Neujahrsnacht: Glitzerregen, Knallfrösche und der rauchige Geruch des Jahreswechsels

Eine literarische Erinnerung – Es war wieder einmal soweit. Das alte Jahr wurde mit Donner und Getöse vom Neuen abgelöst. Bunte Raketen erleuchteten den Himmel, Glitzerregen mit unzähligen kleinen Goldsternen erhoben die Nacht zum Tag, Goldregen lud zum Einsammeln ein, Knallfrösche, Böller und Kracher erschreckten Kinder und Erwachsene gleichermaßen und über allem, wie ein Nebel, der rauchige Geruch des Jahreswechsels.

Silvester – Else zog sich die Decke über den Kopf und kniff auch unter der Zudecke die Augen zusammen. Wie sie diese Nacht hasste. Erinnerungen krochen, Gespenstern gleich, unter die Federn, umwaberten sie und verbanden sich mit dem Zischen und Knallen vor dem Fenster zu einem infernalischen Lärm. Nein, sie konnte ihnen auch im Bett nicht entkommen.
Neun Jahre war es nun her, dass sich Alfred, ihr Mann, aus dem Staub gemacht hatte. Einfach so. In der Silvesternacht. War aus dem Haus gegangen, um den Nachbarn ein gutes neues Jahr zu wünschen und nicht wiedergekehrt. Sie hatten sich vorher gestritten, aber das war nichts Seltenes bei ihnen und Else wusste auch nicht mehr, was der Grund war. Alfred hatte sie ein zänkisches Weib genannt und die Haustüre hinter sich geschlossen.

Foto: Michal Jarmoluk

Anfangs hatte sich Else nichts dabei gedacht. „Wird eben bei den Nachbarn irgendwo versumpft sein …“ Alfred war kein Trinker, aber hin und wieder schlug er schon mal über die Stränge, was ihm tagelanges Gekeife seiner Frau einbrachte.
Aber er war nicht wiedergekehrt. Nicht um ein Uhr, nicht um zwei Uhr und auch nicht am nächsten Morgen. Langsam war Else unruhig geworden. Als die Kirchturmuhr Zehn schlug, war sie zu den Nachbarn gegangen und hatte nach Alfred gefragt. Verschlafene mürrische Gesichter, aber niemand hatte ihren Mann gesehen. „Alfred? Nee, der ist uns nicht begegnet. Frag doch mal im Krankenhaus nach.“

Else erschrak. Krankenhaus? Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Es gab nur zwei Krankenhäuser, aber niemand wusste etwas von einem Alfred Zeidler. „Nein, hier ist niemand mit diesem Namen.“ Else war unruhig geworden und hatte nachmittags um Drei die Polizei angerufen. „Ach gute Frau, in solchen Nächten verschwinden Männer öfter mal irgendwo. Machen sie sich mal keine Sorgen. Morgen früh ist er wieder da.“
Er war nicht da und Else marschierte, ausgerüstet mit einem Foto von Alfred, zur Polizei. Sie gab eine Vermisstenanzeige auf und die Polizisten nahmen ihre Angaben unbeteiligt zu Protokoll. War nicht das erste Mal, dass einer klammheimlich verschwand. Und die holde Gattin schien auch nicht unbedingt mit Liebenswürdigkeit gesegnet zu sein.

Tagelang wanderte Else durch die Stadt, suchte in Kneipen, zeigte ein Foto von Alfred herum und erntete nur mitleidiges Kopfschütteln. Alfred blieb verschwunden. Und Else merkte auf einmal, wie sehr er ihr fehlte. Wieder und wieder ging sie die Situationen durch, in denen sie ihm Unrecht getan hatte und zerfleischte sich in Selbstanklagen.
Die zweite Phase kam etwas später, als sie merkte, dass Alfred einen Großteil ihres Ersparten abgehoben hatte. Nicht alles, aber Else erkannte sehr schnell, dass sie nun gezwungen war, ganztags in die Arbeit zu gehen. Bisher hatte sie nur vormittags gearbeitet. Und da war noch dieser andere nagende Gedanke: „Er hat eine Andere!“ Diese Idee war ihr erst später gekommen, denn sie konnte sich Alfred beim besten Willen nicht mit einer Geliebten vorstellen. Er war eher … na ja …! In dieser Phase packte sie die Wut und dieser fiel auch das eingerahmte Hochzeitsfoto zum Opfer. Na und?
Nach zwei Jahren hatte sich Else mit ihrer Situation abgefunden. Auf und davon! So etwas passierte sonst nur den anderen. Aber sie hätte zu gerne gewusst, was aus ihrem Mann geworden war. Ein Verbrechen schied aus, denn Tote konnten ja kein Geld abheben – oder?

Und doch war in Else immer noch ein Hoffnungsfunken. Ein klitzekleiner Funken, der durch ihr trübsinniges Dasein funzelte. Sie hatte sich mit keinem Mann mehr eingelassen, wobei es hier auch an Interessenten fehlte. Else war keine Frau, auf die Männer scharf waren. Sie lebte ihre Tage, ging zur Arbeit, versorgte die Wohnung und den handtuchgroßen Garten des Reihenhäuschens, das sie nur durch äußerste Sparsamkeit abzahlen konnte, und bedauerte nur, dass sie keine Kinder bekommen hatten. Vielleicht wäre Alfred dann nicht abgehauen.
Schlimm fand sie nur diese Silvesternächte, die sie jedes Jahr unter die Bettdecke trieben. Anfangs hatte sie die Mitleidseinladungen von Bekannten oder Kollegen ausgeschlagen, aber mittlerweile wurde sie auch nicht mehr gefragt. Es war ihre ganz persönliche Horrornacht und sie grübelte immer noch, warum es soweit hatte kommen können.

Als es am Neujahrsmorgen bei Else klingelte, zog sie sich zuerst die Decke über den Kopf. „Irgendein Besoffener!“ Noch zweimal ertönte das Dingdingdong der Türglocke und Else schälte sich aus dem Bett. Dann hörte sie den Schlüssel im Schloss. Sie erstarrte. So hatte es immer geklungen, wenn Alfred nach Hause gekommen war. Nein, das konnte nicht sein. Aber niemand sonst hatte einen Schlüssel. Sie tastete sich zur Tür.
„Hallo, Else, entschuldige, dass ich so spät zurückkomme. Bin noch ein bisschen bei Toni hängen geblieben. Du weißt ja, bei ihm dauern die Feiern immer etwas länger …“

Aus: Waltraud Götz, Weiberlist und Frauenkram
ISBN 978-3-944514-04-8, Taschenbuch, 152 Seiten. 12,80 €, 14,8 x 21 cm, Kater Literaturverlag