Kirche als „geistliche Rückfallversicherung“

Die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Krefeld-Viersen tagte per Videokonferenz. Das Leitungsgremium des Kirchenkreises wollte sich zur Herbsttagung am Samstag in der Albert-Mooren-Halle in Grefrath-Oedt treffen, doch wegen der steigenden Infektionszahlen wurde kurzfristig auf Zoom umgestellt.

Krefeld/Viersen – „E.K.I.R. 2030 – wir gestalten evangelisch rheinisch zukunftsfähig“ – dieses Positionspapier der Kirchenleitung stellte Pfarrer Dr. Thorsten Latzel, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), den Synodalen am frühen Nachmittag vor. „Wir gehen damit einen forschen Schritt in die Zukunft“, erklärte Latzel. Mit dem Papier wollen wir einen Aufbruch wagen, anderen in der Kirche den Rücken stärken: „Über die Hälfte des Papieres umfasst konkrete Vorschläge, was wir anpacken wollen.“

Kirche werde auch in Zukunft für andere da sein, um Menschen Hoffnung zu geben. Zu fragen sei nicht, was brauchen die Menschen? Sondern: Was wünschen sie sich von Kirche? Da werde genannt: Verlässliche Begleitung an den Schwellen des Lebens, bei den Amtshandlungen zu Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Den so genannten Kasualien. Ebenso: Seelsorge in kritischen Zeiten und für Menschen, die in Not geraten. Und: Diakonie. Das Verhältnis der Menschen zu Kirche sei wie zum ADAC. Kirche werde als geistliche Rückfallversicherung empfunden. Kirche 2030 – „werden wir aktiv gestalten“, betonte Latzel. „Wir können auch mit weniger Menschen und Mitteln gut Kirche sein. Wir wollen einen Freiraum schaffen, um die Botschaft des Evangeliums weiterzusagen.“

Die Fülle der Vorschläge und umfassenden Veränderungen sei beeindruckend, lautete eine Reaktion aus der Synode. Doch das Jahr 2030 als Ziel sei zu weit weg. 2021 wäre angebrachter. Ob diese vielen Aktivitäten nicht doch darauf abzielen, die schwindende Relevanz der Kirche zu halten, wurde kritisch angemerkt. Es brauche eine geistliche Erneuerung. Man müsse von Christus her leben und denken. Ein großartiges Engagement nannte eine weitere Synodale das Positionspapier. Doch ein Wettbewerb der guten Ideen, den Präses Latzel initiieren wolle, das schaffe eine schwierige Konkurrenzsituation. Noch mehr Arbeit und Aufgaben für Menschen, die sich bereits jetzt über die Maßen einsetzen und engagieren. Eine Aufgabenkritik sei notwendig, meinte Latzel, die Aktionen gingen nicht noch „on top“ zu bisherigen Aufgaben, sondern es müsse geschaut werden „wie schaffen wir Zeit für diese Aufgaben“. Die Relevanz der Kirche orientiere sich am Menschen: „Wir bringen nicht Gott zu den Menschen, sondern ich entdecke Gott bei den Menschen“. „Die Leute sollen spüren, wir brennen für etwas“, bekräftigte Präses Latzel.

„Wofür brennen wir?“ das sprach auch Superintendentin Dr. Barbara Schwahn in ihrem Bericht zur Synode an. Wir machen uns auf, zu einer weiterhin öffentlich wahrnehmbaren und relevanten aber viel kleineren Kirche zu werden. Den Glauben dabei nicht zu verlieren, dabei hilft vor allem ein geistliches Innehalten. Die Übernahme von weiteren Verwaltungsaufgaben durch den Kirchenkreis beispielsweise, solle die Presbyterien entlasten, ihnen genau die Spielräume für solches Innehalten und Entdecken von Neuem, Zukunftsträchtigem eröffnen.

Superintendentin Schwahn hob in ihrem Bericht auch die große Wertschätzung hervor, die Pfarrpersonen und Gemeinden da erfahren, wo sie unmittelbar für die Menschen da sind: die Seelsorgenden in Krankenhäusern und in Schulen beispielsweise, die Notfallseelsorge im Einsatz vor Ort, und Gemeinden in Aktivitäten und Aktionen während und trotz Corona. Kirche bleibe relevant, auch wenn sie auf dem Weg zu einer Minderheitskirche sei: „Wir wagen anderes oder konzentrieren uns auf Bestimmtes. Wir wollen unter veränderten Bedingungen gut mit unseren Kräften und Ressourcen auskommen, damit unsere frohmachende Botschaft von Menschen heute gut gehört werden kann.“ Ein Schritt in diese Richtung sei auch die Bildung der Regionen im Kirchenkreis, in denen sich mehrere Gemeinden zusammenschließen, um kollegial das Miteinander zu gestalten, Ressourcen zu bündeln und Kräfte zu schonen. Schwahn sieht die künftigen Regionen als kreative Gestaltungsräume.

Wo Kirche sich beispielsweise vor Ort bei den Menschen engagiert, wurde sehr anschaulich durch zwei Videos: zur Bahnhofsmission von der Diakonie Krefeld & Viersen sowie zum Projekt „Schüler bauen für Haiti“ des Rhein-Maas-Berufskollegs in Kempen.

Der Haushalt des Kirchenkreises 2022 wurde beschlossen mit einem geringen Defizit. Bei einem Volumen von 8,2 Millionen Euro müssen 34.000 Euro den Rücklagen des Kirchenkreises entnommen werden.
Im Frühjahr beschloss die Synode, der Kirchenkreis will ökofair werden. #FairWandeln – Auf dem Weg zum Ökofairen Kirchenkreis Krefeld-Viersen – das spielt in immer mehr Bereichen eine Rolle: Beziehen von Ökostrom, Dienstrad-Leasing, Einführung des „Grünen Datenkontos“, Zertifizierung Fairer Jugendhäuser, um nur einige Beispiele zu nennen. Der „Rat für ökofaires Handeln“, der aus Delegierten aller Gemeinden und weiteren Interessierten besteht, wird sich demnächst mit den Themen Biodiversität und Dachbegrünung befassen.
„Um etwas richtig gut zu machen, braucht es vor allem ein brennendes Herz“ – zitierte Superintendentin Schwahn aus dem Lukasevangelium. Dass dieses vorhanden ist im Kirchenkreis Krefeld-Viersen, wurde auf der Synode durch viele Berichte der Menschen in den Arbeitsfeldern deutlich. (opm)