Narrenakademie promovierte Dr. Leo Peters zum Doctor humoris causa

Die Dülkener Narrenakademie, die berittene Akademie der Künste und Wissenschaften, die erleuchtete Monduniversität vergab bei ihrem mittlerweile 43. Kreuzherrenessen am 183. Tag des Jahres 468 ihres Bestehens die Anerkennung als Doctor humoris causa an Prof. Dr. Leo Peters.
Von RS-Redakteurin Nadja Becker und RS-Redakteur Leo Dillikrath

Viersen-Dülken – Im Dülkener Bürgerhaus ist wieder Leben eingekehrt, die ersten närrischen Termine sind bekanntgegeben. Unter den hochgeschätzten Gästen auch die Senatoren und Mitglieder der Narrenakademie, die hier am vergangenen Freitag zu ihrem traditionellen Kreuzherrenessen zusammengekommen waren. Nach strengem Rigorosum galt es an diesem Abend Prof. Dr. Leo Peters zum Dr. humoris causa zu promovieren. Geboren in Kaldenkirchen kehrte der bekannte Archivar, Historiker, Autor und Professor für Geschichte nach seiner Referendarzeit in Düsseldorf und Magdeburg an den Niederrhein zurück. 1973 wurde das Kreisarchiv in Kempen seine berufliche Wirkungsstätte.

Doch bereits 1978 übernahm er bis zur Pensionierung 2009 das Amt des Schul- und Kulturdezernenten des Kreises Viersen. Dem Archiv blieb Leo Theodor Peters weiter verbunden. „Dabei gelang ihm etwas Herausragendes. Unter seiner Redaktion entwickelte sich das Heimatbuch zu einem den wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechenden Organ, ohne die Bedürfnisse der historischen Laien zu ignorieren“, so Rector magnificus Dr. Arie Nabrings.

„Es ist ein Heimatbuch für jedermann. Verzeihung: jede und jeden sowie natürlich auch für jedes, für die geschlechtlich noch Unentschlossenen.“ Auf ein bewegtes vergangenes und hoffentlich noch langes Leben voller Engagement und Taten ging der Rector magnificus ein, bis hin zu der Erinnerung an ein Gespräch nach dem Erscheinen der von Peters zusammengestellten Kaldenkirchener Stadtgeschichte, in dem der Anwärter auf den närrischen Doctor-Titel die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass einst ein Stichweg hinter dem Sportplatz der Gemeinde nach ihm benannt werde.

Links: Nach strengem Rigorosum galt es an diesem Abend Prof. Dr. Leo Peters zum Dr. humoris causa zu promovieren. Foto: Rheinischer Spiegel/Leo Dillikrath
Rechts: Rector magnificus Dr. Arie Nabrings hielt die Laudatio. Foto: Rheinischer Spiegel/Martin Häming

„Das mag vielleicht kommen, aber es würde seiner Lebensleistung nicht gerecht“, ergänzte Dr. Arie Nabrings. „Und so war es nahezu zwangsläufig, dass im Senat der Dülkener Narrenakademie der Entschluss gefasst wurde, ihm die Würde eines Doctors humoris causa anzutragen.“ Prof. Dr. Leo Peters setzt damit die Reihe berühmter Doctoren fort, zu der Goethe, Konrad Adenauer oder Hanns Dieter Hüsch zählen. Eine Ehre, der allerdings ebenfalls traditionell drei Fragen sowie drei bedeutende Antworten voraus gehen. Beides finden Sie, geneigter Leser, bei uns im Wortlaut, da eine solche Besonderheit gebührende Aufmerksamkeit verdient. (nb/ld)

Was haben Sie in Ihren Niederrhein-Forschungen über das Wesen der Dülkener herausgefunden? Wie und was ist der Dülkener an sich?

