Notfelle Niederrhein: „Im ganzen Kreisgebiet gibt es so unglaublich viel Leid und Elend.“

Mehr schlecht als Recht hat der Antrag der Viersener FDP-Fraktion zur Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen die Hürde der ersten Stufe des Entscheidungsverfahrens genommen. Fehlende Zahlen von freilebenden Katzen sowie benötigten Kastrationen und Kosten oder die Frage: ‚Wer prüft das eigentlich?‘ machten ein Votum für die Bürokratie schwierig. Grund genug einmal bei einem der aktivsten Vereine in der Stadt Viersen nachzufragen, wie die tatsächliche Situation sich in der täglichen Arbeit darstellt.
Von RS-Redakteur Walter Henning

Viersen – Tierschützer setzen sich bereits seit Langem für eine Katzenkastrationspflicht in ganz Deutschland ein und während viele Kommunen bereits eine Entscheidung für eine solche Pflicht getroffen haben, sieht es in der Stadt Viersen eher danach aus, dass der Antrag der FDP Viersen für eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht bereits jetzt nur mit viel Wohlwollen noch nicht gekippt wurde. Dabei haben Tierheime und Tierschutzvereine die Situation um wildlebende und verwilderte Hauskatzen kaum noch unter Kontrolle, arbeiten mittlerweile am Rande ihrer Kräfte und Möglichkeiten. Die Zahlen sind erschreckend: Ausgehend von einer ausgesetzten, herrenlosen und verwilderten Katze, die zwei Mal im Jahr Junge bekommt und von denen pro Wurf nur drei Jungtiere überleben, kann nach zwei Jahren von 42 Tieren ausgegangen werden. Nach vier Jahren sind es über 2.000 Tiere, nach sechs über 100.000 Tiere, nach acht fast fünf Millionen Tiere. Zahlen, die die Tierschützer durch Kastrationsaktionen versuchen einzudämmen und trotzdem werden immer mehr Jungtiere gefunden. Häufig am Rande der Kraft, abgemagert und krank – kurz davor ein schmerzhaftes und elendiges Ende zu finden.

Umso wichtiger ist der Antrag der FDP für die Tierschützer. Der Rheinische Spiegel sprach mit dem 2013 gegründeten Verein Notfelle Niederrhein e. V., der nicht nur in der Stadt Viersen, sondern auch im Kreis bereits seit Langem eine Kastrationspflicht fordert und damit nicht alleine steht.

Rheinischer Spiegel: Wie stehen Sie zu dem Antrag der Viersener FDP für eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht von Hauskatzen?
Notfelle Niederrhein: Wir müssen zugeben, dass wir anfangs etwas überrascht waren als wir hörten, dass bei der Stadt Viersen nun ein Antrag für die Kastrations – und Kennzeichnungspflicht eingereicht wurde seitens der FDP. Das ist natürlich eine sehr gute Sache und wir würden uns auch sehr freuen, wenn wir ehrenamtlichen Tierschützer nun endlich Gehör bekommen, anstatt noch belächelt zu werden. Für die Situation der Tiere ist es absolut wichtig, dass die Stadt und der Kreis anerkennen, dass wir im gesamten Kreisgebiet eine viel zu große Katzenpopulation haben, und dass wir es nun endlich gemeinsam anpacken um Tierleid zu verringern.

Rheinischer Spiegel: Es hat bereits im letzten Jahr erneut einen Anlauf für eine solche Pflicht im Kreis Viersen gegeben. Was ist daraus geworden?
Notfelle Niederrhein: Im ganzen Kreisgebiet gibt es so unglaublich viel Leid und Elend, so viele unnötige Leben die zur Welt kommen um zu sterben. Deshalb wurde Jahr 2018 ebenfalls ein Antrag für den Kreis Viersen gestellt, der am 05.12.2018 nicht grundsätzlich abgelehnt wurde. Da dem Kreis keine aussagekräftigen Zahlen vorlagen wurde entschieden, dass in diesem Jahr Kastrations- und Aufnahmezahlen von allen Tierschutzvereinen sowie dem Tierheim gesammelt werden und bis dahin ein Zuschuss gezahlt wird. Ende 2019 wird nochmal neu beraten sowie entschieden. Eines der großen Hauptprobleme bei dem Antrag, der bei der Stadt Viersen vorliegt, ebenso wie bei dem Antrag für den Kreis Viersen, ist die Art und Weise wie der Bedarf nachzuweisen ist.
Es sollen Kastrationszahlen vorgelegt werden von allen Vereinen und dem Tierheim – daran soll der Bedarf fest gemacht werden und die Population errechnet werden? Wie soll diese Rechnung denn funktionieren? Ein Beispiel: Wenn ich wissen möchte wie viele Einwohner Süchteln hat, kann ich ja nicht bei einem Arzt in die Akten schauen und alle, die er nicht behandelt, leben dort nicht oder wie bestimme ich eine Einwohnerzahl?
Es müssen doch nicht die Tiere berücksichtigt werden, die wir schaffen einzufangen und zu kastrieren, sondern die Tiere, die im Kreis leben und wir denken da ist unsere Auflistung eine ganz gute Grundlage für eine sinnvolle Hochrechnung von Populationszahlen.

