Kurioses hinter Gittern – Besuch im Willicher Gefängnismuseum

Eine Leiter aus Bettwäsche für den geplanten Ausbruch ist bei Kriminalromanen ein gern genutztes Bild um die Erzählung zu verfeinern. Was zunächst wie ein Fantasiegebilde erscheint, wird zur erlebbaren Geschichte im Knastmuseum in Willich-Anrath.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker

Willich/Niederrhein Die Ideen zu einer Flucht sind so zahlreich die wie unterschiedlichen Kriminalromane der Weltgeschichte. Eine Leiter aus Bettwäsche oder aus Paketschnüren sind dabei sicherlich die bekanntesten, aber nicht die ausgefallensten Möglichkeiten einen Weg zurück in die Freiheit zu finden. Im Historischen Gefängnismuseum Niederrhein wird den Besuchern durch über 4.000 Exponate nähergebracht, was in vergangenen Zeiten hinter Gittern vor sich ging.

So schluckten die Gefangenen Nägel um über das Krankenhaus ausbrechen zu können oder aus einem Strohhalm wurde mit etwas Geschick eine Stichwaffe. Sicherlich gehört ebenso ein Herzschlagdetektor, mit dem festgestellt wurde, ob sich ein Gefangener in einem Karton versteckt hatte, nicht zu den üblichen Ausstellungsstücken in den Museen.

Im Historischen Gefängnismuseum Niederrhein wird den Besuchern durch über 4.000 Exponate nähergebracht, was in vergangenen Zeiten hinter Gittern vor sich ging. Foto: Rheinischer Spiegel

Entstanden ist das Gefängnismuseum in Willich-Anrath 2003 durch die Sammelleidenschaft der „Potthusaren“, ein Begriff der auf den umgangssprachlichen Namen „Pott“ für das Anrather Gefängnis zurückzuführen ist. Bei den Potthusaren handelt es sich um sechzehn Wärter, die 1982 aus einer Bierlaune heraus an dem jährlichen Anrather Schützenfest teilnehmen wollten. Auf der Suche nach einer passenden Uniform griffen sie zu den Stücken der ersten Bediensteten der JVA Willich. Diese Uniformen selbst waren bereits mit einer kleinen Geschichte behaftet und da die Wärter sich für die Historie der JVA interessierten, wuchs aus der Idee eine Leidenschaft.

Tausende von alltäglichen und kreativen Exponaten wurden gesammelt, wobei es natürlich nicht immer nur um die Ausbruchsversuche ging, auch kreative Arbeiten der Gefangenen gehören zu der umfangreichen Sammlung – darunter geschnitzte Krippenfiguren oder Ferngläser, mit denen der Kontakt zu dem benachbarten Frauengefängnis hergestellt wurde. Die Gruppe begann ihren Arbeitsbereich der Öffentlichkeit zu zeigen, bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung präsentierten sie eine erste Ausstellung, die von Jahr zu Jahr umfangreicher wurde. 2003, zum 100-jährigen Bestehen der Anstalt, wurde im dem ehemaligen Direktorenhaus das heutige Museum eröffnet.

Hier haben die Besucher die Möglichkeit einen Einblick in Gefangenenzeitschriften oder gebundene Steckbriefe zu erhalten, gezeigt wird zudem ein Raum mit Uniformen, Waffen, Drogenutensilien und Schmuggelverstecken. Zu den Ausstellungsstücken, die den Alltag hinter den Mauern zeigen, gehören ebenfalls zwei Gefängniszellen aus unterschiedlichen Zeitepochen. Rund 1.000 Besucher nutzen jährlich die Möglichkeit zu erfahren, was damals und auch heute noch bei Zellenkontrollen gefunden wird. Die königlichen Potthusaren zu Anrath e.V. bieten nach Absprache ganzjährig terminierte ca. 2-stündige Gruppenführungen an. Auf Anfrage werden zudem Requisiten für Fernsehsendungen und Ausstellung im In- und Ausland zur Verfügung gestellt.

„Historisches Gefängnismuseum Niederrhein“
Gartenstraße 3, 47877 Willich | Tel. 02156 4998-517
https://www.jva-willich1.nrw.de/behoerde/museum/index.php