Ew. Magnifizenz, hochachtbare Senatoren, hochverehrtes narrenakademisches Publikum! Man kann es drehen und wenden wie man will: Dülken ist etwas Besonderes und der Dülkener an sich allemal. Sich seinem Wesen zu nähern ist einen Versuch wert, aber auch waghalsig. Ich will ihn wagen, obwohl es mir als geborenen und praktizierenden Kaldenkirchener nur deshalb ein wenig zusteht, weil meine Frau mütterlicherseits Dülkener Wurzeln in der legendären Familie Kückemanns hat. Dures Kückemanns ist weitläufig mit ihr verwandt.

Zum Einstieg bieten sich vorzüglich die kenntnisreichen Feststellungen des Wunderarztes und Geburtshelfer Dr. Aloys Schmitz an. Er veröffentlichte vor genau 150 Jahren, 1871, ein 200-seitiges Buch über Wesen und Alltag der Menschen an Nette und Schwalm. Darin hat er den Dülkenern ein unsterbliches Zeugnis ausgestellt. Ich zitiere wörtlich mit Erlaubnis seiner Magnifizenz: „Der Dülkener ist gerade, offen, entgegenkommend, im Umgang freundlich und gemütlich. Er liebt Musik, ist gerne heiter und lustig und zwar oft lärmend und ausgelassen. In fröhlicher Gesellschaft ist seine Parole: ‚Freud satt‘. Regelmäßig besucht er das Wirtshaus. Nach außen hat er was Spießbürgerliches, und man erkennt den eingeborenen Dülkener auf den ersten Blick. Bei jeder Gelegenheit hebt er die bürgerliche Eintracht Dülkens hervor und zwar mit vollem Recht. Er ist indes zu sehr geneigt, die guten Eigenschaften seines Bürgertums zu überschätzen und da er dem Grundsatz des Daheimbleibens huldigt, so ist er nicht frei von Voreingenommenheit. In religiösen Dingen ist er eher freisinnig als orthodox. Er hält seine Vaterstadt hoch und in den Momenten der Begeisterung und Überschwänglichkeit ruft er aus: Gloria tibi Dülken! …

Foto: Narrenakademie Dülken

Diese Anlagen mussten die Dülkener dazu führen, ihr fröhliches tolles Treiben zu organisieren und zu regeln auf breitester Grundlage der Narretei. So entstand vor 200 Jahren die später berühmt gewordene, vor 40 Jahren noch blühende Narren-Akademie“, soweit Dr. Aloys Schmitz vor 150 Jahren. Da Doktorpromotionen in der Narrenakademie grundsätzlich plagiatfrei sind, rücke ich jetzt von der Zitierung des klugen Arztes ab. Bisher musste nämlich noch kein Doctor humoris causa seinen Titel zurückgeben, weil er abgeschrieben hatte.

Noch eine weitere Vorbemerkung: Von Dülken aus gesehen ist jeder Ortswechsel eine Verschlechterung und die Nicht-Dülkener, besonders die Alt-Viersener, müssen jetzt ganz stark sein. Das gilt selbst für den Landrat. In Demut waren die Dülkener immer die Größten und darauf sind sie mächtig stolz. Sie lebten dem Grundsatz: Was nutzt die ganze bucklige Demut, wenn keiner sie merkt. Und ihre Toleranz besteht in dem Satz: Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

Einer von vielen schlagenden Beweisen der Dülkener Bescheidenheit ist das mit voller Inbrunst gesungene Lied ‚Wir sind die Könige der Welt‘. Mit einem Wort: der Dülkener an sich übt sich selbstbewusst in stolzer Bescheidenheit.
Dazu gehört nicht zuletzt auch der Umstand, dass sie vor 150 Jahren die größte Kirche im heutigen Bistum Aachen bauten. Der stolze Kirchturm stellt noch heute sicher, dass Dülken auch aus der Ferne nicht zu übersehen ist, denn der Dülkener an sich ist fromm. Er lebt unter dem Schutz des heiligen Cornelius einem der sogenannten vier Marschälle. Ein Beispiel von vielen: Im späten 15. Jahrhundert gelobten die Dülkener Wallfahrten nach Aachen, Trier, nach Neuss, zum heiligen Blut, zum heiligen Medardus In Wessen bei Roermond, zur heiligen Luzia nach Straelen und nach Kranenburg. Das 1479 von Graf Vinzenz von Moers gegründete Kreuzherrenkloster war ein zusätzlicher Anker der Katholizität des Ortes. Geusen und Wiedertäufer hatten es in Dülken schwer, Juden indessen Jahrhunderte lang eine sichere Bleibe.