Rheinischer Spiegel: Wie gehen die Tierschützer mit der aktuellen Situation um?
Notfelle Niederrhein: Die Situation ist besonders für uns Ehrenamtler immer weniger auszuhalten. Es ist auch schon lange nicht mehr schaffbar aus finanzieller Sicht und es fehlt, wie überall, an aktiven Menschen und an Nachwuchs. Wir versuchen für jeden „Notruf“ im Kreis Viersen da zu sein, egal ob dieser von Menschen kommt die uns kennen oder im Internet finden oder auch oft genug über die Behörden. Ob es das Veterinäramt ist, ob es die Ordnungsämter sind oder auch das Tierheim, das Anrufern unsere Nummer gibt, wenn wieder irgendwo kranke oder verletzte Tiere gemeldet werden.
Wenn wieder Kitten irgendwo halb verhungert liegen oder wenn andere Meldungen kommen – wir versuchen so schnell es geht dort zu sein. Fangstellen und Kastrationsstellen müssen schon in Warteschleifen stehen, weil wir es mit wenigen aktiven Fängern (die auch gleichzeitig Pflegestellen sind) im gesamten Kreisgebiet niemals alles schaffen können und immer wieder Notfälle vorgeschoben werden.

Foto: Rheinischer Spiegel

Rheinischer Spiegel: Tierschützer sprechen für das Jahr 2019 erneut von einem Anstieg der Population. Wie steht es um die gesundheitliche Situation der Tiere?
Notfelle Niederrhein: 117 Tiere haben wir alleine in diesem Jahr bisher aufgenommen und für uns ist der Gesundheitszustand ja schon „ok“ wenn es denn „nur“ verklebte Augen oder ein wenig Schnupfen ist was die Katzen im Gepäck haben – oder wenn sie „nur“ runter gehungert sind und man jeden Knochen fühlt, aber ansonsten gesund sind. Dann können wir das als gesundheitlich „ok“ einstufen, weil die Lage im gesamten Kreisgebiet gesundheitlich eine Katastrophe ist. In unseren Pflegestellen kämpfen wir gegen Caliciviren, Chlamydien, Parvo (Katzenseuche), Pilzinfektionen, Mykoplasmen, Kokzidien, Giardien, E-Colis, Salmonellen und noch vieles mehr – und das in jeder Population und aus jedem Ort im Kreis. Viele Krankheiten sieht man den Tieren nicht unbedingt an und den Großteil der wildlebenden Streuner- und Hofkatzen bekommt der Mensch ja auch so gut wie nie zu sehen.
Muttertiere, die selbst noch „Teenager“ sind, und mit 8-10 Monaten werfen sind ja schon fast die Regel. Nur können diese Tiere sich meist gar nicht oder nicht lang genug um ihren Nachwuchs kümmern und es werden regelmäßig halb verhungerte Kitten gefunden oder direkt nach der Geburt alleine gelassen.

Rheinischer Spiegel: Arbeiten die Tierschützer bei einer solchen Sachlage nicht an der Grenze ihrer Möglichkeiten? Können so überhaupt weitere Tiere gefangen werden und wer bezahlt diese Einsätze überhaupt?
Notfelle Niederrhein: Wenn wir wochenlang, rund um die Uhr, um diese Leben kämpfen, was ganz oft einer Intensivpflege gleicht, wo wir im 2-3 Stunden-Takt infundieren müssen, und das geht (besonders in den Sommermonaten von April bis Oktober in denen am besten gefangen werden könnte) ganz weit darüber hinaus was Ehrenamtler leisten können und oft auch darüber hinaus was ein Mensch ertragen kann, dann können wir es nicht auch noch schaffen mit den wenigen aktiven Mitgliedern auch noch auf Fangstellen zu sitzen. Fallen dürfen nicht alleine und unbeaufsichtigt irgendwo stehen, also sitzen wir stundenlang und auch nächtelang an Fangstellen und hoffen, dass wir Tiere einfangen können, die dann kastriert, gechipt und ggf. medizinisch behandelt werden können.

