Man kann bei Corona nicht einfach einen Schalter umlegen und dann wird alles gut

Im Kreis Viersen helfen 25 Kameraden der Bundeswehr im Gesundheitsamt. Deutschlandweit sind ca. 7.000 Bundeswehrangehörige im Einsatz – und steigend. Während dessen sind Pflegekräfte knapp und arbeiten überall deutlich über der Belastungsgrenze. Man kratzt zusammen, was eben geht. #corona
Kommentar von RS-Redakteur Georg Grohs

Kommentar – Wir haben in Deutschland zurzeit noch genügend Betten auf Intensivstationen frei. Aber nicht mehr genügend Pflegepersonal, wenn sich die Infektionen jetzt schnell ausbreiten. Von den über 30.000 Intensivbetten kann man nur rund zwei Drittel betreuen. Was das heißt, haben Frankreich und die Niederlande schon im Frühjahr erfahren. Die dortigen Krankenhäuser waren überlastet, französische Patienten wurden bis nach Essen geflogen. Frankreich benutzte Hochgeschwindigkeitszüge, um Patienten vom Elsass in andere Landesteile zu verlegen.

Auch Niederländer kamen in deutsche Krankenhäuser. In Spanien und Italien war es noch kritischer. Dort konnten Menschen teilweise nur noch auf den Gängen im Krankenhaus oder gar nicht mehr richtig behandelt werden. Gerade kommt es in Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Polen zu lokalen Überlastungen der Krankenhäuser und auch in Deutschland sind lokal Probleme vorhanden. Die Bundeswehr hilft mittlerweile im Elisabeth Krankenhaus in Mönchengladbach. Schwer betroffen ist aktuell zudem die Schweiz. Dort sind keine ITS Intensivbetten mehr frei und die Ärzte müssen entscheiden, wer überhaupt noch behandelt wird. Das gilt übrigens jetzt faktisch auch für normale Erkrankungen und Unfälle – nicht nur Corona. Die Pflege ist sowieso überlastet, von Krankenhaus bis Altenheim.

Corona
Corona Viren sind seit langem bekannt. Die meisten sind relativ harmlos. Der jetzige Erreger SARS CoV 2 ist jedoch gefährlich. Meist läuft es mit relativ harmlosen Erkältungssymptomen ABER das Virus kann und macht relativ oft weiteren Ärger: Lungenentzündungen, Nervenschädigungen, Nierenschäden, Kollaps (durch Superinfektion) oder Amok (Zytokinsturm) der Immunabwehr und weitere Schäden. Bei Risikogruppen und alten Menschen sind leicht tödliche Verläufe oder eine heftige Gesundheitsschädigung möglich. Auch jüngere, gesunde Menschen können heftige Schäden davontragen. Mehrmonatige Krankheitsverläufe reichen bis zur Berufsunfähigkeit oder dauerhaften Lungenschäden. Die Langzeitwirkungen sind noch unbekannt.

Unbarmherzige Mathematik
Eine grassierende Pandemie ist keine einfache Addition von Kranken. Vielmehr eine exponentielle Funktion. Das heißt – an einem Beispiel erklärt: Wenn jeder Infizierte zwei weitere Menschen ansteckt ist das nicht 1 + 2 + 2 + 2 + 2 + 2 + 2 …, sondern 1 + 2 + 2×2 + 2x2x2 + 2x2x2x2 + 2x2x2x2x2 + 2x2x2x2x2x2 … anders ausgedrückt 1 + 2 + 4 + 8 + 16 + 32 + 64 … Hier haben viele Verschwörungstheoretiker einen Denkfehler. Es ist relativ egal, ob nun 0, 1, 5 oder 20 Prozent Fehlerquote beim PCR Test vorliegen oder ob jeder infizierte „nur“ 1,5 Menschen ansteckt. Ohne eine Unterbrechung der Infektionsketten kommen wir in jedem Fall in eine Überlastung des Gesundheitssystems. Bei ca. 20.000 Intensivbetten ist Schluss, dann reicht das Personal nicht mehr. Daher ist es unheimlich wichtig, die Reproduktionsrate (Anzahl der Neuinfektionen pro Krankem) irgendwie unter 1 zu drücken und die Anzahl gleichzeitig Infizierter dauerhaft noch irgendwie behandelbar zu halten.

