Nach der AvP-Insolvenz bangen viele Apotheken um ihre Existenz

Es war ein verheerender Donnerschlag, als der Düsseldorfer Abrechnungs-Dienstleister plötzlich und unerwartet seine Insolvenz bekannt gab. Nach aktuellen Informationen sind rund 3.900 Apotheken in Deutschland betroffen, davon sind fast 50 % in NRW ansässig, viele von ihnen kämpfen nun um ihre Existenz.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Kreis Viersen/Düsseldorf – Bereits Anfang September war den ersten Apotheken aufgefallen, dass die Abschlagszahlungen des Düsseldorfer Apothekendienstleisters AvP für Rezepte des Vormonats ausblieben. Nach Rückfragen erreichten, wenn überhaupt nur Teilzahlungen, ihr Ziel. Am 15. September dann die Gewissheit, als AvP Insolvenz beantragte. Von dieser sind nun rund 3.900 Apotheken, darunter 2.900 öffentliche Apotheken, Sanitätshäuser und Krankenhausapotheken betroffen.

Für eine Apothekerin aus dem Kreis Viersen kam die Nachricht wie ein Donnerschlag, denn fast 90 Prozent ihrer Umsätze fließen aus Rezepten, nur ein Bruchteil wird über Zusatzartikel aufgefangen. Die Annahme, dass Geld auf den Treuhandkonten sei sicher, ist wie ein Spiegel in tausende von Teilen zerbrochen. AvP nahm als Dienstleister die Rezepte an, sortierte sie, gab sie an die verschiedenen Krankenkassen und zahlte dann, gegen eine Gebühr, an die Apotheken. Kein kleiner Posten, den nach Informationen des GVK-Spitzenverbandes wurden im vergangenen Jahr 49,9 Milliarden Euro auf rund 484 Millionen Rezepte abgerechnet. Insolvenz angemeldet hat allerdings nur AvP Deutschland mit 240 Mitarbeitern, daneben existieren zudem Schwesterngesellschaften sowie die Dachgesellschaft AvP Service.

Foto: Hans/Pixabay

Mittlerweile arbeiten sich Mitarbeiter des vorläufigen Insolvenzverwalters Jan-Phillip Hoos, Kanzlei White & Case, durch die Akten, fest steht bereits – die Abrechnungen für die öffentlichen Apotheken werden eingestellt. Zurzeit wird geprüft, ob die Zahlungen auf Treuhandkonten verwahrt wurden und ob die Apotheker ihre Forderungen rechtswirksam abgetreten haben. Erschwerend ist, dass die meisten Verträge bereits einige Jahre alt sind und nicht eindeutig. Es sei davon auszugehen, dass Apotheker Beträge einklagen müssen, ein zeitaufwändiger Prozess, der die Apotheken an den Rand der Insolvenz führen könnte. Die ersten haben bereits Kredite aufnehmen müssen um Mitarbeiter und Rechnungen bezahlen zu können.

Mittlerweile hat die Aufsichtsbehörde Bafin bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Beschuldigte wegen des Tatverdachts des Bankrotts, also des Betruges, angestoßen – in Haft befinde sich aktuell keiner. Ein Verfahren, welches sich ebenfalls über lange Zeit ziehen kann.

Von der Insolvenz sind in NRW fast 50 % der angeschlossenen Apotheken betroffen – fast 2.000. Ersten Schätzungen zufolge werden mindestens 200 ihre Existenz verlieren. Andere dagegen können auf Rücklagen oder auf Unterstützung von Banken und Großhandel zurückgreifen. Darunter auch die Dülkener Markus-Apotheke und die Windmühlen-Apotheke, die zu der aktuellen Situation öffentlich auf ihrer Facebook-Seite informiert haben. Auch hier seien für den August keine Zahlungen von Krankenkassenumsätzen eingegangen. Umso positiver sei der Rückhalt der Kunden. Dennoch sei es unverständlich, dass die Apotheken mit sechsstelligen Summen in Vorleistungen gehen müssten oder sie für ein „von oben auf instruiertes Abrechnungssystem bluten müssen.“ Sie fordern einen Rettungsschirm, denn die wohnortnahe Versorgung ist gefährdet. (dt)