Foto: Narrenakademie Dülken

Dass alles stand nie im Widerspruch dazu, dass der Dülkener an sich geld-affin ist. Als sich die geldrische Exklave Viersen, jene unbedeutende bäuerliche Siedlungsagglomeration, noch im Handel mit Früchten und Getreide übte, bestimmte der Landesherr, damals noch der Graf von Jülich, im Jahr 1328 seine civitas Dülken zur Münzprägestätte und das blieb Dülken bis 1423. In Dülken geprägte Pfennige, Groschen, Turnosen und Sterlinge wurden zu einem angesehenen Zahlungsmittel. Und für die Tatsache, dass die Dülkener mit Geld umzugehen wussten, gibt es zahllose Belege.

So steckt im innersten Wesen des Dülkeners von jeher etwas durch und durch Merkantiles: Schon 1398 gab es hier zwei Märkte. Gehandelt wurde in Dülken seit eh und je. Lombarden sind hier bereits seit dem 14. Jahrhundert nachzuweisen. Und 1445 ist belegt, dass Dülkener Kaufleute Fernhandel mit friesischen Ochsen trieben, die sie in Köln verkauften. Hinzu kam ein ausgeprägtes Zunftwesen. Zu Zünften schlossen sich in Dülken die Schneider, die Weber, die Hutmacher, die Schmiede, die Bäcker und die Krämer zusammen.

Mit Recht rühmt sich der Dülkener seiner Urbanität. Mit städtischem Selbstbewusstsein konnte er insbesondere in die kümmerliche Viersener Nachbarschaft schauen. War man dort in dörflichen Strukturen gefangen, konnte Dülken es zu einer veritablen Stadt bringen mit allen verfassungsmäßigen, administrativen und Verteidigungsvoraussetzungen, mit ansehnlichen Toren und Mauern. Seit 1364 wurde Dülken unter die jülischen Städte gerechnet. Dabei blieben die Dülkener gern unter sich. Im Archiv des Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Koblenz stieß ich auf einen Hinweis aus dem Jahre 1839, wonach schon das bloße Gerücht, dass die Bürgermeisterstelle einem Fremden übertragen werden sollte, „Unruhe und Bestürzung“ ausgelöst hatte. Dabei ist der Dülkener ein geselliges Wesen. Er geht keiner Feier aus dem Wege. Ein Zitat aus dem Werk des Aloys Schmitz sei mir in diesem Zusammenhang noch erlaubt. Er berichtete, was nun gar nicht zur Narrenakademie passen will: „Das hiesige Bier verursacht, in größeren Quantitäten genossen, Kopfschmerzen, bei fortgesetztem unmäßigem Gebrauche Erschlaffung und Verschleimung des Magens, Reizung der Harnorgane.“ Es verwundert denn auch die Nachricht nicht, dass 1624 die Bierakzise, also eine Verbrauchssteuer, der höchste Einnahmeposten der Stadt überhaupt war.