Auch, weil die jetzt neu Infizierten eben kein aktuelles Bild liefern, sondern eine Momentaufnahme von vor ca. fünf Tagen bis zwei Wochen rückwirkend. So lange dauert es von der Ansteckung bis zum Ausbruch. An den Zahlen von vor zwei Wochen kann man nichts mehr ändern. Die sind infiziert und bleiben es. Wer zwischenzeitlich zusätzlich angesteckt wurde, ist ebenfalls nicht mehr änderbar. Auch, wenn jemand gerade jetzt infiziert wird und in 10 Tagen auf die Intensivstation muss, steht das schon heute fest. Entsprechend gefährlich ist die Situation. Was heute schiefläuft knallt unerbittlich in zwei Wochen im Krankenhaus und in drei Wochen auf Intensivstationen. Ein (teilweiser) Lockdown wirkt also frühestens binnen zwei bis vier Wochen. Schneller geht es nicht.

Und hier wird es kritisch. Wir haben aktuell rund 3.500 Menschen mit Corona auf den Intensivstationen. Deren Krankheiten entstanden aber als die Neuinfektionen bei ungefähr der Hälfte lagen. Da kommt also noch das, was zwischendurch passiert ist. Ohne Bremse der Neuinfektionen landet man schnell in nicht mehr behandelbaren Zahlen. Das ist Italien und Spanien im Frühjahr passiert oder jetzt der Schweiz. Resultat: Die Todesrate schnellt nochmals nach oben und auch eine Behandlung „normaler“ Kranker oder von Unfällen funktioniert nicht mehr. Irgendwann kollabiert die Pflege, wenn man sie permanent überlastet und obendrein Infektionen erfolgen.

Meinungen und Unfug
Zurzeit kursieren diverse Fehlinformationen, Gerüchte und Verschwörungstheorien. Bei den Statistiken wird oft zusammengerechnet – was gar nicht zusammen gehört. Ein paar Fakten. Ja, wir testen mehr als im Frühjahr, wodurch prozentual mehr Infektionen auffallen. Ja, die PCR Tests sind nicht 100% genau. Aber 99% – trotz gegenteiliger Behauptung diverser Verschwörungstheoretiker. Gesamt gesehen gibt es weitere unumstößliche Fakten. Die Gesundheitsämter kommen teilweise nicht mehr hinterher und haben enorme Probleme, Infektionsherde einzugrenzen. Daher auch die Bundeswehr Amtshilfe in den Kommunen. Die Krankheitsverläufe können besser behandelt werden als im Frühjahr. Trotzdem haben gefährdete Menschen ein ziemliches Risiko, wenn sie sich infizieren. Wer hier nur auf sich selbst achtet, zeigt einen ziemlich heftigen Egoismus. Ohne es selbst zu wollen, sind Infektionen bei Schwächeren (und fitten Menschen, die Pech haben) möglich, die dann richtige Probleme bekommen. Oder man nimmt es aus eigenem Bespaßungstrieb locker in Kauf.

Ja, Schweden geht einen anderen Weg. Nur ist Schweden nicht vergleichbar mit Deutschland. Dort gibt es lediglich drei größere Bevölkerungszentren, insgesamt auf einer riesigen Fläche weniger Einwohner als in Nordrhein Westfalen und aufgrund der Randlage in Europa viel weniger Reisebewegungen. Für diese an sich positiven Ausgangsfaktoren, ist das Ergebnis in Schweden bisher richtig übel mit einer drei- bis vierfachen Todesrate bei vergleichbarem Gesundheitssystem. Mittlerweile gibt Schweden zu falsch gehandelt zu haben. Die sehr gute Bilanz einiger asiatischer Länder ist mit Deutschland nicht vergleichbar. Taiwan, Japan oder Südkorea haben deutlich weniger Spaßwütige, „Covidioten“, Massenhochzeitler und insgesamt eine sehr hohe Disziplin.

Gibt es historische Beispiele für Proteste, Verschwörungstheorien, Hetzer, Ignoranten und „Covidioten“? Aber sicher. Die spanische Grippe am Ende des ersten Weltkriegs tobte in mehreren Wellen um den Globus. Vom Gottesgericht bis zum Giftgaseinsatz reichten die zeitgenössischen Wahnvorstellungen. Und genau wie jetzt gab es Proteste, Maskenverweigerer, Verharmloser und selbsternannte Führer. Genau wie jetzt bestanden Leugner und Verschwörungstheoretiker allgemein auf Treffen und Feiern, während sich drumherum die Pandemie aufbaute und tobte. Genau wie jetzt wurde vor Diktaturen gewarnt und erwiesen nicht funktionierende Selbstverantwortung gefordert. Die zweite Welle war heftiger als die erste. Damals gab es übrigens noch keinen Bill Gates und auch nicht viele der Pharmafirmen. Trotzdem war der Mechanismus des Irrwitzes und von Verschwörungen der Gleiche. Heute gibt es mehr Aufregung, Drama, Facebook, Twitter und Medienhypes. Viele Kritiker der Schutzmaßnahmen haben derweil offenbar die „Youtube und der hat aber gesagt Universität“ besucht. Es wimmelt geradezu von halbinformierten „Experten“, die sich online und am Kneipentisch austoben.

