Jazzfestival Viersen bot ein hochkarätig besetztes Programm am Samstagabend

Wohin am Samstagabend? Eine Entscheidung, die am vergangenen Wochenende für Jazzliebhaber in Viersen schwerfiel. Mit direkt drei musikalischen Schwergewichten präsentierte das Internationale Jazzfestival ein klangvolles Feuerwerk in der Festhalle und im Lyzeumsgarten.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Viersen – Und wo fängt man bei einem solchen Programm an zu berichten? Schließlich wippt der Fuß schon lange mit und stört langsam aber sicher das Schreiben für einen solchen Bericht. Die Handschrift nur noch schwer lesbar, das Gehirn versucht den übrigen Körper zu überreden doch endlich mitzutanzen. Eine Situation, die sich von Veranstaltung zu Veranstaltung am Samstagabend des mittlerweile 34. Internationalen Jazzfestivals zog und mit Jazz aus dem Ruhrpott begann. Den Namen Botticelli Baby haben sich die sieben Charakterköpfe gegeben, die sich im gemeinsamen Studium kennengelernt haben.

Foto: Rheinischer-Spiegel/Martin Häming

Ihr Stil: Jazz der sich einfach nicht einordnen lässt und immer wieder an die Ursprünge aus dem Zigeunerjazz oder dem Hot Jazz der frühen 1930-Jahr erinnert. Und weil dieses pochende Gefühl der Erinnerung an die Wiege des Jazz gerade da ist, passen auch die Balkanmelodien hinzu, mit denen sie bereits im Sommer auf der Vierfalt Kulturbühne mitgerissen hatten. Stile, die zunächst schienen, als ob sie nicht miteinander verbunden werden könnten. Das Ensemble Botticelli Baby zeigte wie es geht und rund um Frontman und Kontrabassist Marlon Bösherz formte sich der Auftritt mal professionell, mal rotzig – die Töne rissen mit, während die Musiker auf der Bühne der Festhalle nochmals eine Show in der Show boten.

Und eigentlich wäre ich gerne geblieben, als nach einer Stunde der Lyzeumsgarten erneut seine Tore öffnete für ein weiteres Highlight. Während noch Botticelli Baby in den Ohren klang und das Blut pulsierte, wechselte die musikalische Reise zum Lindy Hop. Tatsächlich eine weitere Zeitreise zu dem Anfang der Swing Tänze der 1920er- und 1930er-Jahre. French Blue aus Düsseldorf steht seit 2014 für die Wiedergeburt der Roaring Twenties. An der Gitarre und Mundharmonika Milan Jung aus Prag, Andreas Berger am Kontrabass, Peter Brüning am Schlagzeug und am Mikrofon die polnische Sängerin Gosia Rogala, die schon mit fünf Jahren zum ersten Mal auf der Bühne stand.

Foto: Rheinischer-Spiegel/Martin Häming

 

„Musik zu machen, zu komponieren und zu spielen ist einzigartig. Es ist meine Freiheit, es treibt mich an, es liefert mir ständig kreative Ideen und beeinflusst mein ganzes Leben“, so Rogala, deren wunderbar einnehmender Gesang von einem Tänzerpaar auf der Lindy-Hop-Szene begleitet wurde. Stimmung mit Zeitkolorit, übrigens bei freiem Eintritt, war angekündigt worden und wurde geboten. Ein absolutes Highlight für die Fans dieser musikalischen Zeitperiode, welches, sollte das Ensemble French Blue noch einmal im Eventkalender zu finden sein, unbedingt mit einem dicken, roten Kreuz für einen fulminanten Abend versehen werden sollte.

Foto: Rheinischer-Spiegel/Martin Häming

Den Abschluss machte das Moka Efti Orchestra, die Bigband aus „Babylon Berlin“, im großen Saal der Festhalle, welches an die 1920er-Jahre im Lyzeumsgarten anknüpfte. Das 14-köpfige Ensemble um die Komponisten Nikko Weidemann und Mario Kamien sowie den Saxofonisten und Arrangeur Sebastian Borkowski versetzte das begeisterte Publikum zurück ins „Moka Efti“, einen der legendären Unterhaltungspaläste des Berlins der (vermeintlich) Goldenen Zwanziger.

Foto: Rheinischer-Spiegel/Martin Häming

Gefunden beim Studium oder der gemeinsamen Jazzsession haben sich die Musiker allerdings nicht, die auf der Festhallenbühne brillierten. Als für die Serie „Babylon Berlin“ rund um den jungen Kommissar Gereon Rath der Auftrag fiel, Musiker und Musikerinnen zu casten, kam dieses Ensemble erstmals zusammen. Ihre Musik berichtet von einer Zeit, in der die Reichshauptstadt mit einem Sumpf aus Drogen, Korruption, Kunst und Extremismus zu vergleichen war. Warum sie seitdem in ausverkauften Hallen und Theatern spielen, dass müssen sie in Viersen zumindest den Gästen des Jazzfestivals nicht erklären. Während die Serie mit bildgewaltigen Szenen gepflastert ist, vermittelte auch das Orchester ein Gefühl, dem man sich nicht entziehen konnte. Ein Abend voller Zeitsprünge, der sicherlich noch einige Tage Wellen voller bestechender Emotionen nach sich ziehen wird. (nb)

Foto: Rheinischer-Spiegel/Martin Häming