LVR-Klinik Viersen: Erfolgsmodell „Leben in Gastfamilien“ feiert 30. Geburtstag

Wenn Gastmutter Beate Stumpe sich umsieht, ist Anna* immer schon hinter ihr. Daran hat sie sich in den zwölf Jahren des Zusammenlebens gewöhnt. Anna ist anhänglich. Das hat mit ihrer Geschichte zu tun. Von ihren 67 Jahren verbrachte sie Jahrzehnte in psychiatrischen Krankenhäusern.

Das Team „Leben in Gastfamilien“ der LVR-Viersen sucht neue Familien. Foto: Heike Fischer / LVR

Viersen – Die Diagnose „chronisch psychisch erkrankt“ machte ein normales Leben unmöglich. Eine Veränderung brachte vor 27 Jahren das neue Konzept des „Lebens in Gastfamilien (LiGa)“, das an der LVR-Klinik Viersen für genau solche Fälle wie Anna als Pilotprojekt der psychiatrischen Familienpflege drei Jahre zuvor entwickelt wurde. Dieses Jahr feiert LiGa in Viersen seinen 30. Geburtstag und kann auf eine erfolgreiche Vermittlungsarbeit zurückblicken. Der Blick nach vorne ist gewünscht: Das Team des LiGa sucht neue interessierte Familien, Lebensgemeinschaften und Einzelpersonen im Kreis Viersen, die sie sich sozial engagieren wollen.

Das Leben in Gastfamilien ist ein ambulantes Wohnangebot für Menschen, die aufgrund von Krankheitsfolgen weder alleine noch in einer therapeutischen Einrichtung leben wollen. Dennoch benötigen sie Hilfe im täglichen Leben. Zur Gastfamilie Stumpe gehört neben Anna auch ein jüngerer, psychisch erkrankter Mann namens Ralf*, der trotz chronischer Erkrankung recht selbständig seinen Weg geht und berufstätig ist. LiGa bietet so unterschiedlichen Menschen wie Anna und Ralf ein „dauerhaftes Beziehungsangebot“ und die Chance, in einem normalen bürgerlichen Umfeld zu wohnen und zu leben.

In einem Bewerbungsverfahren sucht das LiGa-Team unter der Leitung von Renate Neuenfeldt-Spickermann nach festgelegten Kriterien eine Gastfamilie für Menschen wie Anna oder Ralf. 15 Jahre lebte die heute 67-jährige bei ihrer ersten Gastfamilie bis sie 2006 zum Ehepaar Stumpe wechselte. Dass sie sich mit ihren „Wahlverwandten“ gut versteht und sich wohlfühlt, wird schnell deutlich. Blicke und Gesten zeigen eine harmonische Vertrautheit.

„Gastfamilien erfahren über ihr Leben mit psychisch erkrankten Menschen viel Wertschätzung. Es ist ein richtiges Familienleben, bei dem es viele Gewinner gibt. Es hat nichts mit Wohltätertum zu tun“, macht die Leiterin des LiGa-Teams Renate Neuenfeldt-Spickermann deutlich. Die Gastfamilien, Lebensgemeinschaften oder Einzelpersonen erhalten pro Monat 560 Euro Betreuungsgeld plus Miete und Kostgeld. Auch weil die finanzielle Seite so klar geregelt ist, sind die vermittelten Familienmitglieder und die aufnehmende Familie immer auf Augenhöhe.

Nach drei Jahrzehnten Vermittlungsarbeit und Bezugsbetreuung haben die Mitarbeitenden (heute sechs Kräfte) des LiGa-Teams an der LVR-Klinik Viersen viel Erfahrung bei der Einschätzung, wie neues Mitglied und Gastfamilie zusammenpassen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Insgesamt leben 42 Menschen in einer Gastfamilie, über 20 leben seit über zehn Jahren in ihrer Gastfamilie, 15 Menschen sogar über 20 Jahre. Es gibt viele ideale Lösungen „Wir sind an der Seite der Gastfamilie, stehen für Fragen zur Verfügung. Ganz unbürokratisch. Wenn die Familie unsere Unterstützung braucht, sind wir da. Telefonisch oder persönlich“, beschreibt Neuenfeldt-Spickermann die fachliche Begleitung. Alle 14 Tage kommt ein LiGa-Mitarbeitender in die Familie. Beim Hausbesuch werden der ganz normale Alltag besprochen und offene Fragen geklärt: Klappt das Aufstehen? Reichen die Medikamente? Wie kann ich als Gastfamilie Grenzen setzen?

So vielfältig wie die Gesellschaft, sind mittlerweile auch die Formen des Zusammenlebens in den Gastfamilien. Wer Interesse hat kann sich gerne beim LiGa-Team der LVR-Klinik Viersen melden. Telefon 02162 96-31

* Name geändert