Zum Thema „Geselligkeit der Dülkener“ gehört wie vieles andere auch das ausgeprägte Bruderschafts- und Schützenwesen. Seit dem Jahr 1400 ist die Antonius-, Fabianus- und Sebastianus-Bruderschaft bekannt. Eine Liebfrauenbruderschaft kennt man seit 1427. Wenig später, 1433, erscheint die Eligius-Bruderschaft. Es folgt im 16. Jahrhundert, übrigens ein Jahr vor der Gründung der erleuchteten Monduniversität eine Heilig-Geist-Bruderschaft. In den Honschaften sind im 18. Jahrhundert drei Schützenbruderschaften belegt: St. Donatus in Bistard, St. Udalricus in der Oberhonnschaft und St. Cornelius in Nette. Aber erst mit der erleuchteten Monduniversität entwickelte sich Dülken zum Hauptquartier des institutionellen Humors. Indessen war der Dülkener an sich auf seine Gesundheit stets bedacht. Ein städtisches Armenhospital wurde schon 1407 erwähnt, das Blatenhaus, also eine Isolierstation für Aussätzige, 1545. Es gab medizinisches Personal, 1518 einen „Apothecarius“ und 1631 einen „chirurgus“, unter den Franzosen 1807 einen ,,officier de sante“. Zehn Jahre später schlossen 35 Dülkener, die es sich leisten konnten, einen Vertrag mit dem Doktor der Medizin Johann Jacob Meyer. Er übernahm die Verpflichtung zur ärztlichen Versorgung der Vertragspartner, ihrer Familien und des Personals. Bei ansteckenden Krankheiten verlangte er das doppelte Honorar. Katholische Schwestern gründeten 1856 das Korneliushospital, das solche Klassenunterschiede nicht kannte.

Und der Dülkener an sich weiß sich in seine Schicksale zu fügen. Die Eingemeindung in Viersen ist das jüngste Beispiel. Seit 1970 nur noch „Viersen-Stadtteil Dülken“ zu heißen, ist in der Tat ein bitteres Los. Schon 1814 waren Dülkens Hoffnungen, Kreisstadt des neuen preußischen Kreises Kempen zu werden, im Sand verlaufen. Sie waren durchaus begründet gewesen, denn Dülken war die einwohnerstärkste Gemeinde im Kreis. Auch damals arrangierte man sich in Dülken mit der gegen die Stadt getroffenen Entscheidung. Und bereits im 18. Jahrhundert hatte Dülken gegenüber Brüggen zurückstecken müssen, als es um den Tagungsort des Amtsgerichts des Brüggener Vogtes ging. Ich glaube: Alle diese Schläge, insbesondere die feindliche Übernahme durch Viersen 1970, konnten nur dank der von der erleuchteten Monduniversität ausgehenden geistigen Überlegenheit der Dülkener ertragen werden. Seit dem 26. September erfuhr das alles eine späte Wiedergutmachung, da Dülken jetzt unmittelbar im Bundestag vertreten ist. Es wird sich zeigen, ob die Hauptstadt diese politische Blutzufuhr zu schätzen weiß.

Wie dem auch sei: Gegenüber Viersen kann der Dülkener an sich erhobenen Hauptes in die Zukunft gehen. In der Vergangenheit war er jedenfalls haushoch überlegen. Nun hoffe ich nicht, dass der Rector magnificus, der das als früherer Archivar der Stadt alles wusste, nicht derart demotiviert ist, dass er seine ambitionierte Arbeit an der Viersener Stadtgeschichte abrupt einstellt. Das hätten die Alt-Viersener denn nun doch nicht verdient. In Dülken gilt eben „leben und leben lassen“.

Fassen wir zusammen: Der Dülkener an sich ist ein selbstbewusster, mitunter selbstverliebter, wenn es nicht anders geht, auch bescheidener, geld-affiner, in der Not auch frommer, für Kultur bisweilen aufgeschlossener, menschenfreundlicher, den Freuden des Alltags immer zugewandter, dem Humor stets verpflichteter, von einer tiefsitzender Viersener-Phobie geleiteter Niederrheiner der Sonderklasse und von einzigartiger Skurrilität. Ich komme zu einem ähnlichen Ergebnis wie Goethe und ordne ihn in die Kategorie „rheinische Absurditäten“ ein.
Gloria tibi Dülken!

Was hat der Kandidat denn über Intelligenz und Bildung der Dülkener im Laufe der Jahrhunderte herausgefunden, was wissen die Quellen über die Intelligenz und Bildung der Dülkener?

