Jüdisches Leben hat Mönchengladbach geprägt

Jüdisches Leben in Mönchengladbach – das hat in Stadt und Architektur zahlreiche Spuren hinterlassen und ist ein fester Bestandteil der städtischen Identität. Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 12. September, wird diese Geschichte nun in Form einer umfangreichen Broschüre und eines Kurzfilms fokussiert, die auf der städtischen Internetseite unter www.stadt.mg/Denkmal21 zur Verfügung stehen.

Oberbürgermeister Felix Heinrichs, Karl-Heinz Schumacher, Leiter Untere Denkmalbehörde, und Gabriela Cancian, Untere Denkmalbehörde – ©Text/Foto: Stadt MG

Mönchengladbach – Pandemiebedingt wird der Tag des offenen Denkmals wie auch im Vorjahr leider erneut ohne Vorträge und Führungen stattfinden, aber dennoch sind alle Bürger dazu eingeladen, eigene Spaziergänge durch die Architektur- und Stadtgeschichte zu unternehmen.

Entsprechendes Infomaterial hat der Fachbereich Bauordnung und Denkmalschutz zusammengestellt. Mit einer 100 Seiten starken Broschüre zum Thema „Jüdisches Leben in Mönchengladbach“ wird der Schuber ergänzt, der seit 2016 zum Tag des offenen Denkmals über das jeweilige Schwerpunktthema informiert und im Fachbereich Bauordnung und Denkmalschutz als Sammeledition erhältlich ist.

Grab von Gretel Spier auf dem jüdischen Friedhof in Wickrath Roßweide – © Foto Katz

„Menschen jüdischen Glaubens aus Mönchengladbach, Rheydt und Wickrath haben über Jahrhunderte ihre Spuren in Stadt, Architektur und Gesellschaft hinterlassen. Diesen Spuren exemplarisch in Schlaglichtern nachzuspüren, sollte Sinn und Ziel der geplanten Veranstaltung zum Tag des offenen Denkmals sein. Das ist leider nicht möglich, aber die Broschüre fasst diese Geschichte hervorragend zusammen“, so Oberbürgermeister Felix Heinrichs.

Dass diese Broschüre umfangreicher ausfällt als in den Jahren zuvor, zeigt die geschichtliche Bedeutung. Nachzulesen ist, wie Juden und Christen beispielsweise nach den Verfolgungen des Mittelaltes zum Ende des 19. Jahrhunderts in einer erstaunlich offenen Weise mit Wertschätzung und Respekt zusammengelebt haben.

„Man lud sich gegenseitig zu Festen ein, obwohl es auch in dieser Zeit Vorurteile gab“, so Karl-Heinz Schumacher, Leiter der Unteren Denkmalbehörde. Gleichwohl verschweigt die Broschüre auch nicht die Gräuel der Shoa. Fast 800 Menschen wurden aus Mönchengladbach deportiert, nur 43 überlebten die Konzentrationslager.

In Mönchengladbach existieren von insgesamt elf nachweisbaren jüdischen Friedhöfen heute noch sechs Anlagen. Jeder Stadtteil, der früher eine Synagogen- oder zugeordnete Spezialgemeinde besaß, blickt auf einen eigenen jüdischen Begräbnisplatz zurück. Nur auf den beiden um die Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Friedhöfen Hügelstraße in Mönchengladbach und Eifelstraße in Rheydt finden bis heute Bestattungen statt.

Auf den Friedhöfen sind viele Spuren jüdischen Lebens zu finden – und manche Spuren, die sich verloren haben. Die Broschüre macht am Beispiel von Manfred Leven und Kurt Hecht deutlich, dass trotz aller menschlichen Tragödien und Traumata ein Lächeln auf die Gesichter jüdischer Mitbürger zurückkehren konnte.

Das Grab Hermann Aschaffenburgs auf dem städtischen Friedhof. ©Stadt MG

Auf dem städtischen Friedhof ist auch die Grabstätte von Hermann Aschaffenburg (1871-1920) zu finden, der an der Sachsenstraße eine mechanische Weberei zu einer vollwertigen Tuchfabrik ausbaute. 1923 waren etwa 204 Webstühle und 500 Arbeiter im Einsatz. Aschaffenburgs Grabstätte ist bis heute erhalten und ein eingetragenes Baudenkmal. Nachdem sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Sponsor um die Pflege gekümmert hatte, war die Grabstätte seit einigen Jahren verwildert.

Nachdem die mags die verwilderte Fläche kurzfristig vorbereitet und die Grabeinfassung gesäubert hatte, trafen sich Mitte August Thomas Volbach und Susan Bahrke für die Mönchengladbacher Moderne e.V. und die städtischen Mitarbeiter Jana Seibel-Schneider, Miriam ten Busch, Gabriela Cancian und Karl-Heinz Schumacher, um das Grab nach einem Pflanzplan von Jana Seibel-Schneider neu zu bepflanzen. Nun ist angedacht, die Patenschaft für die Grabstätte zu übernehmen und damit die Erinnerung an Hermann Aschaffenburg in die Zukunft zu führen.

Für Oberbürgermeister Felix Heinrichs ist dieses Engagement ein gutes Beispiel, die Tradition zu pflegen, Verantwortung zu übernehmen und auch zukünftig ein gutes Miteinander zu pflegen. „Gerade in der heutigen Zeit sollte uns bewusst sein, dass jüdisches Leben ein wichtiger Teil unserer Stadt ist. Unserer Stadt ist eine Stadt der Vielfalt, in der alle Nationen friedlich, wertschätzend und kooperativ zusammenleben. Mit Zivilcourage sollte man den Menschen entgegentreten, die versuchen, dieses Zusammenleben gezielt zu stören.“

Neben der Broschüre hat die Stadtverwaltung auch einen berührenden Kurzfilm produziert, der auf der Website der Stadt und auf den städtischen YouTube-Kanal verfügbar ist. Fokussiert werden die historischen Grabstätten, aber auch Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.