NABU-Negativpreis: Dinosaurier des Jahres 2022 geht an die Oder

Mit dem Negativpreis „Dinosaurier des Jahres“ zeichnet der NABU in diesem Jahr bereits zum 30. Mal die Umweltsauerei des Jahres aus. Preisträger des Jahres 2022 ist der zwischen Deutschland und Polen verlaufende Grenzfluss Oder.

Natur & Umwelt – Viele Fließgewässer in Deutschland befinden sich in einem schlechten ökologischen Zustand – so auch die Oder. Dort haben diesen Sommer die Einleitung von stark salzhaltigen Abwässern sowie die geringe Eigenwassermenge aufgrund der langen Trockenperiode zu einer hohen Schadstoffkonzentration und Versalzung des Flusswassers auf einer Länge von rund 500 km geführt. Das daraus entstehende übermäßige Wachstum giftiger Brackwasseralgen sorgte schließlich für massive ökologische Schäden am Flussökosystem sowie ein weiträumiges Sterben zahlreicher im Wasser lebender Artengruppen, wie beispielsweise Fische und Muscheln. Schätzungen zu Folge sind etwa die Hälfte der Fische in den kontaminierten Oder-Abschnitten betroffenen. Der ohnehin nicht gute ökologische Zustand der Oder hat die Schäden zusätzlich negativ beeinflusst. Es wird mehrere Jahre dauern, bis sich die Bestände im Fluss wieder auf das Vorniveau erholt haben.

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger: „Wer in diesem Jahr nach der größten Umweltsauerei sucht, hat sofort die Umweltkatastrophe an der Oder vor Augen. Besonders ins Gedächtnis gebrannt haben sich die Bilder der geschätzten 200 bis 400 Tonnen an totem Fisch, die entlang des Flusses geborgen wurden. Wir zeichnen deshalb in diesem Jahr die Oder mit dem ‚Dinosaurier des Jahres‘ aus. Sie steht stellvertretend für die kritische Situation an vielen anderen Flüssen in Deutschland und verdeutlicht das lange prognostizierte Verfehlen der Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Durch Begradigung, Uferbefestigung und Fahrrinnenvertiefungen steigen Fließgeschwindigkeiten, gehen wichtige Lebensräume verloren und Flüsse verlieren an Widerstandsfähigkeit. Der NABU fordert, dass alle schädlichen Umwelteinflüsse an deutschen Flüssen sofort gestoppt werden und ein Moratorium sowohl für den Ausbau als auch für instandsetzende Unterhaltungsmaßnahmen an der Oder. Es muss zunächst geklärt werden, ob diese mit den ökologischen und chemischen Entwicklungszielen laut Wasserrahmenrichtlinie sowie den aktuellen Bewirtschaftungszielen vereinbar sind.“

Vor dem Hintergrund der sich rapide beschleunigenden Klima- und Biodiversitätskrise müssen Oberflächengewässer nunmehr in Rekordzeit an die Folgen angepasst, widerstandsfähiger gemacht und Maßnahmen ergriffen werden, um neuen Anforderungen zu begegnen. So haben wir es beispielsweise statt mit gleichmäßig über das ganze Jahr verteilten Niederschlägen, zunehmend mit Starkregen und langen Trockenperioden zu tun – also sehr viel oder sehr wenig Wasser in den Flüssen. Nach Starkregen führen Versiegelung, Drainagen und Ableitungen in Böden insbesondere zu starken Wasseransammlungen und Überschwemmungen bei Gewässern, die nicht mehr in ihrer natürlichen Form vorliegen oder bei denen stark in den natürlichen Gewässerverlauf eingegriffen wurde. In Trockenzeiten fehlt das Wasser wiederum, weil es aus oben genannten Gründen kaum mehr auf Flächen und in Böden gespeichert werden kann und bedroht so Natur- und Kulturlandschaften. Die Neubildung von Grundwasser wird dadurch negativ beeinflusst.

Weitere Ausbaupläne, wie beispielsweise an der Oder, führen zu zusätzlichen Belastungen und sind nicht zeitgemäß. So wurde nun auch vorläufig die Genehmigung des Oder-Ausbaus auf polnischer Seite aufgehoben. Die deutschen Umweltorganisationen NABU, DNR und BUND Brandenburg hatten geklagt, um die grenzüberschreitenden Auswirkungen von Baumaßnahmen auf geschützte Arten und Lebensräume zu verhindern. Es gilt einen möglichst naturnahen Zustand von Flüssen durch eine natürliche Ufergestaltung, Wiederanbindung von verzweigten Altarmen und Überschwemmungsflächen wiederherzustellen. Dadurch entstehen wertvolle Auen in denen eine Versickerung in das Grundwasser stattfinden kann. Es werden wertvolle Lebensräume geschaffen und es wird zugleich wirksamer Hochwasserschutz praktiziert. Die europäische Wasserrahmenrichtlinie sieht vor, dass sich alle Oberflächengewässer bis spätestens 2027 in einem guten ökologischen sowie guten chemischen Zustand befinden. Bund und Länder sind deshalb aufgefordert ganzheitliche Lösungen für unsere Wasserkreisläufe zu entwickeln, Flüsse zu renaturieren und dies mit einer umfassenden Finanzierung zu versehen.

Mit der Vergabe des „Dinosaurier des Jahres“ vor dem Bundesrat in Berlin startet der NABU eine Online-Aktion, die die Umweltminister*innen der Bundesländer auffordert, die Flüsse besser zu schützen. Sie finden diese unter: www.NABU.de/Oder

Mit dem „Dinosaurier des Jahres“, einer 2,6 Kilogramm schweren Nachbildung einer Riesenechse, zeichnet der NABU seit 1993 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus, die sich durch besonders rückschrittliches öffentliches Engagement in Sachen Natur- und Umweltschutz hervorgetan haben. Seit 2020 werden nicht mehr Personen, sondern konkrete Projekte als Umweltsauerei des Jahres ausgezeichnet. Preisträger 2020 war das Autobahnprojekt A26 Ost, im Jahr 2021 wurde das Baugebiet Conrebbersweg in Emden stellvertretend für den Flächenfraß in ganz Deutschland ausgezeichnet. (opm)

Foto: NABU/Volker Gehrmann