Um es vorweg zu sagen: Die Intelligenz der Dülkener ist unermesslich. In der unbegreiflichen Weisheit der Narrenakademie hat sie folgerichtig über Epoche der Weltgeschichte hinweg ihre Erfüllung gefunden. Bei meinen tiefschürfenden Forschungen zum homo Dulcensis bin ich nämlich zu der Erkenntnis gekommen: Die Narrenakademie ist gleichsam der Zenit Dülkener Geisteslebens. Mehr geht nicht. Doch eins nach dem anderen, denn es war nicht immer so.

Ins 15. Jahrhundert führen uns jene Quellen, die Auskunft über die ersten Bemühungen der Dülkener um Bildung und Wissen geben. Eine Schule in der jülichschen Stadt wird erstmals 1444 genannt. Das war alles noch sehr bescheiden, eben vor der Gründung der berittenen Monduniversität. Der Küster war zugleich der Lehrer des Ortes. Immerhin 48 Studenten aus Dülken wurden zwischen 1402 und 1555 in der Universität zu Köln immatrikuliert. Und bei den Kreuzherren bestand die Möglichkeit, Latein zu lernen. Als Herzog Wilhelm v., auch der Reiche genannt, 1533 gelehrte Räte zur Visitation nach Dülken schickte, hielten sie über den Schulmeister wörtlich fest: „Man wisse nicht anders, dan das er geschickt ist“. Man näherte sich eben dem Zeitpunkt der Gründung der Narrenakademie.

Die Franzosen haben die Volksbildung in Viersen nicht nachhaltig gefördert. Das ist eindeutig jener Erkundung zu entnehmen, die die Preußen unmittelbar nach der Vertreibung der Franzosen 1814 anstellten. Unter den Pädagogen gab es mit dem Lehrer Peter Anton Clemens zwar eine Lichtgestalt, im Übrigen aber sah es sehr bescheiden aus. In der Stadt und den drei Honschaften Nette, Bistard und Oberhonschaft gab es je eine Primärschule. Mathias Bescheinen war der Lehrer in der Stadt. Der 47-Jährige hatte, wie es in damaligen Beschreibung heißt, 1806 sein Amt angetreten. Vorher war er Drechsler gewesen, jetzt Uhrmacher. Zitat: „Versteht sich ein Pfuscher, eine Pfuscherei bei der anderen. Der Mann ist ein guter Hausvater, hat aber in seiner Jugend keine Bildung erhalten und ist jetzt auch zu alt und zu eigensinnig, um noch gebildet zu werden.“ Von Urban Bahnen, dem Lehrer an der Nette, weiß diese Quelle, dass er die Wassersucht hatte und von Franz Bahnen, Lehrer im Bistard heißt es: „Er ist unter aller Kritik. Zur Aufrechrerhaltung der Disziplin ließ sich Mathias Bescheinen von dem Grundsatz leiten: Wer nicht hören will, der muss fühlen.“ Und in der Oberhonschaft galt: „Welche ungehorsam sind, die werden des Mittags ohne zu essen in Arrest gesetzt.“

Zudem war Bildungshunger bei den Dülkener Eltern nur vereinzelt vorhanden. So stellte die Erkundung von 1814 fest: „Der Wunsch, ihren Kindern einen besseren Unterricht zu verschaffen, ist in der Stadt und auch in der Oberhonschaft bemerkbar, nicht so in Nette und Bistard.“ Der Schulbesuch war unregelmäßig und mit dem 12. Lebensjahr kaum noch gegeben. Wörtlich heißt es: „Bis zum 12. Jahre, in welchem die Kinder zur ersten Communion angenommen werden, pflegt die Schule von Knaben und Mädchen besucht zu werden, sobald sie angenommen sind, sie mögen lesen können oder nicht, halten die Eltern ihre Kinder zu Hause.“ Aber es gab auch Lichtblicke: Nämlich ein privates Institut, von den ersten Bürgern des Städtchens errichtet unter dem erwähnten Oberlehrer Peter Anton Clemens. Er unterrichtete in deutscher, französischer und lateinischer Sprache. Wenn es auch nicht ausdrücklich überliefert ist, bin ich sicher: Seine Schüler waren allesamt künftige Mitglieder der berittenen Monduniversität. Nach und nach entwickelten sich Kultur und Bildung in Dülken.

