Obdachlosigkeit in Viersen: Weniger Räumungsklagen, aber mehr Frauen und ältere Menschen

Bereits seit 1999 gehört die Vermeidung und Beseitigung von Obdachlosigkeit zur Aufgabe der Fachstelle für Hilfen in Wohnungsnotfällen im Fachbereich Soziales und Wohnen innerhalb der Stadt Viersen. Häufig wird innerhalb der Gesellschaft der Blick abgewendet, nach einem Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/Die Grünen lässt die Verwaltung aber nun einen näheren Blick in einem aktuellen Bericht zu.
Von RS-Redakteur Dietmar Thelen

Viersen – Gerade bei immer weiter steigenden Mietpreisen und langen Suchen auf dem Wohnungsmarkt gehört dieses Thema zu einer Herausforderung, der es sich zu stellen gibt. Doch Viersen ist keine Großstadt und Obdachlose fristen ihr Leben hier nicht in Schächten oder U-Bahnstationen. So zeigt es auch der Bericht der Fachstelle auf, denn mit der Aufnahme der Fachstellenarbeit vor zehn Jahren konnte die Anzahl der in Obdachlosenunterkünften eingewiesenen Personen von 121 zu Beginn der Arbeit auf 14 Personen Mitte 2019 verringert werden. Diese positive Bilanz ist das Ergebnis der präventiven Arbeit der mit insgesamt vier Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern besetzten Fachstelle – dennoch gibt es ebenfalls negative Tendenzen, denn immer mehr Frauen und ältere Menschen nehmen das Angebot der Übernachtungsstelle wahr.

Aktiv wird die Fachstelle bei allen unfreiwillig obdachlosen oder von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen in der Stadt Viersen, heraus fallen meist die, die freiwillig obdachlos sind oder keine Hilfe annehmen möchten. Dennoch, auch diesen Personen wird bei Bekanntwerden der Notlage selbstverständlich die Hilfe der Fachstelle angeboten und mitgeteilt wo und wer Hilfe im Bedarfsfalle anbieten kann.
So ist nicht jeder, der in den Parks und Grünanlagen der Stadt Viersen anzutreffen ist, manchmal mit einer Flasche in der Hand obdachlos – ganz im Gegenteil, in der Regel haben diese Menschen eine eigene Wohnung und nutzen diese Plätze lediglich als Treffpunkt.

Foto: Alexandra/Pixabay

Ebenfalls die Anzahl der Räumungsklagen ist gesungen, trotz der Verknappung des Angebots an angemessenem Wohnraum – insbesondere für Transferleistungsbezieher. Eine Tendenz ist allerdings nicht abzulesen, denn die Anzahl der Räumungstermine schwankt im Fünfjahreszeitraum. Sie war im Jahr 2018 auf dem gleichen Niveau wie im Jahre 2014, so musste in den Jahren 2014 bis 2016 nur jeweils ein Haushalt pro Jahr ordnungsbehördlich untergebracht werden. Im Jahr 2017 waren es fünf Haushalte und im Jahr 2018 lediglich drei Haushalte. Wer Hilfe benötigt kann dabei auf das Netzwerk der Fachstelle zurückgreifen, welches von Jugendamt, Ordnungsamt oder Sozialamt bis zu Wohnungsgenossenschaften, Jobcenter, Drogen- sowie Schuldnerberatung bis zum Frauenhaus reicht.

Etwas anders sieht die Tendenz bei Obdächern und der Übernachtungsstelle aus, denn während in 2013 nur drei Personen untergebracht waren, hat sich die Zahl Mitte vergangenen Jahres auf 19 Personen erhöht, Mitte dieses Jahres waren lediglich 14 Personen untergebracht. Der Bericht der Fachstelle weist darauf hin, dass es „derzeit aufgrund des engen Wohnungsmarktes, insbesondere im Segment der angemessenen Wohnungen für Transferleistungsbezieher, äußerst schwierig ist diese Obdachlosenhaushalte in ein ordentliches Mietverhältnis zu überführen. In Zeiten von Wohnungsleerständen werden leerstehende Wohnungen häufiger auch an Obdachlosenhaushalte vermietet. Bei der jetzigen Wohnungsknappheit haben diese Haushalte kaum eine Chance im Wettbewerb mit anderen Haushalten ohne eine solche Vorgeschichte.“ Aufgrund dessen ändert sich die Zahl der übernachtenden Personen fast täglich und während noch vor wenigen Jahren nur selten alleinstehende obdachlose Frauen das Angebot der Übernachtungsstelle in Anspruch nahmen, wird der Frauentrakt mittlerweile fast durchgängig genutzt. Hinzu kommt eine weitere Tendenz, die durchaus als Spiegelbild unserer Gesellschaft betrachtet werden kann, denn mittlerweile gehören zu den Gästen der Übernachtungsstelle ebenfalls häufiger ältere Menschen oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Mit Blick darauf, dass die Übernachtungsstelle die allerletzte Möglichkeit zum Schutz der Obdachlosigkeit zeigt sich, wie dringend die Arbeit der Fachstelle fortgeführt werden muss. (dt)


Städtische Übernachtungsstelle offen für Menschen ohne Obdach

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