Nitratbelastung im Kreis Viersen: „Wir stehen als Landwirte doch dazwischen.“

Rund 240.000 Tonnen Wirtschaftsdünger werden aus den Niederlanden in den Kreis Viersen importiert. Wie hoch die Dunkelziffer ist, ist nicht bekannt. Sicher jedoch ist, dass das Grundwasser im Kreis Viersen einen Nitratgehalt an einzelnen Stellen aufweist der neun Mal so hoch ist, wie er im Trinkwasser erlaubt wäre. Ein Thema, welches dringend angefasst werden muss und weshalb der Kreis Viersen zur öffentlichen Diskussion eingeladen hatte.

Kreis Viersen – Das Forum im Kreishaus war voll besetzt, auf den oberen Rängen mussten viele Interessierte stehen, die zur öffentlichen Diskussion zur Nitratbelastung des Kreises Viersen erschienen waren. Moderator Lorenz Beckhardt (WDR), bekannt aus Quarks & Co., zeigte sich erfreut über das große Interesse. Dr. Andreas Coenen eröffnete mit einem Krug Brunnenwasser seinen Impulsvortrag und ließ keinen Zweifel daran, dass ein Handeln dringend notwendig sei. 430 Milligramm Nitrat pro Liter habe zurzeit das Brunnenwasser an einzelnen Stellen, neun Mal so viel wie im deutschen Trinkwasser erlaubt sei. Die Stille im Saal zerbrach, leises Tuscheln übernahm die Atmosphäre. Das Amt für Umweltschutz prüfe woher diese hohe Konzentration käme um Maßnahmen ergreifen zu können. Ein Wert der nicht nur durch alleine durch Gülle begünstigt wird, auch andere Kriterien, darunter undichte Abwasserleitungen, Gartenbaudüngungen oder Verkehr, tragen zu der Verunreinigung bei.
„Wir müssen handeln, wir werden handeln“, so Landrat Dr. Coenen. „Doch wir wollen nicht nur den Ist-Zustand erfassen. Wir wollen handeln und daran arbeiten die Probleme anzupacken.“ Viele Ängste in Bezug auf das Trinkwasser, welches diese Werte bisher nicht aufweist, seien noch unbegründet – noch. „Selbst wenn sich alle an die Vorgaben der Düngeverordnung halten, werden wir die Rahmenbedingungen der EU nicht einhalten können“, ergänzte Coenen. „Wir haben bisher zu wenig in Deutschland zum Schutz unseres Grundwassers getan. Unser Grundwasser muss überall auf einen niedrigen Nitratgehalt gebracht werden, auch außerhalb der Trinkwasserschutzgebiete.“ Die Lösungen könnten zusätzliche Wasserschutzgebiete sein. Der Landrat warb für eine nachhaltige Lebensweise und erinnerte an die Verantwortung jedes Einzelnen, denn auch zu viele Zuchttiere seien ein Grund für das hohe Gülleaufkommen.

Foto: Rheinischer Spiegel

Rund 240.000 Tonnen des nach Deutschland eingeführten Wirtschaftsdüngers aus den Niederlanden würde im Kreis Viersen aufgebracht werden. Das seien 16,4 % führte Frank Müller (Ing.-Büro ahu) aus, der den Zuhörern die wesentlichen Punkte des Gutachtens näher brachte. Dazu kämen illegale Gülletransporte mit einer nicht bezifferbaren Dunkelziffer und die bekannten Aufbringungen der Landwirte aus dem Kreis Viersen. Die Kreisverwaltung hatte in diesem Jahr eine Studie zur Nitratbelastung im Kreis Viersen vorgestellt. Das Ingenieurbüro ahu aus Aachen hatte festgestellt, dass das obere Grundwasserstockwerk im gesamten Kreisgebiet flächendeckende und teilweise deutliche Belastungen von Nitrat aufweist. Das Trinkwasser sei nicht betroffen. Hierzu hat der Kreis Viersen einen 5-Punkte-Plan ausgearbeitet, der nicht überall auf positive Stimmen trifft, vor allen Dingen den Umweltverbänden gehen die ersten Schritte des Plans nicht weit genug, sehen eine keine Chance diese ersten Schritte, die nicht nur nach ihrer Meinung noch lange nicht ausreichen, politisch umzusetzen. Viele Landwirte dagegen fühlen sich angegriffen, befürchten eine verstärkte Überprüfung und weisen eine mögliche Teilschuld vehement zurück.