Finanziell stehen wir mit diesen Kosten grundsätzlich vollkommen alleine da und immer wieder mit dem Rücken an der Wand, weil die Tierarzt- und Medikamentenkosten einfach den Rahmen schon lange sprengen für so einen kleinen Verein wie uns, der um jeden Euro kämpft. Die meisten Tiere müssen nicht nur kastriert werden. Da muss der eine oder andere Zahn gezogen werden, eine Wunde versorgt, ein Katzenschnupfen behandelt, Flöhe und Würmer bekämpft werden.

Ganz ehrlich, es ist eigentlich ein Unding das eine Frau (bei uns sind alle Aktiven Frauen) nachts um 2.30 Uhr alleine an einer Fangstelle sitzt, und dass wir alles das tragen ohne auch nur ein wenig Unterstützung zu bekommen. Wir würden uns sehr wünschen, dass wir auch hier irgendwann einen gemeinsamen Weg finden würden, wie man diese ganze Arbeit im Kreisgebiet anerkennen und finanziell, aber auch personell, unterstützen kann. Vielleicht wäre es auch hier in Viersen endlich mal an der Zeit, dass man aufhört eine Pauschale für die Fundtierannahme an das Tierheim zu zahlen und an den nächtlichen Bereitschaftsdienst, während wir nachts für die meisten Notrufe rausfahren. Anstatt einer Pauschale wäre es schon lange fair, wenn die Fälle abgerechnet und entlohnt werden die auch geleistet werden. Würden wir nur ein wenig Hilfe bekommen und im Stande sein wenigstens auch mal eine Aufwandsentschädigung an die aktiven Mitglieder, die so viel leisten müssen, zahlen zu können, dann könnten wir sicher auch Helfer länger halten, aber so schafft es doch kein Mensch lange. Nur darum ist es in den Tierschutzvereinen doch nahezu immer so, dass die Vorstände, die auf dem Zahnfleisch laufen, fast alles alleine machen.

Rheinischer Spiegel: Ein Gegenargument in den Beratungen zum Antrag der FDP war die Frage, wer eine solche Pflicht kontrollieren oder gar bezahlen soll. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Notfelle Niederrhein: Die Argumente gegen die Kastrationspflicht „Das kann ja keiner kontrollieren“ oder „Da haben wir keine Gelder für“ können wir nicht verstehen. Wir sind uns doch sicher einig, dass die Ehrenamtler weiterhin diejenigen sind, die sich um diese Belange unentgeltlich kümmern müssen und werden.

Das wird fast überall in Deutschland so gehandhabt, wo es diese Verordnung gibt. Diese Verordnung allerdings würde uns doch endlich die Grundlage geben das größte Problem anzugehen, nämlich die „Hofkatzen“ in ländlichen Gebieten. Dort wo man meint, dass Kastrationen unnötig sind und wir die Leute mit vernünftigen Argumenten nicht überzeugen können, können wir dann anbieten die Tiere zu sichern und über uns, auf unsere Kosten, kastrieren zu lassen, bevor eine Strafe droht. Erst wenn das weiterhin abgelehnt würde, könnten wir einen Hinweis an die zuständige Behörde mit Beweisen und Zeugenaussagen weiterleiten. Wenn dann noch Bußgelder verhängt werden, wird es doch eher Einnahmen geben in die Kassen der Stadt oder des Kreises, aber keine zusätzlichen Kosten. Wir denken, dass die Population in den Gebieten, die wir betreuen, bei 6.000 – 8.000 Katzen liegt (Freigänger sind natürlich nicht mitgerechnet) – hinzu kommen die Gebiete im Kreis Viersen, denen sich andere Tierschutzorganisationen angenommen haben.

Der als gemeinnützig anerkannte Verein ist dringend auf Futter-, Geld- und andere Sachspenden angewiesen. Ebenfalls eine Mitgliedschaft ist möglich, der Jahresbeitrag beträgt 20,00 Euro.

Notfelle Niederrhein e.V.
Spendenkonto: Sparkasse Krefeld | IBAN: DE62 3205 0000 0000 2731 51 | BIC: SPKRDE33
www.notfelle-niederrhein.de
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