Gemessen werden kann das an herausragenden Persönlichkeiten, die die Stadt im 19. und 20. Jahrhundert hervorbrachte. Ich greife nur zwei heraus: Gustav von Mevissen und Theodor Frings. Gustav Mevissen, später von Mevissen, wurde 1815, dem Jahr des Wiener Kongresses, in Dülken geboren. Er war ein namhafter Politiker, Unternehmer, Bankier, Eisenbahnpionier und Begründer der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde. Man muss sich zurücknehmen, um nicht in zu viele Superlative zu verfallen: Aber Gustav von Mevissen war sicher die bedeutendste Gestalt, die aus Dülken hervorgegangen ist. Im Rheinland war er jemand, dessen Bekanntenkreis von Karl Marx bis zur Kaiserin Augusta reichte. Vielseitig war er, von ungestümem Fleiß und Pioniergeist, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Viel verdanken ihm jene, die an der Geschichte des Rheinlandes interessiert sind. Die von ihm gegründete und heute ungemindert tätige Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde hat in über 150 Jahren durch die Edition zentraler Quellen der Rheinischen Geschichte unersetzliche wissenschaftliche Arbeit geleistet. Wir alle wüssten heute viel weniger über unsere Geschichte ohne Gustav von Mevissen – und bei allem: Er war Mitglied der erleuchteten Monduniversität.

Dr. Georg Cornelissen, der vor zwei Jahren an diesem Ort zum Doctor humoris causa promoviert wurde, hat dem 1886 in Dülken geborenen renommierten Sprachwissenschaftler Professor Theodor Frings eine gründliche Studie gewidmet. Sie ist im Heimatbuch des Kreises von 1987 nachzulesen. Als Professor in Bonn und später in Leipzig hat er bahnbrechend zum Beispiel über die Dialektgeografie des halben Rheinlandes geforscht. Dazu Cornelissen im genannten Aufsatz: „Dialektgeographisch betrachtet, ist das Rheinland insgesamt eine vielfach gefächerte und hochinteressante Region. Diese Beobachtung trifft in noch höherem Maße zu auf das Gebiet des heutigen Kreises Viersen mit Frings Geburtsort Dülken. Hier treffen nicht nur nördliche, kleverländische auf südliche, kölsche Formen, dieses Gebiet bildet ebenfalls eine Kontaktzone zu den benachbarten niederländisch-limburgischen Mundarten. Wichtige Sprachgrenzen verlaufen hier, und Sprachen und Mundarten stehen hier in komplizierter Verteilung miteinander in Kontakt.“

Doch was ist das Wichtigste an dem Wissenschaftler Theodor Frings? Er war Doctor humoris causa der Dülkener Narrenakademie. Gerne möchte ich heute in seine Nachfolge treten. So glaube ich denn, verehrter Rector magnificus, hochachtbarer Senat, hinreichend dargetan zu haben, dass Dülken ein Ort von Geist, Intelligenz und Bildung war und ist. Mögen die Viersener ihre Festhalle haben, die Dülkener haben die Narrenakademie. Und niemand wird annehmen, dass ich mich einschmeicheln wollte. Solches liegt mit völlig fern.

Was hat der Kandidat zum Jahre 1554, dem Gründungsjahr der Narrenakademie, herausgefunden?

