Ingo Börchers brachte bittere Wahrheiten des alltäglichen Lebens mit

Nachdem der Bielefelder Kabarettist Ingo Börchers als bekennender, übrigens multitaskingfähiger Hypochonder bereits auf der Bühne überzeugte, gelang ihm auch am Sonntagabend mit seinem Programm „Immer ich“ am Hohen Busch die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Viersen – „Wir sind Papst!“, „Du bist Deutschland!“, „Ich bin zwei Öltanker!“ – mit einem philosophischen Zungenschlag begeisterte der Bielefelder Kabarettist Ingo Börchers, während er von Jesus zu Gloria Gaynor und Daniela Katzenberger sprang. Kenn Sie das? Schnell ein Selfie geschossen und dann schnell ins Fitnessstudio zur Selbstoptimierung. Auf den sozialen Netzwerken werden natürliche Fotos immer seltener, auch wenn sie so aussehen – immer mehr arbeiten an der erfolgreichen Marke „Ich“. Das „Posen“ ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viel zu häufig wird dabei die andere Seite vergessen: Flucht, Verfolgung, Angst. Menschen, die ihre bisherige Identität hinter sich lassen.

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

Mit „Immer ich“ präsentierte Börchers ein Programm, dem sich auf der Kulturbühne niemand entziehen konnte. „Für einen Germanisten ist „Ich“ ein Personalpronomen, für Donald Trump eine Maßeinheit auf der Regierungsentscheidungen getroffen werden, für einen Asiaten ist „Ich“ ein unterschätztes Phänomen aus der westlichen Welt – es sei denn man heißt Kim Jong-un“, so Börchers. „Machen wir uns nichts vor, für die meisten von uns ist „Ich“ ein Projekt, das man ins Netz stellen muss.“

Zunehmender Egoismus und der Vergleich zu denen, die ihre Heimat verlassen mussten – sind das wirklich Themen für ein Kabarettprogramm? Ein klares Ja, denn Kabarett arbeitet schließlich mit dem, was gerade anliegt und die zunehmende Egozentrik der Gesellschaft verdrängt sogar viele der wirklich drängenden Geschehnisse der Welt auf die hinteren Plätze. Dass sich dabei der eine oder andere wiedererkannte, war gewollt und so wechselte Ingo Börchers gekonnt über rund 70 Minuten hinweg blitzschnell die Themen ohne den roten Faden zu verlieren. Pointiert, gerade heraus und mit einer großen Prise Sarkasmus ging es an diesem Abend eigentlich um das Publikum, welches ein wenig in einen riesigen Spiegel schaute. Bittere Wahrheit, die mit so viel Humor und satirischer Bissigkeit dargebracht wurde, dass sie mit Lachsalven für den gekonnten Beobachter auf der Bühne belohnt wurde. (dt)

Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming