noch ruhigeren Bereich“ – steht auf den Karten. Hans-Willy Bouren (stellv. Bürgermeister/CDU) hat im Vorfeld viele Gespräche mit Anwohnern und Geschäftsleuten geführt. „Die Bürger wollen eine einfache Lösung auch für auswärtige Besucher“, ergänzt er die Vorstellung der Planungen. „Auf dem unteren Teil der Hauptstraße staut es sich jetzt schon, mit der Einbahnstraßenregelung wird jeder, inklusive der LKWs, eine Reise durch den gesamten unteren Teil der Innenstadt machen müssen. Das werden wir nicht zulassen.“

Architekt Ulf Schroeders ist dagegen für die Einbahnstraße, sieht eine Steigerung des Wohnwertes, ebenfalls aus dem Arbeitskreis Verkehr in der Südstadt erhält er Zustimmung. Die Geschäftswelt ist vielmehr gegen die Einbahnstraße, spricht klar gegen die Meinung des Arbeitskreises Verkehr, ihre Meinung wird von viele anwesenden Anwohnern unterstützt. Achim Bungardt (Radsporthaus Lankes) und Michael Behneke (Tanzschule Behneke) weisen auf die fehlenden Schleppkurven für LKWs hin, die dann über die Hauptstraße in die Heierstraße einbiegen müssten, das Abschotten der Festhalle, auf die Belebung der Schulwege, die nach langem Kampf beruhigt wurden oder auf die mehr als 600 Kinder, von ihren Eltern wöchentlich in die Tanzschule gebracht werden. Ebenfalls das Nähzentrum Maxen, welches auf dem unteren Teil der Großen Bruchstraße nicht von der Einbahnstraßenregelung betroffen wäre, spricht sich gegen die Einbahnstraße aus. Bernd Ivangs sieht ebenfalls keine Vorteile, nicht anders geht es Iris Einköters-Achten (Lichtstudio Einköters). Bernd Casaretto (Friseursalon Casaretto) bittet darum die Große Bruchstraße einfach nur „schön“ zu gestalten, sie nicht aber noch mehr zu beruhigen, schließlich habe es bereits eine Beruhigung gegeben. „Nach der zweiten Beruhigung kommt das Sterben“, flüstert es in den Reihen.

Das eingefangene Meinungsbild wollen die Stadtplaner mitnehmen, entscheiden wird am Ende die Politik in den Fachausschüssen.

Die wichtigsten Eckdaten zur Umgestaltung Gladbacher Straße/Große Bruchstraße

570 m nimmt der gesamte Abschnitt ein, zu lang für eine Gesamtplanung, weshalb die Umgestaltung in drei Abschnitte aufgeteilt worden ist. Wesentlich mehr Stellplätze wird es bei keiner Planung geben, die Erhöhung ist marginal.

Erschließungsring bis Ecke Heierstraße

  • Temporeduzierung 30 km/h
  • Ohne Radfahrweg aufgrund der Temporeduzierung
  • Neue Beschilderung
  • Barrierefreie Fußgängerüberwege
  • Die bestehende übergroße Einmündung in die Bleichstraße wird verschmälert, Platz für Außengastronomie entsteht

Hauptstraße bis Königsallee – Variante Zweirichtungsverkehr

  • Asphalt im Bereich der Kreuzung Hauptstraße/Große Bruchstraße farblich hervorgehoben
  • Durch Verengung der Kreuzung wird mehr Platz für Außengastronomie sowie Gehwege geschaffen
  • Verlegung der Ampelanlage auf die andere Seite der Einfahrt zum Gereonsplatz
  • Zusätzliche Ampelanlage am Gereonsplatz, dadurch wird die Zufahrt von der Großen Bruchstraße möglich sowie das Links- und Rechtsabbiegen vom Gereonsplatz aus
  • Kein Wegfall von Stellplätzen
  • Veränderung der Straßenführung, breitere Gehwege
  • Heierstraße bleibt von der Gladbacher Straße und Großen Bruchstraße befahrbar

Hauptstraße bis Königsallee – Variante Einbahnstraße

  • Rund 30% Verkehr würde auf die umliegenden Straßen verlagert
  • Asphalt im Bereich der Kreuzung Hauptstraße/Große Bruchstraße farblich hervorgehoben
  • Durch Verengung der Kreuzung wird mehr Platz für Außengastronomie sowie Gehwege geschaffen
  • Wegfall der Ampel
  • Keine Radfahrwege weil Tempo 30
  • Einbahnstraße von der Gladbacher Straße aus bis zur Einmündung Königsallee
  • Mindestens zehn Autos pro Stunde laut Planern mehr auf der Hauptstraße
  • Heierstraße nur noch von der Hauptstraße aus befahrbar, dadurch wird auch die Anlieferung der Heierstraße nur über die Hauptstraße möglich
  • Lediglich zwei weitere Stellplätze
  • Breitere Gehwege
  • Kein Linksabbiegen von der Rintgerstraße zur Gladbacher Straße mehr möglich

Königsallee bis Freiheitsstraße

  • Weiterhin in zwei Richtungen befahrbar
  • Leichte Veränderung der Straßenführung
  • Neue Baumbepflanzung (ik)