„Ich bin der Rector magnificus von Hause aus Archivar.“ Als ich von diesem erstmals die Beweisführung für 1554 als Gründungsjahr der Narrenakademie hörte, war ich verblüfft. Sie lautete: Bisher ist keine Urkunde aufgetaucht, in der steht, dass die Akademie nicht im Jahre 1554 gegründet wurde. Empörend, dachte ich, aber auch entwaffnend und von jener dülkischen intellektuellen Spitzbübigkeit, der man als Nicht-Dülkener fassungs- und hilflos gegenübersteht. Eine Beweisführung gleichsam ex nihilo. Ich dachte, die Dülkener leben dem Grundsatz: Lieber eine starke Behauptung als ein schwaches Argument. Und ich fühlte mich augenblicklich an jener Archäologenwitz erinnert, der von den Ausgrabungen in Ägypten berichtet, wonach dort Draht gefunden wurde. Messerscharf folgert man daraus in Kairo: Die alten Ägypter hatten schon die Telegraphie, was die israelischen Archäologen antrieb, ebenfalls zu graben. Sie fanden keinen Draht und schlossen ebenso messerscharf: Die alttestamentlichen Juden hatten schon die drahtlose Telegraphie.

Fehlende historische Belege verleiten auch heute noch manchen Zeitgenossen zu kühnen Hypothesen. Solches ist der Narrenakademie in der ihr eigenen Ernsthaftigkeit natürlich vollkommen fremd. Und auf dieses Niveau will ich mich denn auch gar nicht begeben. Ein abschreckendes Beispiel wurde mir in Köln in der von Rector magnificus einst geleiteten Kulturabteilung des Landschaftsverbandes berichtet, jene Geschichte nämlich von drei passionierten Familienforschern, Rentner die im noch nicht eingestürzten Kölner Stadtarchiv nach ihren Vorfahren suchten und nach jedem Besuch unter reichlicher Zufuhr von Bier und Wein über ihre Zwischenergebnisse prahlten. Sie hießen Bäcker, Zimmermann und Schmitz. Rasch waren sie mit dem Nachweis ihrer Ahnen im 17. Jahrhundert. Über das Mittelalter erreichten sie die Antike und glaubten schließlich, ihre Vorfahren in biblischen Zeiten zu finden. Bäcker meinte unter Anspielung auf das Brot im Abendmahlsaal, dessen Bäcker seien seine Vorfahren gewesen. Das überbot Zimmermann ganz locker, indem er die Arche Noah, ein Meisterwerk der Zimmermannskunst, auf seine Vorfahren zurückführte, was wiederum den Kollegen Schmitz in arge Bedrängnis brachte. Mit kölscher Schläue zog er den Joker und fragte: Ihr kennt doch alle die Eva aus dem Paradies? Die war eine geborene Schmitz. Nein, nein: Auf dieses Niveau wird sich niemand mit Ambitionen zum Doctor humoris causa begeben. So möchte ich denn einen narrenakademisch validen Indizienbeweis liefern, dass das vom Rector magnificus beklagte Fehlen einer Urkunde, die die Gründung der Akademie im Jahre 1554 belegt, sauber zu erklären ist.

Halten wir einleitend fest: Zeitgenössische Urkunden verschweigen in der Tat den Anfang dar Akademie. Eine Gründungsurkund hat sich, wiewohl die Narrenakademie es verdient hätte, nicht erhalten. Das kann zunächst verschiedene örtliche Ursachen haben, etwa:

– die Dülkener konnten noch nicht schreiben oder
– missgünstige Viersener, jene intellektuellen Nachtschattengewächse, haben das Schriftstück vernichtet oder
– nach einem ausgedehnten Trinkgelage der Narrenakademie ist die Urkunde versehentlich entsorgt worden. Spekulationen über Spekulationen!

Deshalb nun streng wissenschaftlich und alles, was ich hier sage, ist natürlich seriösnarrenakademisch wissenschaftlich, gibt es also historische Umstände, die das Fehlen einer Gründungsurkunde von 1554 oder auch nur deren Erwähnung, erklären? Schauen wir nach, ob in den zeitgenössischen Urkunden, insbesondere von Kaiser, Pabst, Erzbischof, Landesherr oder vom Brüggener Amtmann insbesondere des Jahres 1554 die Gründungsurkunde erwähnt oder etwa abschriftlich überliefert ist. Gibt es Indizien, die es plausibel machen, warum dies nicht anzunehmen ist? Beginnen wir beim Kaiser:1554 regierte mit Karl V. Ein Kaiser, in dessen Reich bekanntlich die Sonne nicht unterging. Der hatte natürlich wenig Interesse an einer erleuchteten Monduniversität.

