„Nach 76 Jahren war es an der Zeit“ – Das Humanistische Gymnasium Viersen im 2. Weltkrieg

Mitte November ist im Mönchengladbacher B. Kühlen Verlag ein Blick auf die NS-Vergangenheit und die Entnazifizierung des damaligen Lehrerkollegiums in der niederrheinischen Stadt Viersen veröffentlicht worden.

Viersen – Autor Thomas Menzel beschreibt den schulischen Alltag und die Indoktrination im Nationalsozialismus in seinem Werk „Ende des Beschweigens. Humanistisches Gymnasium Viersen in der Zeit des Nationalsozialismus und nach Kriegsende (1933-1950)“.
Er geht der Frage nach, inwieweit die Lehrer des Humanistischen Gymnasiums Viersen dies mitgetragen haben, insbesondere die drei Schulleiter Kapelle, Schöne und Hoengen. Gab es Widerstand, Anpassung oder aktives Mitmachen? Was ist aus den jüdischen Schülern geworden? Thomas Menzel (Jahrgang 1951) war selbst Schüler des Humanistischen Gymnasiums Viersen. Er hat Geschichte, Sozialwissenschaften und Deutsch an der Universität zu Köln studiert und war bis 2018 Lehrer an der Janusz-Korczak-Gesamtschule in Neuss.

Aus dem Protokoll der Lehrerkonferenz vom 11.9.1939
„1. Der Vorsitzende begrüßt das Kollegium … Er weist auf die besonderen Aufgaben hin, die der Lehrerschaft durch den Kriegszustand erwachsen sind. Um die Verbundenheit mit Führer und Volk in dieser Zeit zum Ausdruck zu bringen, wird in Erneuerung des Treuegelöbnisses ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer ausgebracht.“

Dieses Buch gibt detailliert Aufschluss darüber, in welchen NS-Organisationen die Studienräte des Humanistischen Gymnasiums waren. Die nach Kriegsende durch die britische Militärregierung erfolgte Entnazifizierung wird intensiv beleuchtet. Im letzten Drittel des Buches stehen die einzelnen Studienräte und ihre Versuche, sich nach Kriegsende mit Leumundszeugnissen („Persilscheine“) reinzuwaschen, im Fokus. Dazu hat der Autor die NSDAP-Mitgliederkartei beim Berliner Bundesarchiv und die Entnazifizierungs- und Personalakten beim Landesarchiv NRW in Duisburg akribisch ausgewertet.

Humanistisches Gymnasium Viersen – Foto: Stadtarchiv Viersen

Es geht in diesem Buch (ISBN 978-387448-548-7) um das Humanistische Gymnasium Viersen im Besonderen, aber exemplarisch steht es für viele Gymnasien in dieser Zeit. Der Autor fragt nach der bis heute zumeist ausgebliebenen Aufarbeitung. Für ihn ist eine offene Erinnerungskultur – auch im schulischen Bereich – unumgänglich. „Nur so kann das Beschweigen dieser Vergangenheit der deutschen Geschichte beendet werden“, so Thomas Menzel. (opm/paz)

August 1945
Alle NSDAP-Mitglieder des Kollegiums am Humanistischen Gymnasium Viersen werden von der britischen Militärregierung aus dem Schuldienst entlassen. Nur fünf Lehrer dürfen den Dienst am 15.10.1945 wieder aufnehmen.

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