Der Plan umfasst die lückenlose Kontrolle des Umschlags und der Verwendung von Düngemitteln, die vollständige Umsetzung der Düngeverordnung, die Ausweitung von Wasserschutzgebieten für durch Nitrat belastete Grundwasserbereiche, wie auch Rückstände bei der Festsetzung von Trinkwasserschutzgebieten abzuarbeiten oder ein ungehinderter Transfer wasserwirtschaftlich relevanter Daten – was aktuell durch die geltenden Datenschutzgesetze nicht möglich ist. In der kommenden Sitzung des Kreistags am Donnerstag, 13. Dezember, soll der Kreistag dann abschließend über den 5-Punkte-Plan beschließen.

„Es geht nicht darum zu leugnen, dass es ein Problem gibt. Es geht um die Lösung des Problems“, ergänzte Dr. Bernd Lüttgens (Rheinischer Landwirtschaftsverband), der in seinem Vortrag „Nitrat und Landwirtschaft“ auf die aktuellen Richtlinien von Nitratrichtlinie bis zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie hinwies. „Wir müssen das flächenhafte Problem auch flächenhaft angehen. Das Ziel muss deshalb der gesamte Kreis Viersen sein“, so Dr. Lüttgens, der die aktuelle Arbeit der AG Grundwasser, eine freiwillige Maßnahme, näher darstellte. Die Darstellung der anderen Seite, die verpflichtenden Maßnahmen, übernahm Franz-Josef Schockemöhle (Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen), der von einer jährlichen Kontrolle von knapp 2.600 Betrieben nach Zufallsauswahl berichtete – einer Prüfung der Nährstoffvergleiche nach Risikokriterien, zu denen auch der Gülle Im- und Export zähle. Aktuell sind im Kreis Viersen 2018 110 Betriebe geprüft worden. 24 Betriebe erhielten ein Ordnungswidrigkeitenverfahren, 14 Betrieben wurden Bußgelder von 100 – 2.000 Euro auferlegt.

Foto: Rheinischer Spiegel

Klare Zahlen konnte Dr. Nils Cremer (Erftverband) in seinem Vortag darstellen, wies auf 83 % Nitrat alleine aus der Landwirtschaft hin. „Hier müssen wir anpacken, wenn wir etwas verändern wollen“, so Dr. Cremer. 174 Grundwassermessstellen gäbe es im Kreis Viersen mit einer hohen Nitratbelastung des Grundwassers im Kreis Viersen mit bis zu 267 mg/l in einem Mittelwert aus sechs Jahren – bei einem Wert von 50 ml/l der erreicht werden müsste. Die Hauptursache läge in der landwirtschaftlichen Flächennutzung, weshalb er für eine Zusammenarbeit mit den Landwirten und eine Änderung der Flächennutzung warb. Ein großes Problem stelle der Nitratabbau dar, der im obersten Grundwasserstockwerk nicht nennenswert sei, erst in tieferen Grundwasserleitern käme ein solcher Abbau zustande. Insgesamt seien die Stickstoffüberschüsse zu hoch. „Wir wissen mittlerweile wohin die Düngungen führen“, sagt ein Bürger aus Viersen-Bockert. „Was ist mit der nächsten Generation? Mir reichen die Pläne nicht, es müssen neue Vorgaben her mit höheren Strafen! Eine veränderte Lebensweise. Wir müssen aufstehen für die Gesundheit unserer Kinder.“

Eine Kerbe, in die ebenfalls Dr. Manfred Dümmer (Landesarbeitskreis Wasser BUND) schlug, denn mit den aktuellen Maßnahmen seien die Ziele bis 2027 nicht zu erreichen. Die aktuelle Düngeverordnung sei nach BUND nicht ausreichend, es müsse mehr getan werden um die Nitratbelastung im Grundwasser zu verringern. Die Ausweisung von Wasserschutzgebieten war und sei zurzeit politisch nicht durchsetzbar, so wären aktuell fünf Wasserschutzgebiete noch nicht einmal ausgewiesen. Er forderte keine weitere Genehmigung von Anlagen zur Massentierhaltung, eine stärkere Beteiligung der Staatsanwaltschaft bei Gülleimporten und die Schaffung eines ausreihend dichten Grundwasser-Messstellen-Netzwerkes. Von den anwesenden Landwirten erhielt er hierzu keine Unterstützung, doch die anwesenden Bürger begleiteten seinen Vortrag mit zustimmendem Nicken.
„Ein informativer Nachmittag, der allerdings nur ein erster Schritt zur Aufklärung der Öffentlichkeit sein kann“, so ein Zuhörer aus Grefrath. „Die Folien haben gezeigt, dass es durchaus bis zu 20 Jahre dauern kann bis die Nitratwerte in einzelnen Bereichen gesunken sind. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, die Uhr hat schon lange geschlagen.“ (nb)