Neun Jahre zuvor im Jahre 1545 hatte Karl V. zudem den Kempener Amtmann Wilhelm von Rennenberg wegen der Unterstützung zwingender Umtriebe streng gerügt. Da wird ihm endgültig die Lust vergangen sein, sich auch noch dem nahen Dülken zuzuwenden. Handfeste Indizien also für das Fehlen des Gründungsdatums in zeitgenössischen kaiserlichen Urkunden. Wie sah es 1554 bei Pabst Julius III. aus? War dort die Monduniversität nicht doch ein wenig zu weltliches Ding. Schauen wir 1554 auf Dülkens Landesherren, Herzog Wilhelm V. von Jülich, auch der Reiche genannt. Er betrauerte 1554 den Tod seiner Schwester Sibylle, der Ehefrau des mächtigen sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich. Zudem war seine Schwester Anna von Kleve immer noch als nicht akzeptierte vierte Frau König Heinrichs VIII. von England auf der Insel. Da sie längst nicht von jener Schönheit war, die ihr Hans Holbein in dem bekannten Gemälde beigegeben hatte, verweigerte ihr der König das Ehebett. Alles in allem: Für eine Narrenakademie in seinem Herzogtum Jülich war Herzog Wilhelm V. 1554 nicht aufgelegt, folglich keine Urkunde mit der Erwähnung ihrer Gründung. In die Untersuchung einbezogen habe ich auch die gleichzeitigen Urkunden des Erzbischofs von Köln, zu dessen Sprengel Dülken gehörte. Das Ergebnis ist leicht zu benennen. Der Erzbischof und Kurfürst hatte so viel mit den unkeuschen Umtrieben der Kölner Jecken zu tun, dass er sich nicht auch noch um die Dülkener Narrenakademie kümmern konnte. Er nahm sie einfach nicht zur Kenntnis.

Wichtig ist das Jahr 1554 indessen für das Amt Brüggen, zu dem Dülken damals gehörte. Damals wurde das Gerichtswesen im Amt reformiert. Ebenfalls ein Vorgang der sich fernab von der Gründung der Narrenakademievollzog. Es sei denn – nur eine Spekulation – Amtmann und Vogt von Brüggen hätten sich durch die Gründung der Narrenakademie bemüßigt gefühlt, die Schrauben der Gerichtsbarkeit im Amt anzuziehen. Leer geht man auch aus, wenn man in Viersener Urkunden der Zeit schaut. Kein Wunder, denn die Viersener waren nicht annähernd so weitsichtig, dass sie die nach der Entdeckung Amerikas, ein gutes halbes Jahrhundert früher, wichtigste Leistung europäischen Denkens, in ihrer Bedeutung hätten erkennen können.

Insgesamt glaube ich damit, hinreichend viele Indizien besorgt zu haben, nach denen ein Fehlen von Urkunden, die die Akademie-Gründung im Jahre 1554 nennen, erklärbar ist. Bleibt den Mächtigen der Epoche ins Stammbuch zu schreiben: Hätten sie die Zeichen der Zeit erkannt und das wirklich Wichtige des Jahres 1554, nämlich die Gründung der Narrenakademie, verinnerlicht, wäre manche historische Verirrung möglicherweise verhindert worden. Es ist, gestatten Sie mir den kühnen Vergleich, wie mit der Erschaffung der Welt. Auch dieses Datum ist nicht belegt: Aber erschaffen wurde sie. Ich hoffe mit diesen unwiderlegbaren, tiefschürfenden Erkenntnissen, das Selbstwertgefühl der Dülkener gehoben und für alle Zeiten gefestigt zu haben. Und ich bin zuversichtlich, Rector magnificus und der hohe Senat werden es zu würdigen wissen.

Prof. Dr. Leo Peters, nun Dr. humoris causa der erleuchteten Monduniversität.