Insolvenzprognose der IHK – Hohes Risiko auch bei konjunktureller Erholung

Die Zahl der Insolvenzen wird im kommenden Jahr deutlich zunehmen – auch wenn sich die allgemeine Situation der Wirtschaft wieder verbessern wird. Das zeigt eine Analyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein und der Creditreform Düsseldorf/Neuss zum wahrscheinlichen Ausfallrisiko von Unternehmen im kommenden Jahr für den Mittleren Niederrhein und seine vier Teilregionen (Mönchengladbach, Krefeld, Rhein-Kreis Neuss, Kreis Viersen).

Region – „Die Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Insolvenzen selbst bei einer Erholung der konjunkturellen Lage deutlich steigen wird“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. Insbesondere in Branchen wie dem Gastgewerbe drohen trotz der staatlichen Unterstützungsleistungen ernste Probleme. Positiv und ein Zeichen für die Wirkung der Hilfsprogramme: Im Kreis Viersen hat sich die Zahlungsverzugsdauer nur leicht erhöht.

„Die Corona-Krise ist noch lange nicht bewältigt“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz. „Durch den harten Lockdown, der seit vergangenen Mittwoch gilt, ist dies auch vielen Gewerbetreibenden wieder vor Augen geführt worden.“ Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind die Insolvenzzahlen – in Deutschland und auch in unserer Region – in 2020 so gering wie seit zehn Jahren nicht mehr. „Aber der Schein trügt“, betont André Becker, Mitglied der Geschäftsleitung der Creditreform Düsseldorf/Neuss. „Die Statistik ist in 2020 sehr eingeschränkt aussagekräftig, weil das Insolvenz(Antrags)recht schon mit dem Start des ersten Lockdowns erheblich geändert wurde, diese Änderungen dann zum 1. Oktober – allerdings nur in Teilen – wieder aufgehoben wurden und aktuell die politische Diskussion über die erneute Ausweitung der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht andauert. „Deswegen wurde durch die Creditreform Rating AG eine Projektion des Ausfallrisikos für das kommende Jahr auf Basis aktueller Bonitätszahlen erstellt. Dabei wurden drei Szenarien zugrunde gelegt: eine schnelle Erholung der Wirtschaft, eine langsame Erholung und keine Erholung im kommenden Jahr. Außerdem wurde unterstellt, dass für betroffene Branchen weiter Hilfsgelder mindestens in Form der derzeitigen Überbrückungshilfen fließen.

Sie präsentierten die Prognosen für das Ausfallrisiko (v.l.): Gregor Werkle (Leiter Wirtschaftspolitik der IHK Mittlerer Niederrhein), Jürgen Steinmetz (Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein), André Becker (Mitglied der Geschäftsleitung der Creditreform Düsseldorf/Neuss) und Chris Proios (Konjunkturforschung regional). Foto: IHK

Die Ergebnisse zeigen, dass die Prognose für das Ausfallrisiko der Unternehmen auch im Falle einer schnellen Erholung der Wirtschaft einen deutlich erhöhten Wert ausweist. „Das Jahr ist bei vielen Unternehmen an die Substanz gegangen“, so Becker. „Im Vergleich zum Jahr 2019 nimmt die Ausfallwahrscheinlichkeit im Kreis Viersen leider mindestens um 55 Prozent zu.“ Lag die Ausfallrate im Jahr 2019 noch bei 1,41 Prozent, steigt dieser Wert sogar im Falle einer schnellen Konjunkturerholung auf schätzungsweise 2,22 an. „Wir rechnen zurzeit eher mit einer langsamen Erholung“, sagt Steinmetz. Deswegen sei das mittlere Szenario aus seiner Sicht wahrscheinlicher. Dann steigt der Wert nach der Creditreform-Berechnung sogar auf 3,17 an und ist mehr als doppelt so hoch als das Ausgangsniveau. „Das ist auch erstmal nur der Wert für das Jahr 2021“, so Chris Proios, der bei der Creditreform die regionalen Konjunkturdaten untersucht. „Es ist zu befürchten, dass die Werte in den Folgejahren auf hohem Niveau bleiben, denn in diesem Jahr ist viel Substanz bei den Unternehmen verlorengegangen.“ Das Negativ-Szenario liegt sogar bei 3,9 Prozent. Daran möchten die Partner zurzeit nicht glauben, weil sie hoffen, dass sich die Industriekonjunktur weiterhin erholt und sich auf viele andere Branchen auswirken wird.

Allerdings ist die Entwicklung in den Branchen unterschiedlich. Somit ist es wahrscheinlich, dass in einigen Bereichen das positivste Szenario eintritt, bei anderen aber gegebenenfalls das Negativ-Szenario. Im Gastgewerbe, das unter der Corona-Krise besonders leidet, würde das Negativ-Szenario eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 8,3 Prozent alleine im kommenden Jahr bedeuten. Auch bei den Logistikern sowie der Kunst-, Erholungs- und Unterhaltungswirtschaft ist das Insolvenzrisiko selbst im Best-Case deutlich erhöht. „Die Werte des Handels sind in der Studie eher unterschätzt. Die Schließung aller Einzelhändler – mit Ausnahme derjenigen, die Waren für den täglichen Bedarf anbieten – mitten im Weihnachtsgeschäft war kein Element der Szenariorechnung, damit haben wir auch nicht gerechnet“, so Proios. IHK und Creditreform befürchten, dass die zurzeit versprochenen Hilfsmaßnahmen nicht ausreichen, weil sie nicht einpreisen, dass der innerstädtische Einzelhandel im Weihnachtsgeschäft ein Liquiditätspolster für die folgenden Monate aufbaut.

Dagegen könnte die Industrie mit einem blauen Auge davonkommen. „Seit dem Spätsommer geht es den Industriebetrieben wieder besser. Wenn die wirtschaftlichen Einschränkungen die Industrie nicht abwürgen, kann ich mir vorstellen, dass für das verarbeitende Gewerbe sogar das positivste Szenario gilt“, so Steinmetz.

Deswegen blicken IHK und Creditreform nicht nur sorgenvoll in die Zukunft. Becker weist zudem auf eine weitere positive Zahl hin. „Im Kreis Viersen ist die Zahlungsverzugsdauer nur leicht gestiegen. Der durchschnittliche Zahlungsverzug liegt mit 15,72 Tagen leicht über dem 2019-Wert von 14,68 Tagen“, so Becker. „Das ist ein Zeichen dafür, dass Programme wie die Soforthilfe positiv gewirkt haben“, ergänzt Proios.