An dieser Stelle sei auch die politische Dimension des Irrsinns erwähnt. Auf den Querdenker-Demonstrationen laufen esoterisch, multikulti angehauchte Träger der Regenbogenflagge fröhlich neben Rechtsradikalen mit Reichsflaggen. Rechtsradikale versammelten sich in Berlin vor der russischen Botschaft und forderten Hilfe vom nun wirklich deutschland- und europafeindlichem Russland. Derweil demonstrieren Linksradikale gegen die Rechtsradikalen, sind aber auch irgendwie gegen Deutschland und die böse Staatsmacht. Kannste Dir nicht ausdenken.

Charakter oder nicht
Und jetzt bitte mal überschlägig. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass vegane Köche, „im ersten Leben gelernte Speditionskaufleute“ oder Schlagersänger auch nur ansatzweise Ahnung von Virologie haben? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Lügner und Verschwörungstheoretiker (zu dumm für Mathematik aber dafür schwach in Medizin) auch nur irgendetwas Sinnvolles sagen? Wenn partygeile Hipster das Saufen in Gruppen nicht lassen können, Heiratswillige die große Familienzusammenkunft zum Junggesellenabschied abziehen oder andere Gruppen sich munter treffen, kann es sehr schnell übel werde. Sie gefährden indirekt Menschen im Altenheim. Die kann man nicht vollständig von der Welt isolieren, Pfleger gehen ein und aus. Sie gefährden die Krankenhäuser mit drohender Überlastung – und damit jeden, der einen schweren Krankheitsverlauf bekommt oder „normal“ erkrankt. Und Menschen mit generell Immunproblemen. Und junge Menschen, die einfach nur Pech haben.

Je mehr und schneller Infektionen auftreten, desto größer wird auch der wirtschaftliche Schaden. Alleine schon Vertrauensverlust und Panik drücken das Einkaufsverhalten, Freizeitverhalten und Investitionen massiv. Eine große Durchseuchung mit Hunderttausenden Fällen schreckt viele Menschen vom Restaurantbesuch, Einkaufen oder Fitnessstudio ab. Auch hierfür war die spanische Grippe ein Beispiel, das nur zu gerne ignoriert wird. Die Menschen blieben zuhause oder flüchteten aufs Land. Ziemlich erbärmlich, wenn derweil plattes Vergnügen und ach so geselliges Beisammensein bevorzugt wird, oder? Währenddessen sind Pfleger und Ärzte teilweise jetzt schon über der Belastungsgrenze, was viel zu wenig gewürdigt wird.

Das Problem Corona ist da. Das haben weder die Bundesregierung, noch Regierungen von Bundesländern, noch Europa verbockt. Das Problem ist und bleibt das Virus. Es entstand in China, wo erst einmal kräftig verharmlost und gelogen wurde. Während China die heftigen Todeszahlen in Wuhan kannte, tat man nach außen entspannt und kaufte gleichzeitig die gesamte Produktion an Schutzmasken für drei Monate auf. Mit Verharmlosung und internationalen Reisen war das Virus blitzschnell um die Welt verbreitet. Man kann jetzt nur herumexperimentieren und vorsichtig sein. Eine perfekte Lösung gibt es nicht. Ja, es trifft Branchen, Unternehmen und Einzelpersonen wirtschaftlich bis zur Existenzgefährdung. Nur sähe ein vollständiger Ausbruch noch schlimmer aus – auch wirtschaftlich.

Konsequenzen
Bitte erst einmal alle unnötigen Treffen unterlassen und Masken tragen. Das Virus ist schon kreuz und quer durch Deutschland verteilt und kann überall auftauchen. Mit etwas Glück wird es um Weihnachten besser – wenn die Schutzmaßnahmen greifen und nicht wieder Leugner verharmlosen oder querschießen. Man kann bei Corona nicht einfach einen Schalter umlegen und dann wird alles gut. Eher sind Intervalle mit unterschiedlich starken Lockdowns von rund drei bis vier Wochen nötig, wenn die Infektionszahlen zu hoch liegen. Das wird so lange anhalten, bis tatsächlich genügend Menschen geimpft sind und das Virus nicht mehr weiter kommt. (gg)